Straßenhunde in einem Zwinger der Regierung in Bukarest

Die Erleuchtung kam mir mitten in den Karpaten. Genauer: auf der Straße von Târgoviște nach Braşov, da, wo sie eine Weile am Ialomița entlang verläuft, einem Fluss, der viel weiter südlich in die Donau mündet. Links und rechts der Straße türmten sich Schutthaufen, die manchmal von Müllhaufen nicht zu unterscheiden waren. Darauf lümmelten sich streunende Hunde, wie überall in Rumänien. Die meisten dösten oder schliefen. Einige standen aber auch – dünn und struppig – auf irgendwelchen Vorsprüngen und betrachteten den Verkehr oder das Land ringsum oder wer weiß was.

Wer jemals in Rumänien war, kennt das Bild. Wer noch nie da war, weiß sogar noch besser Bescheid, denn das mediale Image dieses Landes, lange Zeit von den bedrückenden Verhältnissen in Waisenheimen geprägt, wird heute von Berichten über miserabel behandelte, verfolgte und vergiftete Straßenhunde bestimmt. Ich selbst hatte bis dahin schon zahllose Streuner in Rumänien gesehen, scheue Einzelgänger in den Städten, Furcht einflößende Rudel in Bukarest, immer hungrige Strandhunde an der Schwarzmeerküste. Ich kenne den Reflex, so ein armes Tier kurzerhand mitzunehmen, um ihm zu Hause eine schönere Zukunft zu schenken. Die Arbeit der Tierschutzgruppen, die in Süd- und Osteuropa Tausende von Hunden vor Misshandlung, Hunger, Krankheit und Giftspritzen retten, um sie schließlich in Deutschland an Tierfreunde abzugeben, fand ich sympathisch. Doch hier, in den Karpaten, hatte ich plötzlich eine Art Vision: Diese räudigen Köter im mit alten Plastikflaschen verdreckten Ialomița-Tal, wie sie da auf dem Müll hausten, wirkten auf eine anrührende Weise selbstbewusst. In ihrem Element. Sogar zufrieden. Und sie sahen aus, als wollten sie mir zeigen, womit ich am allerwenigsten gerechnet hätte: Stolz und Würde.

Was sollte ich nun vom Hunderetten halten? Was bedeutet es, dass Hunde wie diese nach einer aufwendigen "Rettungsaktion" nach Einfangen, Einsperren, medizinischer Betreuung, Kastration, Quarantäne und einem langen Transport in der Zweizimmerwohnung einer deutschen Großstadt landen? Und dann zweimal täglich auf Asphalt Gassi gehen, natürlich an der Leine. Jeden Tag das gleiche Trockenfutter bekommen. Keinerlei Rudelkontakte mehr haben und stattdessen ein Leben unter der strengen Fuchtel von Herrchen und Frauchen führen, die, mit dem Ratgeber in der Hand, gnadenlos ihre humane Dominanz durchkämpfen wollen. Diese Vorstellung erschien mir plötzlich ausgesprochen unangenehm, bedrückend, ja brutal. Die Frage war doch: Wenn die Hunde die Wahl hätten, würden sie freiwillig ihre arme, wilde Heimat verlassen? Zugunsten einer Satt-und-sauber-Welt in Wuppertal, Kiel oder Sindelfingen?

