Freihandel, den das europäisch-amerikanische Abkommen TTIP und sein kanadischer Bruder Ceta beflügeln wollen, ist gut und böse. Gut für Abermillionen von Verbrauchern, die dadurch fallende Preise erwarten dürfen, und zwar nicht nur für importierte, sondern auch für heimische Güter, weil deren Anbieter dem Konkurrenzdruck nachgeben müssen. Gut auch für leistungsstarke Firmen und ihre Arbeiter, die mehr im Ausland verkaufen können – die deutsche Auto-, Maschinen- und Chemieindustrie zum Beispiel.

Schlecht sind die Abkommen für alle Nicht-so-Tüchtigen, die sich hinter nationalen Schutzwällen eingerichtet haben.

Zölle sind kaum mehr Hindernisse; sie sinken seit Jahrzehnten. Die wahren Feinde des Freihandels sind die Verfügungen und Gesetze, die im Namen von Gesundheit, Umwelt oder heiligen nationalen Bräuchen den Nahrungsmittel- oder Buchhandel vor der globalen Konkurrenz schützen. Logisch, dass aus solchen gepflegten Reservaten das lauteste Geschrei gegen die Liberalisierung kommt.

Lassen wir Chlorhühnchen und Schiedsgerichte beiseite, um die ellenlange Anklageschrift gegen TTIP/Ceta auf einen Punkt zu verkürzen: die Kultur. Hier darf man Churchill variieren: Noch nie haben so viele intelligente Menschen so unermüdlich so viel Törichtes verbreitet wie unsere "Kulturschaffenden", um einen DDR-Klassiker zu bemühen.

Eine kleine Auswahl.

Der Chef des Deutschen Kulturrates: "Wenn TTIP kommt und die Buchpreisbindung deshalb abgeschafft werden muss, werden (...) etwa 50 Prozent der Buchhandlungen verschwinden", "amerikanische Medienmultis" würden den "öffentlich-rechtlichen Rundfunk" sowie die "Vielfalt der kleinen kulturwirtschaftlichen Betriebe" plattmachen. Die Filmproduzentin Manuela Stehr: TTIP würde der "US-Filmindustrie direkt in die Hände spielen", ohne Staatssäckel wären teure Filme wie Cloud Atlas oder Der Medicus nicht mehr zu finanzieren. Die Verlegerin Susanne Schüssler verdammt TTIP und träumt von den Märkten "Russland, Afrika, Asien" – verständlich, dräut doch von denen keine Konkurrenz. Das Ende der Freiheit, titelt die Süddeutsche Zeitung. Vom "Ausverkauf unserer Kultur" fabuliert der Präsident der Berliner Akademie der Künste. Mit den Schutzmauern der Subventionen würde TTIP auch die Stadttheater schleifen, glaubt ein angesehener Feuilletonist; Musicals würden sich "krakenartig auf Kosten der Hochkultur ausbreiten". Auf den Panzerketten des US-Kapitalismus überrollt Pop & Seicht die Dichter und Denker.

Geht die staatliche Kulturförderung perdu? "Purer Unsinn", schrieb Karel de Gucht, der Handelskommissar der EU, angesichts der Vorwürfe in der ZEIT. Die "audiovisuellen Dienstleistungen" wie Film und TV seien nicht "Teil des Verhandlungsmandats". Gegen TTIP stünden zudem die Prätorianergarden der Unesco-Konventionen von 2005, die "ausdrücklich" die Förderung des europäischen Filmes gewährleisteten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Eine Handreichung der Kommission, TTIP and Culture, breitet auf sechs Seiten aus, warum unsere Kulturschaffenden auch fürderhin nicht am Herd von McDonald’s werden schuften müssen. "Ausdrücklich ausgeschlossen" ist die Öffnung des "audiovisuellen Sektors", ebenso alles mit einer "starken kulturellen Komponente", zum Beispiel Bibliotheken und Museen. Jedes Land hat das "souveräne Recht", über Buchpreise zu entscheiden. Ganz knapp: Die EU verhandelt nicht über das Ob und Wie "staatlicher Subventionen".

Das Füllhorn bleibt also voll. Gerettet ist der gesamte "Kultur- und Medienbereich" inklusive der Buchpreisbindung und der zwangsfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen.

"Arme Subventions-Junkies", frotzelt Claudius Seidl, der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, in Neon. Auch er beruhigt das Kulturiat: Bleibt cool. Er hat recht. Kein Broadway-Magnat wird auch nur eines der 130 Staats- und Stadttheater einreißen, nicht einen Cent von den zwei Milliarden Euro an Subsidien wird die öffentliche Hand den Bühnen und Orchestern rauben. TTIP wird nicht das System demolieren, das die Ökonomen unübersetzbar rent-seeking nennen: wenn staatlich protegierte und gepäppelte Spieler mehr Einkommen und Status herausschlagen können, als der Markt ihnen gewähren würde.