Wer zum Wasserkraftwerk der Zukunft will, der muss über die Todesstrecke fahren. So nennen die Leute im Garmisch-Partenkirchener Land den Pass der Bundesstraße 11 am Kesselberg. Motorradfahrer winden sich hier die engen Serpentinen der ehemaligen Rennstrecke vom Kochelsee hoch. Oben auf 800 Metern angekommen, zeigt sich das Panorama des Voralpenlandes in schönster Postkarten-Idylle: Auf dem glitzernden Walchensee schaukeln die Segelboote, milchschokoladenbraune Kühe grasen auf den Wiesen, hinter ihnen im Süden erhebt sich das mächtige Alpenmassiv.

Durch den Kesselberg hindurch leitet ein 1200 Meter langer Stollen das Wasser des Walchensees, das auf der anderen Seite des Berges in die Tiefe stürzt – durch die Fallrohre des Walchenseekraftwerks. Es ist eines der größten Kraftwerke dieser Art in Deutschland und zugleich eines der ältesten, ein aktives Industriedenkmal. Wenige Kilometer weiter, jenseits des Sees, wird darüber nachgedacht, wie diese Technologie künftig aussehen soll. Dort betreibt die Technische Universität München im Alpenörtchen Obernach eine Versuchsanstalt. Sie könnte man als das Ende der Todesstrecke betrachten – aus Fischperspektive.

Denn Wasserkraft, die in Deutschland rund ein Fünftel des Stroms aus erneuerbaren Quellen liefert, hat ein Umweltproblem. Die Turbinenschaufeln töten unzählige Fische. Naturschützer wollen daher den Strom aus Wasserkraft nicht grün nennen, sondern rot, blutrot.

Fast schon schüchtern gleitet türkisfarbenes Wasser in einer schmalen Betonausbuchtung den Hang hinunter und rutscht dann sanft über einen zweieinhalb Meter hohen Wasserfall. Die unscheinbare Konstruktion könnte weltweit die regenerierbaren Energien umkrempeln. Es ist, im kleinen Maßstab, das Modell eines Wasserkraftwerks, das günstiger sein soll als die anderen, das aber genauso viel Strom erzeugt. Ein Kraftwerk, das unsichtbar, geräusch- und emissionslos ist. Ein Kraftwerk, das vor allem viel weniger Fische tötet als die anderen. In Obernach begann das Experiment, das erste ökologische Wasserkraftwerk der Welt ans Netz zu bringen.

Ausgedacht haben es sich Peter Rutschmann, Professor für Wasserbau und Wasserwirtschaft der TU München, und der Obernacher Projektleiter Albert Sepp. Ihre Idee: Anders als bei konventionellen Wasserkraftwerken befinden sich in ihrer Versuchsanlage der Generator und die Turbine in einem unterirdischen Schacht – daher der Name "Schachtkraftwerk". Der Großteil des Wassers wird im Gegensatz zum bisherigen Design nicht horizontal, sondern steil nach unten umgeleitet, wo es die Turbine antreibt und Strom erzeugt. Dabei entsteht auch kein gewaltiger Sog wie bei Kraftwerken alten Typs. An der Oberfläche, über den Schacht hinweg, fließt ein kleiner Teil des Flusswassers. Er ergießt sich in den kleinen Wasserfall und fließt jenseits des Bauwerks friedlich weiter – ein Wanderweg für Fische. Peter Rutschmann steht am Ufer und deutet ins Wasser. "Unsere Versuche haben gezeigt, dass die meisten Fische mit der Strömung über den Fall schwimmen, einen Salto mortale machen und unten weiterschwimmen", sagt er in schweizerischem Dialekt.

Die wörtliche Übersetzung täuscht. Dieser "Salto mortale" ist kein Todessprung, sondern harmlose Aqua-Artistik und für die Fische ungefährlich – anders als der Weg durch Fallrohre und an Turbinenblättern vorbei es wäre. Damit möglichst wenige Tiere in den Schacht gelangen, liegt auf ihm ein Rechen mit engen Abständen. Fische, die länger sind als 20 Zentimeter, schwimmen auf der sicheren Seite, nämlich über die Gitter hinweg, weil sie schlicht nicht durchpassen. Im Versuch flutschte ein Drittel der kleineren Fische durch das Gitter nach unten, der Großteil indes folgte der horizontalen Strömung über den Wasserfall.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Doch selbst der vertikale Abstieg muss noch nicht das Ende sein. Ist der Fisch klein genug, hat er die Chance, die Turbine unverletzt zu durchschwimmen. Gefährlich bleibt es für die Fische, die zu klein für den Rechen, aber zu groß für die Turbine sind. "Bei jungen, 20 Zentimeter langen Forellen oder Äschen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie von der Turbine geschädigt werden, am größten", sagt Rutschmann.

"Geschädigt" bedeutet getötet. Denn selbst wenn Fische nicht von den wirbelnden Blättern zerhäckselt werden, sondern mit Schrammen davonkommen, setzt sich an den Verletzungen meist Pilz an, an dem die Fische schließlich auch sterben. "Ein Kraftwerk gilt als ökologisch, wenn unter fünf Prozent der Fische geschädigt werden", sagt Wasserforscher Rutschmann. "Bei unserem wären es nur zwei Prozent."