Es gibt ein Sprichwort in Hamburg, dem jeder Gast aus dem Süden zustimmt: "Die eine Hälfte des Jahres regnet es hier, die andere ist das Wetter schlecht." Einheimische hingegen tun alles, um diese Aussage Lügen zu strafen.

Sie kaufen Cabrios, stürzen sich beim ersten Sonnenstrahl auf die freien Stühle vor den Cafés, egal, wie nass die Sitzfläche ist. Oder sie schlendern selbst mit schlimmstem Husten Eis essend durch die Stadt. Und natürlich nehmen sie Regen erst wahr, wenn andere ihn schon als Wolkenbruch bezeichnen würden.

Regenschutz halten Hamburger ohnehin für lächerlich. Scheint drei Tage die Sonne, jauchzen sie das Hoch zu einem "Hammerherbst" hoch. Kurz: Viele in der Stadt versuchen dermaßen angestrengt, das Klischee vom Regenloch Hamburg zu widerlegen, dass man ihnen fast unterstellen muss, sie wüssten, dass es wahr ist.

Aber was ist dran am Vorurteil? Mein ZEIT -Kollege Christoph Drösser hat Zahlen des Deutschen Wetterdienstes ausgewertet. Er kommt zu einem für Münchner wie Hamburger gleichermaßen überraschenden Ergebnis: "Im langjährigen Mittel", so Drösser, "haben die beiden Metropolen im Süden und im Norden gleich viele Regentage, nämlich 133."

Rührt dann das weitverbreitete Gefühl, dass es in Hamburg doch öfter regnet, daher, dass es hier vielleicht mehr regnet – also einfach mehr Wasser niederrauscht? Im Gegenteil: Im Jahresdurchschnitt schüttet der Himmel über der Hansestadt nur 763 Liter pro Quadratmeter aus, in München aber 971.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Erklärung ist ganz einfach: Wenn es in München regnet, dann richtig – und irgendwann hört es wieder auf. In Hamburg dagegen verteilt sich die geringere Menge über längere Zeit grausam-genüsslich als Nieselregen. Schuld ist der maritime Einfluss: All die Wolken vom Meer müssen ja irgendwo herumhängen. Hamburg hat 161 Wolkenstunden mehr als München.

Wir müssen also einräumen: Der Spruch von dem schlechteren Wetter ist leider kein reines Klischee. Zumindest, wenn man einzig Sonnenschein als gutes Wetter definiert.

Aber Kopf hoch, es gibt schlimmere Orte. In Wuppertal, errechnete der Deutsche Wetterdienst, fallen im Jahr 1154 Liter Regen auf den Quadratmeter – und besonders viele Sonnenstunden hat die Stadt auch nicht. Nicht umsonst sagen Wuppertaler, sie würden "mit dem Regenschirm geboren".

Hamburger dagegen?

Würden das niemals zugeben.