Boyan Slat mit Müll, den Freiwillige im Pazifik gesammelt haben

Aus dem 18. Stock des höchsten Gebäudes von Delft sieht die Welt aus wie eine platte Scheibe. Ein Nebelschleier liegt über den Wiesen und Feldern, die von Hunderten schmaler Kanäle durchzogen sind. Am Horizont ziehen schwere Wolken auf, ein Sturm kommt. Boyan Slat freut das. "Die Zeit der Stürme beginnt", sagt der 21-Jährige, hält kurz inne und beginnt zu lächeln. "Für uns ist das die beste Zeit, um neue Materialien und Konzepte zu testen."

Slat hat dunkle lange Haare und große Augen, sein weißes Hemd lässt er locker über den Hosenbund hängen. Er sieht noch jünger aus, als er ist. Vor gut zwei Jahren hat der Raketenbaustudent aus Delft in den Niederlanden sein Studium geschmissen und die Firma Ocean Cleanup gegründet. Sein Ziel ist die Lösung eines der großen Probleme der Menschheit: Er will die Weltmeere vom Plastikmüll befreien. Seitdem arbeitet Slat sieben Tage die Woche, jeweils zwischen 12 und 14 Stunden lang.

Gerade war er im Nordpazifik unterwegs, auf einer Expedition. Mit einer Flotte von rund 30 Booten hat er Tausende von Plastikproben gesammelt. Noch nie zuvor habe er ein Gebiet gesehen, das so stark mit Plastik verschmutzt sei. "Das ist eine Zeitbombe!", warnt Slat. "Wenn die großen Plastikstücke zerfallen und die Gifte in die Nahrungskette gelangen, wird die Menschheit ein echtes Problem bekommen."

Umweltschutz - Niederländer will mit Plastikmüll-Fallen die Meere schützen Boyan Slat hat Pläne für die Umwelt: Mit riesigen Flößen will er Plastik aus den Ozeanen fischen, ohne dabei Netze zu benutzen, die Meerestieren schaden können.

Seine Idee präsentierte er erstmals auf einem Schülerwettbewerb

Knapp 30 Millionen Tonnen Kunststoff landen Jahr für Jahr in den Meeren. Flaschen, Tüten, Kanister, Bruchstücke, Fetzen, Partikel. Ein großer Teil davon sammelt sich in fünf riesigen Wirbeln, der größte, im Nordpazifik, erstreckt sich über 700.000 Quadratkilometer. Millionen Vögel und Fische verenden, weil sie den Müll fressen. (ZEIT Nr. 26/2015) Mit der Umwelt leidet die Weltwirtschaft. Der Schaden liege bei 13 Milliarden Dollar im Jahr, sagen die Vereinten Nationen.

Vor vier Jahren ist Slat ausgezogen, um das Meer und die Menschheit zu retten. Damals war er noch Gymnasiast und verbrachte seine Ferien auf der griechischen Insel Lesbos. Er war erschüttert, wie viel Plastikmüll er bei seinen Tauchgängen im Wasser fand. Warum machte sich niemand daran, die Meere zu säubern? Zurück in den Niederlanden, begann er, nach Antworten zu suchen, und stellte fest, dass die Wissenschaft und die Umweltschützer vor dem Problem kapituliert hatten. "Die meisten Experten sagten mir, dass sich da nichts machen lasse und es viel zu teuer wäre, den Müll aus dem Wasser zu fischen", erinnert sich Slat. "All ihre Bemühungen zielten nur darauf, die Menge des Plastikmülls, die in die Weltmeere gelangt, zu reduzieren."

Das fand der technikbegeisterte Slat einfach frustrierend. Er wollte sich mit solchen Antworten nicht zufriedengeben und begann, selbst nach Lösungen zu suchen. "Den alten Holländern gelang es mit Ingenieurskunst, dem Nordmeer viel Land abzutrotzen. Das hat damals auch niemand für möglich gehalten", sagt Slat. "Ich bin überzeugt, dass wir dank moderner Technologien Wege finden können, um uns des Mülls im Meer zu entledigen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Nach monatelanger Arbeit präsentierte er seine Idee bei einem Schülerwettbewerb. Statt Schiffe und Menschen Müll teuer sammeln zu lassen, will Slat die natürlichen Meeresströmungen nutzen und sich dem Plastik mit aufblasbaren Barrieren in den Weg stellen. So könnte sich der ganze Müll quasi von selbst sammeln.

Die von Slat entworfenen Barrieren haben die Form eines weit geöffneten V mit bis zu 50 Kilometer langen Fangarmen, die sich zu einem Trichter verjüngen. In der Spitze des Trichters saugt eine Art riesiger Staubsauger den Müll in einen Container. Alle sechs Wochen kommt eine Schiffsmüllabfuhr vorbei und leert den Container.