Frankfurt am vergangenen Sonntag, 9.59 Uhr, noch eine Minute bis zum Start. Auf der Straße vor dem Messegelände stehen schmale Männer mit sehnigen Beinen und dünnen Armen. Gleich werden sie rennen, so schnell sie können, etwas mehr als zwei Stunden lang.

Einer dieser Männer wird den Frankfurt-Marathon gewinnen und damit um 25.000 Euro reicher sein. Hinter den Profiathleten stehen 15.000 Durchschnittsmenschen, manche schlank, manche mollig. Menschen mit Schreibtischlungen und Bürobeinen, für die es an diesem Tag keine Siegprämie zu erringen gibt, sondern nur einen kleinen Triumph über sich selbst. Es sind Menschen, die von der Welt der Leistungsoptimierung und des Dopingverdachts kilometerweit entfernt sind.

Aber vielleicht scheint das nur so.

Sveni88: Ich würde gerne für den großen Tag die klassische ECA Kombination ausprobieren. Wie viel würdet ihr dosieren? Ephedrin 50mg pro Tag + 200mg Coffein + 500mg Aspirin? für den besagten Tag?

Lift: Eine Freundin von mir ist Schwimmerin und die schwört auf Clenbuterol.

Ironbasti: Hat einer mal Oralturinabol genommen?

Laufrad: Ephedrin könnte bei deinen Symptomen weiterhelfen.

Austrian: Testosteron ist das Mittel der Wahl.

Dieda: Ich war im April bei einem großen Radrennen. Dort gibt es eine legendäre Verpflegungsstelle, an der sich jeder gern ein wenig aufhält. Dort lagen Haufen von Tabletten-Packungen rum.

Sveni88: Wie angedroht möchte ich berichten. Habe mir 45 Minuten vor meinem Trainingslauf eine Pille eingeworfen. Ich muss schon sagen, das Teil macht seinem Namen alle Ehre. Früher: Ich müde, Hund müde. Heute: Hund müde und ich fit.

(Äußerungen von Ausdauersportlern in Internetforen)

Doping ist so alt wie der Sport. Die Inkas und die alten Griechen kannten keine Laufschuhe, keine Fahrräder und keine Funktionsunterhemden. Aber sie kannten Kokablätter, Stierhoden und aufputschende Pilze. Später, in der Neuzeit, kam zum Schlucken das Spritzen hinzu. Eines blieb jedoch immer gleich: Die Doper, das waren diejenigen, die etwas zu gewinnen hatten, eine Olympiamedaille, die Weltmeisterschaft, die Tour de France. Kurz: viel Ruhm und eine Menge Geld. Freizeitsportler, Hobbywettkämpfer und Jedermannathleten dagegen schienen gegen die Verlockung des Betrugs immun zu sein. Für sie geht es ja um nichts. Was bedeutet es schon, bei einem Stadtmarathon den 500. Platz zu belegen? Was hat man davon, ein Fußballspiel in der Bezirksliga zu gewinnen? Was gibt es einem, im Fitnessstudio 20 Kilo mehr zu stemmen als der Trainingspartner?

Offenbar sehr viel.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Die ZEIT hat mit zahlreichen Freizeitsportlern gesprochen, mit Radfahrern, Fußballern und Kraftsportlern. Viele von ihnen waren auch Freizeitdoper. Außerdem haben wir uns mit Medikamentendealern, Sportärzten, Staatsanwälten, Zollbeamten und Psychotherapeuten getroffen. Setzt man ihre Aussagen zusammen, entsteht das Bild einer leistungssüchtigen Gesellschaft.

Man konnte plötzlich fahren wie eine gut geölte Maschine. Egal, ob man schlecht geschlafen hatte oder die Nase lief. Klar, ich hatte schon vorher solche Tage, ich war ja vorher schon ein guter Fahrer. Aber mit viel Glück hatte ich so einen Tag ein- oder zweimal in einer Woche. Nun konnte ich gezielter auf so einem Niveau fahren. (Philip Schulz, Radrennfahrer)

Ich bin konzentrierter, ich gebe keinen Ball her und schieße mehr Tore. Ich habe nie besser gespielt. Und ich freue mich, wenn die anderen kommen und sagen: "Gut gemacht!" (Arne Römer*, Fußballspieler in der Bezirksliga)

Mit Sustenol habe ich mich enorm gefühlt. Psychisch vor allem. Ich saß auf der Trainingsbank und war einfach nur glücklich. (Stefan Zachert*, Bodybuilder)

1994 traten in Deutschland rund 700.000 Hobbysportler bei Marathon-, Halbmarathon- und 10.000-Meter-Läufen an. Im vergangenen Jahr waren es schon mehr als zwei Millionen. Auch die Zahl der Radrennfahrer ist deutlich gestiegen, und wem Laufen und Radfahren allein nicht genügt, der macht bei einem Triathlon mit, vielleicht sogar auf der Langdistanz: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen – am Stück.

