Frankfurt am vergangenen Sonntag, 9.59 Uhr, noch eine Minute bis zum Start. Auf der Straße vor dem Messegelände stehen schmale Männer mit sehnigen Beinen und dünnen Armen. Gleich werden sie rennen, so schnell sie können, etwas mehr als zwei Stunden lang.

Einer dieser Männer wird den Frankfurt-Marathon gewinnen und damit um 25.000 Euro reicher sein. Hinter den Profiathleten stehen 15.000 Durchschnittsmenschen, manche schlank, manche mollig. Menschen mit Schreibtischlungen und Bürobeinen, für die es an diesem Tag keine Siegprämie zu erringen gibt, sondern nur einen kleinen Triumph über sich selbst. Es sind Menschen, die von der Welt der Leistungsoptimierung und des Dopingverdachts kilometerweit entfernt sind.

Aber vielleicht scheint das nur so.

Sveni88: Ich würde gerne für den großen Tag die klassische ECA Kombination ausprobieren. Wie viel würdet ihr dosieren? Ephedrin 50mg pro Tag + 200mg Coffein + 500mg Aspirin? für den besagten Tag?

Lift: Eine Freundin von mir ist Schwimmerin und die schwört auf Clenbuterol.

Ironbasti: Hat einer mal Oralturinabol genommen?

Laufrad: Ephedrin könnte bei deinen Symptomen weiterhelfen.

Austrian: Testosteron ist das Mittel der Wahl.

Dieda: Ich war im April bei einem großen Radrennen. Dort gibt es eine legendäre Verpflegungsstelle, an der sich jeder gern ein wenig aufhält. Dort lagen Haufen von Tabletten-Packungen rum.

Sveni88: Wie angedroht möchte ich berichten. Habe mir 45 Minuten vor meinem Trainingslauf eine Pille eingeworfen. Ich muss schon sagen, das Teil macht seinem Namen alle Ehre. Früher: Ich müde, Hund müde. Heute: Hund müde und ich fit.

(Äußerungen von Ausdauersportlern in Internetforen)

Doping ist so alt wie der Sport. Die Inkas und die alten Griechen kannten keine Laufschuhe, keine Fahrräder und keine Funktionsunterhemden. Aber sie kannten Kokablätter, Stierhoden und aufputschende Pilze. Später, in der Neuzeit, kam zum Schlucken das Spritzen hinzu. Eines blieb jedoch immer gleich: Die Doper, das waren diejenigen, die etwas zu gewinnen hatten, eine Olympiamedaille, die Weltmeisterschaft, die Tour de France. Kurz: viel Ruhm und eine Menge Geld. Freizeitsportler, Hobbywettkämpfer und Jedermannathleten dagegen schienen gegen die Verlockung des Betrugs immun zu sein. Für sie geht es ja um nichts. Was bedeutet es schon, bei einem Stadtmarathon den 500. Platz zu belegen? Was hat man davon, ein Fußballspiel in der Bezirksliga zu gewinnen? Was gibt es einem, im Fitnessstudio 20 Kilo mehr zu stemmen als der Trainingspartner?

Offenbar sehr viel.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Die ZEIT hat mit zahlreichen Freizeitsportlern gesprochen, mit Radfahrern, Fußballern und Kraftsportlern. Viele von ihnen waren auch Freizeitdoper. Außerdem haben wir uns mit Medikamentendealern, Sportärzten, Staatsanwälten, Zollbeamten und Psychotherapeuten getroffen. Setzt man ihre Aussagen zusammen, entsteht das Bild einer leistungssüchtigen Gesellschaft.

Man konnte plötzlich fahren wie eine gut geölte Maschine. Egal, ob man schlecht geschlafen hatte oder die Nase lief. Klar, ich hatte schon vorher solche Tage, ich war ja vorher schon ein guter Fahrer. Aber mit viel Glück hatte ich so einen Tag ein- oder zweimal in einer Woche. Nun konnte ich gezielter auf so einem Niveau fahren. (Philip Schulz, Radrennfahrer)

Ich bin konzentrierter, ich gebe keinen Ball her und schieße mehr Tore. Ich habe nie besser gespielt. Und ich freue mich, wenn die anderen kommen und sagen: "Gut gemacht!" (Arne Römer*, Fußballspieler in der Bezirksliga)

Mit Sustenol habe ich mich enorm gefühlt. Psychisch vor allem. Ich saß auf der Trainingsbank und war einfach nur glücklich. (Stefan Zachert*, Bodybuilder)

1994 traten in Deutschland rund 700.000 Hobbysportler bei Marathon-, Halbmarathon- und 10.000-Meter-Läufen an. Im vergangenen Jahr waren es schon mehr als zwei Millionen. Auch die Zahl der Radrennfahrer ist deutlich gestiegen, und wem Laufen und Radfahren allein nicht genügt, der macht bei einem Triathlon mit, vielleicht sogar auf der Langdistanz: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen – am Stück.

