Geht es in Rom jetzt um Reformen? Es geht um weit mehr: um die geschichtliche Wahrheit des Evangeliums. Wichtig ist nicht der Streit um die Wahrheit, sondern die Wahrheit des Streits, also die Fähigkeit der Kirche, den Wahrheitswert anderer Positionen anzuerkennen. Die Traditionalisten wollen das nicht. Deshalb ist ihre Meinung schon heute nicht mehr Teil des Streits um Wahrheit in unserer offenen Gesellschaft. Dort muss man fähig sein, zu lernen und sich zu verändern. Traditionalisten aber wissen alles vorher. Sie glauben, die Wahrheit des Evangeliums sei an der Geschichte vorbei zu haben. Ihre Hermeneutik des "Immer und Ewig" widerspricht schon den Einsichten der historisch-kritischen Bibelwissenschaften – ganz zu schweigen von heutigen Erkenntnissen zu Gender und Sex.

Die Synode in Rom wird am Ende von einem Papst entschieden, der kein Traditionalist ist. Er ist ein Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils und weiß: Leben und Lehre, Pastoral und Dogma bestimmen sich wechselseitig. Die Wahrheit des Glaubens ist geschichtlich – die Lehre der Kirche muss offen sein für Herausforderungen, und deshalb hat sie sich immer wieder verändert. Wie auf dem letzten Konzil.

Deshalb sagte der Papst den Bischöfen zum Auftakt der römischen Synode: Die Kirche ist kein Museum ihrer Wahrheit, sondern weist den Weg in die Zukunft. Der Streit darum beschäftigte vor 50 Jahren schon das Konzil: Wie ist das Evangelium historisch zu verstehen?

Seit der Reformation verstand sich die Kirche als societas perfecta, als eine Gesellschaft, die aus sich selbst heraus über alle Ressourcen verfügt, um lebensfähig zu sein: Kirchenstaat und Kirchenrecht, Definitionsmacht über die Wahrheit und Pastoralmacht über die Gläubigen. Die hatten den kirchlichen Normen zu folgen. Über dieses Kirchenmodell ist die Zeit hinweggegangen. Das Zweite Vatikanische Konzil machte Schluss mit dem Selbstverständnis einer Kirche, die sich von anderen Wahrheiten und der Realität nicht beeindrucken lässt.

Traditionalisten nennen den Zeitgeist relativistisch. Ein Missverständnis. Denn es geht nicht um billige Anpassung, sondern um die Zeichen der Zeit, anhand derer sich die Bedeutung des Evangeliums erst erweist. Franziskus macht klar: Die Lebenswirklichkeit heutiger Menschen liefert nicht den Anwendungsfall für alte kirchliche Wahrheiten, sondern entscheidet über deren Sinn und Bedeutung. Im Vordergrund, so der Papst, steht immer Jesus selbst. Sein Evangelium der Liebe zeigt sich in persönlicher wie in kirchlicher Barmherzigkeit. Barmherzigkeit aber entsteht im konkreten Fall, angesichts heutiger Ängste, Leiden, Schicksale, Nöte. Hier zeigt sich die geschichtliche Wahrheit des Evangeliums.

Wer ihr misstraut, gibt den Glauben an die Geschichtsmacht Gottes preis. Das ist tatsächlich theologischer Relativismus. Man könnte auch sagen: Atheismus. Traditionalisten sind im Grunde glaubensschwach. Dagegen hilft laut Papst Franziskus nur: "Nicht nach unten schauen in Selbstbezogenheit, sondern auf die Horizonte Gottes." Den amerikanischen Bischöfen empfahl er während seiner USA-Reise Mut: "Habt keine Angst, den notwendigen 'Exodus' zum echten Dialog zu vollziehen." Das ist nicht mehr die alte societas perfecta, die wahrheitssicher in sich ruht, sondern eine Kirche im Aufbruch. Nein, die katholische Kirche ist kein Museum. Wenn die Synode das nicht klarmacht, muss der Papst es tun.

Gregor Maria Hoff lehrt Fundamentaltheologie in Salzburg