Wir hatten bei drei Triathlonveranstaltungen in Deutschland einen Stand im Wettkampfbüro. Jeder Athlet, der sich angemeldet hatte, kam bei uns vorbei, insgesamt waren es knapp 3.000, wohlgemerkt alles Breitensportler. Wir haben dann Fragebögen und Stifte verteilt. Wir hatten auch eine große, schwarze Urne aufgestellt, dadurch sollte noch deutlicher werden, dass alles komplett anonym abläuft. Die Frage war, ob die Sportler im Vorfeld leistungssteigernde Mittel eingenommen hatten. Das Ergebnis: 13 Prozent gaben an, solche Substanzen konsumiert zu haben. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe weiterer Studien bei Ausdauersportlern, die zu ähnlichen Ergebnissen kamen. (Pavel Dietz, Sportwissenschaftler, Universität Graz)

Man wundert sich schon, wie viele Triathleten angeblich Asthma haben und vor den Wettkämpfen ihre Sprays nehmen. (Nils Brüchert-Pastor, Bereichsleiter Erwachsene beim PV-Triathlon Witten, einem der größten Triathlonvereine in Deutschland)

Eine Auswahl leistungssteigernder Mittel:

Ephedrin, eine Substanz, die stark aufputscht.

Koffein, hoch dosiert, in Tablettenform, wirkt ebenfalls aufputschend.

Aspirin stillt nicht nur Schmerzen, es soll auch das Blut verdünnen und die Sauerstoffaufnahme verbessern.

Asthmasprays weiten die Bronchien und erhöhen damit ebenfalls die Sauerstoffaufnahme.

Das männliche Sexualhormon Testosteron verbessert die Regeneration der Muskeln.

Erythropoetin, genannt Epo, steigert die Zahl der roten Blutkörperchen und damit die Leistungsfähigkeit.

Ich habe bei jemandem einen Kühlschrank gesehen, der voll mit dem Zeug war. Unten im Gemüsefach lag Epo, darüber lagen die Wachstumshormone und Belgian Pot, eine Mischung, die aufputscht. (Philip Schulz, RadrennfaDhrer)

Philip Schulz, 36, war 13 Jahre alt, als er sein erstes Mountainbike bekam und damit in der Pfalz über Wanderwege raste. Mit 16 trat er einem Verein bei und stieg um auf Straßenrennen. Schulz hatte kräftige Beine, eine riesige Lunge, er hatte Talent. Bald trainierte er stundenlang.

DIE ZEIT: Wie sind Sie mit Doping in Berührung gekommen?

Philip Schulz: Das war in einem höherklassigen Amateurteam: Der eine las ein Buch über Anabolika. Der andere hatte immer ein verdächtiges Köfferchen dabei. Und irgendwann, ich kann nicht mehr genau sagen wann, habe ich die Ersten bei anderen Teams gesehen, die sich etwas spritzten oder etwas einschmissen, und das im Amateurbereich. Es war geradezu absurd.

ZEIT: Sie aber haben zunächst nichts genommen?

Schulz: Ich wurde sogar zunehmend misstrauisch beäugt, weil ich sauber war. Es war geradezu so, also ob ich dopen müsste, um dazuzugehören.

ZEIT: Und schließlich gehörten Sie auch dazu?

Schulz: Ich wollte einfach besser werden. Und nachdem ich bei 49 von den 50 Punkten, an denen man feilen kann, um schneller zu werden, fast das Optimum herausgeholt hatte, war halt der eine offene Punkt das Doping, selbst im Amateurbereich.

ZEIT: Haben Sie Nebenwirkungen gespürt?

Schulz: Da war nicht viel an Nebenwirkungen. Erst später wurde mir erklärt, was man mir da für Zeug gegeben hatte. Boldenon zum Beispiel, ein Anabolikum für den Muskelaufbau, verursacht bei längerer Einnahme Leberschäden. Das ist in Deutschland heute noch nicht mal in der Tiermast erlaubt.

ZEIT: Nach einigen Jahren wurden Sie dann positiv auf Doping getestet. Wie kam es dazu?

Schulz: Eines Tages, das war im Jahr 2008, kam dieser Brief. Sie hatten mich bei einem Amateurrennen getestet und unter anderem jenes Boldenon in meinem Urin gefunden. Mir war immer gesagt worden, dass es nicht nachweisbar sei. Später hat sich herausgestellt, dass das Gegenteil richtig ist. Boldenon lässt sich bis zu sechs Monate lang nachweisen.

ZEIT: Wie denken Sie heute über Doping im Amateurradsport?

Schulz: Ich glaube, dass das Problem im Amateur- und Hobbybereich noch größer geworden ist. Von einigen Sportlern, die in Seniorenklassen fahren, weiß ich, dass sie etwas nehmen. Es ist, als ob es heute nicht mehr ausreicht, ein schönes Haus zu haben und ein schickes Auto zu fahren. Der eigene Körper, die sportliche Leistung in der Freizeit, das ist das nächste Statussymbol. Und die Leute nehmen dafür eine Menge in Kauf. Ich versuche auf Veranstaltungen und im Privaten, die Leute vor den Nebenwirkungen zu warnen. Aber die Gier nach dem perfekten Körper, den tollen Leistungen ist verdammt groß.