Muss doch großartig sein, so als Kunsthändler: Seit Kurzem interessieren sich für Kunst selbst Menschen, die gerade mal einen Picasso von einem Matisse unterscheiden können, und wollen kaufen. Dieser Kundschaft sitzt das Geld mehr als locker, auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten. Folglich jagt auf dem großen Markt der Bilder, bei den Auktionen in London oder New York, ein Rekordpreis den nächsten. Da müsste der Chef eines Auktionshauses doch eigentlich nur dasitzen und nachzählen, was hängen bleibt.

Für Robert Ketterer, Inhaber von Ketterer Kunst in München, stellt sich die Aufgabe so dar: "Wir sind ein unternehmergeführtes Haus. Mein Vater hat es mir vor 20 Jahren übergeben. Ich muss und ich werde 50 Mitarbeiter bezahlen. Ich brauche keinen Peak, sondern ich brauche Kontinuität, und die möglichst sicher." Mag die Stimmung auf dem Markt auch hektisch und aufgeheizt sein – das Auktionshaus hat dem ein kühles Statement entgegengesetzt: den blendend weißen Palazzo auf dem Riemer Messegelände. Ketterer Kunst residiert hier seit 2008, nachdem es in der Innenstadt zu eng geworden war. Frisch und bester Dinge empfängt der 46 Jahre alte Inhaber. Weißes Hemd, helle Chinos, blaue Augen, Jungs-Charme; Skilehrer wollte er mal werden, es wurde nichts daraus. In der Branche heißt es: Er hat das Haus vorangebracht und bei der jüngsten Sommerversteigerung Rekorderlöse in Höhe von mehr als 26 Millionen Euro eingefahren. Alles musste raus? Nicht ganz: Auf dem Fenstersims ruht ein Guss von Egon Schiele, an der Wand hängen zwei Illustrationen von Dodo, einer Malerin der Neuen Sachlichkeit. Ketterer vergisst nicht zu bemerken, sie seien falsch angeordnet.

Leinwände mit Nägeln wurden von Ladenhütern zu Millionenobjekten

Tiefe Stille heute im Entree, Designersofas träumen vor sich hin. Was für ein Kontrast zu der hektischen Stimmung bei Versteigerungen, wenn hier die elektronischen Anzeigetafeln blinken und Angestellte wie Kunden verfolgen, wo gerade das Gebot steht, in Euro, Pfund, Dollar und sogar in Bitcoins. Wobei die virtuelle Währung schneller auf- und abwertet, als Jackson Pollock die Ölfarbe auskippen konnte.

Rekordumsätze und Spitzenpreise sind das eine, der Ruf des Kunsthandels ist das andere. In jüngster Zeit hat er kein schönes Bild abgegeben. In Erinnerung ist noch die Posse um den milde bestraften Fälscher Wolfgang Beltracchi. Wie viele seiner raffinierten Lookalike-Kunstwerke von Pechstein, Campendonk & Co. mögen noch im Umlauf sein? Niemand weiß es. Dann gab es den Wirbel um den verwirrten Cornelius Gurlitt, den Greis, der jahrzehntelang in seiner Schwabinger Wohnung Hunderte von Spitzenwerken hortete, Stichwort NS-Raubkunst. Seitdem schiebt sich die Frage der Provenienz, der Herkunft und Vorgeschichte von Kunstwerken, immer stärker ins Blickfeld. Und nicht zuletzt leidet der Markt alter Schule unter der Spekulation von Trittbrettfahrern, die schnell kaufen und schnell wieder abstoßen, was irgendwie nach Wertzuwachs riecht. Das nennt man art flipping.

Hohe Preise, knapp bemessene Ware – damit muss sich auch Ketterer herumschlagen. Da heißt es, sich umzutun, zu reisen, Besitzer zu umwerben. Sammler wissen heute ziemlich genau, über welch begehrtes Gut sie verfügen. Expressionismus, klassische Moderne, aber auch dies und das aus dem 19. Jahrhundert – der Markt ist bereits gähnend leer. Selbst internationale Auktionshäuser bekommen Probleme. Die Hochglanzkataloge von Sotheby’s und Christie’s, die jahrzehntelang als Lockspeise zuverlässigen Umsatz garantierten, werden immer dünner. Zu hören ist, dass sich Sotheby’s nach einem miserablen Quartal in seiner Not schon auf Immobilien verlegen könnte.

Der Erfolg einer Auktion entscheidet sich bei der Objektakquise. Bei der Ketterer-Versteigerung im Juni lief alles bestens, der Pechstein brachte 825.000 Euro, der Lucio Fontana 1,5 Millionen und dann eben die Sache mit Günther Uecker, dem Düsseldorfer Künstler. Eine Uecker-Installation umrahmt noch den Eingang des Fahrstuhls, eine Art Nagelportal. Nägel sind Ueckers Spezialität, er ordnet sie auf Leinwänden an, nach Art von Eisenspänen auf einem Magnetfeld. Lachend erinnert Ketterer daran, dass diese noch in den neunziger Jahren beinahe Ladenhüter waren. Wer wollte – und das waren nicht viele –, konnte einen Uecker damals für 50.000 Mark mit nach Hause nehmen. Vor einem Jahr wurde eine seiner Arbeiten dann schon für 1,1 Millionen Euro verkauft. Und als nun im Juni ein auf 300.000 Euro geschätztes Werk (Hommage à Paul Scheerbart) aus den späten Sechzigern aufgerufen wurde, ließ Ketterer den Hammer bei 1,87 Millionen Euro fallen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Er liebt bühnenreife Auftritte. Wenn der Puls hochgeht und er den Eindruck hat, die Stimmung im Saal anheizen oder abkühlen zu können, je nach Bedarf. Was spielt es da schon für eine Rolle, dass es bei der Vorbesichtigung einige Kollateralschäden gab? Damen, die den Uecker-Arbeiten zu nahe gekommen waren, meldeten beschädigte Kaschmirpullis und eine verhedderte Handtasche. Einer der Nägel war gar herausgerissen worden. Kein Drama, auch der Künstler selbst blieb gelassen. Es handelt sich um Standardware aus dem Baumarkt.

So stellt sich die dumme alte Frage immer wieder neu: Was ist Kunst? Und was ist sie wert ? Darum dreht sich alles im Auktionshaus, das im vergangenen Jahr Umsatzerlöse in Höhe von 50 Millionen Euro erzielt hat (neben den Gewinnen aus Versteigerungen zählen dazu auch Provisionserlöse). Auf den 3.500 Quadratmetern des Kunstkubus an der Joseph-Wild-Straße ist zu erleben, was das abseits der glamourösen Versteigerungen bedeutet.