Was für eine Schnulze: Traumhaft süß und faszinierend sei es gewesen, singt der koreanische Megastar Jay Park, und so wahnsinnig schön. In seinem Musikvideo sieht man den muskulösen Sänger mit einer attraktiven jungen Frau, und im Grunde scheint alles klar: ein Liebeslied halt.

Aber Jay Park singt nicht von einer Frau, sondern von koreanischen Nationalgerichten. Von Pfannkuchen mit Meeresfrüchten, von Ingwersuppe, Hühnchen und Gemüse in koreanischer Sojasauce. "I like K-Food", schnulzt Park im Refrain. "Es ist gut für meinen Körper." Im Video riecht die attraktive junge Frau in diesem Moment an einem Teller mit gebratenem Kimchi-Reis.

Park, der Sänger, Model und Produzent ist und in diesem Jahr bei den Korean Music Awards als bester männlicher Act ausgezeichnet wurde, stand mit dem K-Food Song wochenlang in den Top 20 der chinesischen Charts. So absurd das Liebeslied auf den westlichen Zuschauer auch wirkt: Es ist weder der Quatsch, für den man es leicht halten könnte, noch so banal wie sein Text. Das Lied ist Teil einer Expansionsstrategie. Mithilfe der Nationalküche will die südkoreanische Regierung das Image des Landes verbessern, eine globale Marke etablieren – und Geld verdienen.

Die Leute sollen nicht nur an Samsung, LG und Hyundai denken, wenn sie Korea hören, sie sollen ein Gefühl für das Land bekommen. Und Gefühl funktioniert vor allem über Geschmack. Hamburger mit Pommes: Amerika. Schweinshaxe und Sauerkraut: Deutschland. Pasta und Pizza: Italien. Zu diesem Zweck hat die koreanische Regierung die Korean Food Foundation gegründet, kurz KFF, und sie mit bislang umgerechnet rund zehn Millionen Euro ausgestattet.

Mit Liebesschnulzen will die KFF in die Köpfe der Weltbevölkerung. Das ist so, als würde Angela Merkel den Rapper Cro mit einem Lied über Haxen mit Sauerkraut und Kartoffelbrei auf Welttournee schicken. Das aber ist noch nicht alles: Auf der Weltausstellung in Mailand hat sie einen schneeweißen futuristischen Pavillon aufgestellt, in dem – na klar – Essen serviert wird. An italienischen Chefkochschulen schleust sie koreanische Köche ein, die Masterklassen unterrichten. Und sie bemüht sich darum, dass in Städten wie New York, London oder Berlin die Dichte an koreanischen Restaurants weiter steigt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Man könnte diesen Text jetzt eigentlich beenden: Nette Idee, aber zu verrückt, um sie wirklich ernst zu nehmen. Wenn man aber weiß, dass Südkorea den Erfolg des koreanischen Pop, des sogenannten K-Pop, mit einem ähnlichen Plan vorangetrieben hat, dass inzwischen überall in Asien der eingängige Plastikpop südkoreanischer Produzenten zu hören ist, dass täglich Billigflieger aus China in der koreanischen Hauptstadt Seoul landen, weil die Insassen unbedingt all das haben möchten, was die K-Pop-Stars auch haben, dass Südkorea es innerhalb von nur zehn Jahren geschafft hat, von Platz 33 unter die Top Ten der größten Musikmärkte der Welt zu kommen, dann geht die Geschichte an dieser Stelle erst richtig los.

Ein gläserner Büroturm im Süden von Seoul, 13. Stock. Als die Generalsekretärin der KFF, Kim Dong-Hee, den kargen Raum betritt, verbeugen sich die Anwesenden: ein Assistent, ein PR-Stratege und drei Dolmetscherinnen, die dafür sorgen sollen, dass die Reporterin aus Deutschland auch alles versteht. Frau Kim sagt: "Früher ging es beim Essen vor allem um Masse, heute geht es darum, sich gesund zu ernähren, bewusst, umweltfreundlich. Hansik ist das alles." Hansik, ausgesprochen Hanschik, ist der Oberbegriff für koreanisches Essen. "Hansik soll der Hauptgrund werden, dass die Leute in unser Land reisen."