Gleich am ersten Abend seiner Reise nach Israel, um 22:52 Uhr Ortszeit, geht Bodo Ramelow das Herz über. Thüringens Ministerpräsident sitzt in Reihe eins eines Tel Aviver Konzerthauses, vor ihm ein Orchester junger Musiker aus Jerusalem und Weimar – es ist eines dieser Projekte, von denen es in Ankündigungsreden verlässlich heißt: "Musik kann Brücken bauen".

Es verhält sich jedenfalls so, dass dieses Orchester zwar wunderbar musiziert, Ramelows versammelte Israel-Delegation nach einem schier endlos langen Reisetag aber zunehmend mit müden Augen kämpft. Einem nach dem anderen im Saal fallen die Lider zu. Allen außer: dem Ministerpräsidenten.

Ramelow klatscht vergnügt zu Tschaikowsky in die Hände, es vibriert sein Oberkörper, es wippt sein Kopf, es wackelt der Fuß im Rhythmus. Man wartet förmlich darauf, dass Ramelows Ehefrau, die neben ihm sitzt, endlich seine Hand ergreift und leise, beruhigend, ihm ins Ohr flüstert: "Bodo, lass gut sein! Die anderen wollen doch schlafen!"

Wenn alles schläft, aber der Regierungschef lacht, dann kann das nur bedeuten: Hier ist einer am Ziel, hier ist einer in seinem Element, hier ist einer da, wo er wohl hingehört – Bodo Ramelow, Thüringens Regierungschef, versöhnt gewissermaßen endgültig Deutsche und Israelis miteinander, und wenn auch nur im Rahmen einer Orchesteraufführung. Versöhnt ist, in dieser Minute, auch Bodo Ramelow mit seiner Welt. Jawohl, dieser Mann sieht zufrieden aus.

Die vergangenen Tage, von Sonntag bis zum Donnerstag, hat Bodo Ramelow in Israel verbracht – seine erste Auslandsreise als Premier. Es konnte, sagt Ramelow, für ihn gar kein anderes erstes Reiseziel geben. Aus drei Gründen, mindestens.

Ramelow fährt, erstens, nach Israel, weil es seiner Persönlichkeit, seinen Leidenschaften entspricht. Er setzt sich seit Jahren ein für jüdisches Leben in Thüringen und Deutschland, für die Aufarbeitung des Holocaust, für die Interessen Israels, und das erkennbar nicht aus Koketterie: Für ihn, den Protestanten, ist es eine christliche Mission. Ramelow reist, zweitens, hierher, da es zu seiner polit-ikonografischen Agenda passt: Seit seinem Amtsantritt als Premier feilt er daran, den perfekten Staatsmann zu geben – und ehrlich, wo kann ein deutscher Politiker staatsmännischer auftreten als in Tel Aviv und Jerusalem, wo es stets gleich um alles geht, um die große Schuld, die große Geschichte, die große Versöhnung?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 44 vom 29.10.2015.

Drittens schließlich ist Bodo Ramelow nach Israel gefahren, weil man damit herrlich ein Zeichen setzen kann, wenn man Mitglied der Linkspartei ist. Die Linke pflegt, sagen wir, kein unkompliziertes Verhältnis zu Israel. Nicht wenige Linke sind in der Art, wie sie ihre Kritik an Israels Umgang mit den Palästinensern äußern, schon gefährlich nah am Antisemitismus entlanggeschrammt. Ramelow geht diese Seite seiner Partei gegen den Strich. Nach innen will er seinen Parteifreunden deshalb sagen: Hört mal her, so geht das nicht! Die Botschaft nach außen, indes, sie lautet: Passt mal auf, ich bin ganz anders!

Und so zeigt sich im Lauf dieser Woche, dass er seine Reise explizit als deutsch-israelische Exkursion angelegt hat. Nichts soll danach aussehen, als wolle sich der Linke, der Deutsche, in den Nahostkonflikt einmischen. Es gibt keine Besuche im Westjordanland oder in Ramallah, wo etwa Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) gerade noch unterwegs war. Ramelow will deutsch-israelische Freundschaft pflegen, und nur das. Lediglich kurz vor Abreise gab er jenen, die in Thüringen mit Uneindeutigkeiten Israel gegenüber aufgefallen sind, noch eine Watsche mit: So dem Jenaer Oberbürgermeister Albrecht Schröter, der Kritik am angeblichen "Besatzerstaat" Israel geübt hatte. "Ich weiß nicht, woher ein Oberbürgermeister aus Thüringen diese Weltsicht hernimmt", sagte Ramelow über das prominente Mitglied seines Regierungspartners SPD (siehe Text links). Ein Linker maßregelt einen Sozialdemokraten, weil der zu hart zu Israel gewesen sei: Das gibt es nur bei Ramelow.

All das ist vor Ort, in Tel Aviv, dann aber weit, weit weg. Begeistert twittert Ramelow lieber gleich am ersten Morgen Strandblick-Fotos, aufgenommen von seinem Zimmer im obersten Stock des Sheraton-Hotels. Ein bisschen eitel, ein bisschen Sonnenschein! König Bodo im Gelobten Land. So klein ein Thüringer Ministerpräsident, aus israelischer Sicht, auch wirkt: So groß wirkt der Ministerpräsident, von Thüringen aus betrachtet, in Israel!