Eine Frau steigt in den USA aus dem Flugzeug, und plötzlich ist sie schwarz. Ifemelu kommt aus Nigeria, wie ihre Schöpferin Chimamanda Ngozi Adichie. Was in Afrika kein Distinktionsmerkmal war, rückt nun in den Fokus und wird zu ihrem Thema, über das sie einen Blog schreibt. Sie wird nicht zur kleinlauten Einwanderin, sie, die Afrikanerin, nennt sich selbst NABNon-American black – und schreibt auf, was sie sieht und was die Amerikaner nicht aussprechen, weil sie zu nah dran sind, weil es sie nicht betrifft oder weil es die allgemeine Schmerzgrenze überschreitet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Es passiert sehr viel in diesem Roman, der auf drei Kontinenten spielt, doch es werden diese Blogeinträge sein, die Americanah seinen Nachhall bescheren. Sie sind ein Zeitdokument der Ära Obama, sie sind erhellend und unterhaltsam, ernüchternd und brutal. Auch weil Ifemelu sich in Kreisen bewegt, in denen Rassismus als Relikt gilt, in "Einer meiner besten Freunde ist schwarz"-Kreisen. Es ist nicht die fiese Fratze des Rassismus, in die sie schaut, sondern sein freundliches Ostküsten-Akademikergesicht: Weiße fühlen sich gut, weil sie Obama gewählt haben, erfreuen sich an ihrer politisch korrekten Wortwahl, vermitteln ihr das Gefühl, dass wir alle (genauer gesagt die Schwarzen) dankbar sein sollten, dass die Zeiten der Rassentrennung hinter uns liegen. Nein, findet Ifemelu: "Rassismus hätte es nie geben dürfen, deshalb bekommst du auch keinen Cookie, wenn du ihn reduzierst."

Dass Unterschiede nicht mehr benannt werden, bedeutet nicht, dass sie nicht existieren. Also benennt sie sie. Sie schreibt über Hautfarben wie Schokolade, Karamell und Blaubeere und deren soziologische Bedeutung. Sie schreibt über die dubiose Farbe Nude, bei der man sich fragen muss, welchen Ton nackter Haut sie eigentlich bezeichnet. Das Nude der Kosmetikindustrie reicht von Gipsweiß bis zum Hautton von Halle Berry – der ersten schwarzen Oscar-Preisträgerin, deren Mutter weiß ist, ganz wie die des ersten schwarzen US-Präsidenten. Ifemelu sieht nicht nur Farbnuancen, wo sich andere farbenblind stellen, sie sieht auch die soziale Leiter der Rassen, die mehr Sprossen hat, als es Ethnien gibt. Auf ihr stehen die Hispanics hautfarbenunabhängig über den Schwarzen und alle nicht schwarzen Einwanderer unter den WASPs, denn: "Rasse ist keine Biologie, Rasse ist Soziologie."

Ein Skandal, diese Leiter, und so unromantisch. Im Gegensatz zum Schmelztiegel. Denn in den USA verschmilzt nach wie vor wenig, was Ifemelu noch bewusster wird, als sie einen weißen Boyfriend hat, denn das gemischtrassige Paar gehört weder in der Popkultur noch auf der Straße zum Alltag. Ihr Lösungsweg zur Überwindung der Rassenproblematik ist deshalb auch die Liebe. Sie, die an anderer Stelle so erbarmungslos entzaubert, wird hier von einem ansteckenden Glauben an das private Glück getragen.

Chimamanda Ngozi Adichie: " Americanah". Aus dem Englischen von Anette Grube. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014. 608 S., 24,99 €