Östlich von Graz wachsen Schlingpflanzen. Sie spielen Urwald, ranken sich im Foyer um das Geländer, sollen an die Heimat des Kakaos erinnern. Julia Zotter steht neben einer Bananenstaude und erzählt von den Unterschieden zwischen Shanghai und der Steiermark. Dass die tropischen Pflanzen bei ihr im Fernen Osten nicht richtig wuchern wollen. Und dass Schokolade für Chinesen viel weniger süß sein soll.

Aber da geht die Tür auf. Ein Schwarm von 50 Leuten strömt herein, sie wollen ihren Rundgang durch die Manufaktur von Josef Zotter in Riegersburg beginnen. Julia entschuldigt sich, schlüpft rasch unter einem Absperrband durch und verteilt Audioguides an die Besucher.

Jeder Ausbilder im Dienstleistungssektor hätte seine Freude an dieser jungen Frau: freundliches Lächeln, das keine professionelle Oberflächlichkeit ausstrahlt, gewinnender Tonfall, dazu dieses Gespür für die Situation.

Ihr Haar trägt sie rot, es fällt in üppigen Locken auf die Schultern. Vor zwei Tagen ist sie aus Shanghai zurückgekommen, ihr erster Gang in Österreich führte zum Friseur. "In China hab ich mir einmal die Haare schneiden lassen – nie wieder!", sagt sie, "da bin ich mit einem Vokuhila rausgekommen."

Julia Zotter, 27 Jahre alt, ist die älteste Tochter des Chocolatiers Josef Zotter. Seit zwei Jahren ist sie ihre eigene Chefin. In Shanghai leitet sie die Dependance des Familienunternehmens. Sie ist verantwortlich für 50 Mitarbeiter und eine Investition von vier Millionen Euro. Ihre Mission: Sie will Chinesen für handgeschöpfte Schokolade begeistern, gefüllt mit Ziegenmilch, Grammeln oder Spargel aus kontrolliertem biologischem Anbau.

Bei einem Rundgang durch das Stammhaus in Riegersburg erklärt sie, wie das funktionieren soll. Das Schokoladentheater in Shanghai ist genauso inszeniert wie die Manufaktur im Steirischen Vulkanland. Alle Besucher machen einen Rundgang um die gläserne Produktion. Zuvor erhält jeder einen Löffel, mit dem er so viel Süßes probieren darf, wie in ihn hineinpasst. Die Chinesen bekommen allerdings keinen Audioguide. Stattdessen erklärt ein menschlicher Führer den Besuchergruppen, wie aus Kakaobohnen Schokolade wird. An Spitzentagen staunen in Shanghai 300 Gäste.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

"In China kennt uns niemand", sagt Julia Zotter, "deshalb können wir dort alles ausprobieren." Im Reich der Mitte ist Schokolade ein exotisches Life-styleprodukt aus dem Westen, das man den Chinesen erst einmal erklären muss. Bevor Julia Zotter über Geschmack spricht, fängt sie mit dem Nutzen an. Sie erklärt den Asiaten, dass Kakaobutter gut für die Haut ist und deshalb von der kosmetischen Industrie verwendet wird. "Damit kriege ich schon mal die junge Dame", sagt sie und strahlt.

Man könnte Julia Zotter für eine junge Frau aus der Studenten-WG halten. Sie spricht nicht im Managerjargon. Sie freut sich über die lieblichen Hügel des Steirischen Vulkanlandes, über denen die Riegersburg thront. Sie nimmt eine Mitarbeiterin der Manufaktur in den Arm, die sie seit Monaten nicht mehr gesehen hat. Bei dieser innigen Begrüßung ist schwer zu entscheiden, welches von den beiden Mädels mehr strahlt. Es spricht alles dafür, dass Julia Zotter tatsächlich ein lieber Mensch ist. Aber wer sie darauf reduziert, unterschätzt sie.