Die Jahre, in denen Journalisten vor allem Meinungen produzierten, sind vorbei. Wer als Journalist für die Objektivität oder zumindest Sachlichkeit seiner Argumente bürgen will, muss sie heute mit Daten und Diagrammen belegen, so wie der Reporter seine Texte mit Fotos. Nicht einmal ein Essay kommt mehr ohne einen autoritativen Bezug auf Statistiken aus: "Empirische Studien belegen, dass ...".

Inzwischen dominiert der "Faktencheck" – so nennt sich eine bekannte Rubrik aus der Polit-Talkshow Hart aber fair – den medialen Diskurs. Man könnte diese Haltung auch als statistical correctness bezeichnen. Ihren Durchbruch erlebte sie wahrscheinlich während der amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2008. Obwohl der Republikaner McCain gegen Obama chancenlos war, behaupteten Journalisten und Talkshow-Kommentatoren in schrillem Ton, das Rennen werde knapp. Doch außer Obama gewann noch ein anderer die Wahlen, nämlich der junge Statistiker Nate Silver, der in seinem Blog mit soliden, datengestützten Prognosen das Wahlergebnis korrekt vorausgesagt hatte. Das Kunststück wiederholte er bei den Wahlen 2012 für die New York Times. Silver wurde zum Vorbild zahlloser junger Datenjournalisten und betreibt heute das Onlinemagazin FiveThirtyEight, das von Politik über Sport bis hin zu Musik und Esoterik alles in Daten zu erklären versucht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Nate Silver kam zur richtigen Zeit. Talkshows und Soziale Netzwerke produzieren einen derartigen Ausstoß an Privatem und Subjektivem, dass es immer zweifelhafter wird, ob eine Wahrheitsfindung durch Diskussion und Streit überhaupt noch möglich ist. Wenn Journalisten nun auf massenhafte Daten frei zugreifen können und sie statistisch auswerten, versprechen sie auch, ein objektives Abbild der Wirklichkeit zu liefern. Statt einen ideologischen aufgeheizten Streit zu führen, müsse man die empirischen Daten nur korrekt analysieren – und schon halte man die Wahrheit in den Händen. Anders gesagt: Journalisten codieren Argumente dann nicht mehr im Schema links oder rechts, politisch korrekt oder inkorrekt oder auch provokant oder langweilig. Sie fragen stattdessen nach der Aussagekraft von Daten. Warum soll man noch das unergründliche Wesen von Pegida-Demonstranten umständlich kommentieren, wenn man die Daten ihre Sympathisanten einfach anhand ihrer Facebook-Likes auswerten kann? Und belegte nicht eine Studie der Universität Cambridge, dass uns unsere Facebook-Likes sowieso besser kennen als unsere eigenen Freunde?

Nur ist der Glaube an die unwiderlegbare Objektivität der Daten ein Irrtum, und niemand anders als Nate Silver selbst hat uns das vor Augen geführt. Sein wichtigstes Buch heißt nicht zufällig The Signal and the Noise (der pompöse deutsche Titel Die Berechnung der Zukunft wird dem differenzierten Inhalt nicht gerecht) und ist als eine Warnung zu verstehen: Auch wenn Daten und Diagramme uns so klar und deutlich scheinen wie Sterne in der Nacht; auch wenn die Verlockung überall groß ist, sich nicht nur an ihnen zu orientieren, sondern auch gleich die Zukunft aus ihnen zu lesen – Daten sind kein getreues Abbild der Wirklichkeit. Sie sind es ebenso wenig wie eine körnige Schwarz-Weiß-Fotografie. Daten haben zwar ein Bezugsobjekt in der Welt, aber sie sind voller Rauschen und Fehler, sie sind selektiv gezoomt oder stellenweise diffus bis zur Unkenntlichkeit. Noise eben.

Dem Streit um die Wahrheit setzen Daten also kein Ende. Datenanalyse und statistical correctness sind nur ein weiterer Standpunkt in dieser Diskussion, die letztlich vor allem ein philosophischer und politischer Streit um das richtige Leben ist. Wie dieses richtige Leben beschaffen ist, hat noch keine Studie belegt.