Monate später treffe ich Stefan Kirchhoff. Der gebürtige Ostfriese ist gelernter Tierpfleger und hat mehrere Jahre lang ein Tierheim geleitet. In dieser Funktion hatte er auch immer wieder mit importierten Streunern zu tun, meist weil deren Besitzer sie wieder loswerden wollten. Irgendwann beschloss Kirchhoff, die ausländischen Hunde da zu besuchen, wo sie herkommen. Drei Monate lang fuhr er mit seinem VW-Bus durch die einschlägig bekannten Herkunftsländer Italien, Griechenland, die Türkei, Bulgarien, Rumänien und die Staaten des ehemaligen Jugoslawien. Er hatte vorausschauend einen großen Sack voller Hundefutter mitgenommen. Nach drei Monaten und achttausend Kilometern war der Sack noch immer nicht leer und Kirchhoff um viele Erfahrungen reicher. Statt zähnefletschender Hungerhorden hatte er viele freundliche, den Menschen zugewandte Hunde kennengelernt, die akzeptabel genährt und verhältnismäßig gesund waren. "Damit habe ich nicht gerechnet: Es kann Hunden auf der Straße richtig gut gehen", sagt Kirchhoff, der seine Erfahrungen in dem Buch Streuner! Straßenhunde in Europa zusammengefasst hat.

Das, was dem fernen Tierfreund als das schlimmste Übel für die Streuner erscheint, der Hunger, ist wohl nicht ihr Problem. "Über 95 Prozent aller Straßenhunde, die ich gesehen habe, waren in einem erstaunlich guten Ernährungszustand", berichtet Kirchhoff. Er vermutet, dass der freie Zugang zu Müllkippen und Müllbehältern und der Umgang mit Essensresten, der in diesen Ländern oft recht sorglos ist, den Streunern hilft. Dazu kommt, dass viele Menschen die Streuner füttern – selbst in Gegenden, die wegen ihres Umgangs mit Hunden berüchtigt sind. In der Türkei, wo (wie in allen muslimischen Ländern) der Hund als unrein gilt, erfuhr der Reisende von vielen Hundefreunden, etwa von der Frau, die auf dem Weg zum Lebensmittelgeschäft regelmäßig zwanzig Streuner im Schlepptau hatte. Die Hunde wussten, dass die Frau für sie alle Essen dabeihaben würde, wenn sie aus dem Laden kam.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Noch etwas fiel Kirchhoff während seiner Reise immer wieder auf: Was aussieht wie ein herrenloser Streuner, kann alles Mögliche sein. Ein ausgesetzter Hund, ein auf der Straße geborener Hund oder auch ein Hund mit Zuhause. Ich selbst kenne in Transsylvanien einen alten vierbeinigen Rumtreiber, der irgendwann beschloss, sesshaft zu werden. Er zog bei meiner Schwiegermutter ein. Sie überließ ihm eine Decke unterm Vordach und ihre Essensreste. Einmal täglich steht György ostentativ vor dem Tor zur Straße und wartet, bis er rauskann. Er verschwindet dann für Stunden, wird Kilometer entfernt gesehen, und abends sitzt er geduldig draußen vor dem Tor und wartet auf Einlass. Niemand auf der Straße käme auf die Idee, dass György ein Zuhause hätte.

Dem Hund könnte nun alles Mögliche widerfahren. Kommunale Hundefänger könnten ihn erwischen. Er könnte eine Giftspritze bekommen oder einen engen und schmutzigen Platz im Tierheim, wo man ihn einsperrt bis zum Tod oder zur Auswanderung mithilfe von Tierfreunden. Die Alternative wäre der Tod im Straßenverkehr – aber dazu scheint György zu clever zu sein. Wie er heil über die neuerdings so sehr belebten Straßen Rumäniens kommt, bleibt sein Geheimnis. Kirchhoff hat Streuner fotografiert, die sogar zu verstehen scheinen, ob eine Ampel Rot oder Grün zeigt.

Während der Import von Streunern also einerseits einen massiven Eingriff bedeutet in vielleicht unzulängliche oder auch empörende, immerhin aber irgendwie funktionierende Strukturen am Herkunftsort des Tieres, beginnt in der neuen Heimat nicht immer eine Phase des Hundeglücks. Denn die dislozierten Hunde sind keine unbelasteten Tiere. Sie haben bestimmte genetische Merkmale sowie zahlreiche physische und psychische Prägungen und Anpassungen an ihre frühere Umgebung. Einiges davon ist modifizierbar, anderes kaum zu beeinflussen.