Wir hatten bei drei Triathlonveranstaltungen in Deutschland einen Stand im Wettkampfbüro. Jeder Athlet, der sich angemeldet hatte, kam bei uns vorbei, insgesamt waren es knapp 3.000, wohlgemerkt alles Breitensportler. Wir haben dann Fragebögen und Stifte verteilt. Wir hatten auch eine große, schwarze Urne aufgestellt, dadurch sollte noch deutlicher werden, dass alles komplett anonym abläuft. Die Frage war, ob die Sportler im Vorfeld leistungssteigernde Mittel eingenommen hatten. Das Ergebnis: 13 Prozent gaben an, solche Substanzen konsumiert zu haben. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe weiterer Studien bei Ausdauersportlern, die zu ähnlichen Ergebnissen kamen. (Pavel Dietz, Sportwissenschaftler, Universität Graz)

Man wundert sich schon, wie viele Triathleten angeblich Asthma haben und vor den Wettkämpfen ihre Sprays nehmen. (Nils Brüchert-Pastor, Bereichsleiter Erwachsene beim PV-Triathlon Witten, einem der größten Triathlonvereine in Deutschland)

Eine Auswahl leistungssteigernder Mittel:

Ephedrin, eine Substanz, die stark aufputscht.

Koffein, hoch dosiert, in Tablettenform, wirkt ebenfalls aufputschend.

Aspirin stillt nicht nur Schmerzen, es soll auch das Blut verdünnen und die Sauerstoffaufnahme verbessern.

Asthmasprays weiten die Bronchien und erhöhen damit ebenfalls die Sauerstoffaufnahme.

Das männliche Sexualhormon Testosteron verbessert die Regeneration der Muskeln.

Erythropoetin, genannt Epo, steigert die Zahl der roten Blutkörperchen und damit die Leistungsfähigkeit.

Ich habe bei jemandem einen Kühlschrank gesehen, der voll mit dem Zeug war. Unten im Gemüsefach lag Epo, darüber lagen die Wachstumshormone und Belgian Pot, eine Mischung, die aufputscht. (Philip Schulz, RadrennfaDhrer)

Philip Schulz, 36, war 13 Jahre alt, als er sein erstes Mountainbike bekam und damit in der Pfalz über Wanderwege raste. Mit 16 trat er einem Verein bei und stieg um auf Straßenrennen. Schulz hatte kräftige Beine, eine riesige Lunge, er hatte Talent. Bald trainierte er stundenlang.

DIE ZEIT: Wie sind Sie mit Doping in Berührung gekommen?

Philip Schulz: Das war in einem höherklassigen Amateurteam: Der eine las ein Buch über Anabolika. Der andere hatte immer ein verdächtiges Köfferchen dabei. Und irgendwann, ich kann nicht mehr genau sagen wann, habe ich die Ersten bei anderen Teams gesehen, die sich etwas spritzten oder etwas einschmissen, und das im Amateurbereich. Es war geradezu absurd.

ZEIT: Sie aber haben zunächst nichts genommen?

Schulz: Ich wurde sogar zunehmend misstrauisch beäugt, weil ich sauber war. Es war geradezu so, also ob ich dopen müsste, um dazuzugehören.

ZEIT: Und schließlich gehörten Sie auch dazu?

Schulz: Ich wollte einfach besser werden. Und nachdem ich bei 49 von den 50 Punkten, an denen man feilen kann, um schneller zu werden, fast das Optimum herausgeholt hatte, war halt der eine offene Punkt das Doping, selbst im Amateurbereich.

ZEIT: Haben Sie Nebenwirkungen gespürt?

Schulz: Da war nicht viel an Nebenwirkungen. Erst später wurde mir erklärt, was man mir da für Zeug gegeben hatte. Boldenon zum Beispiel, ein Anabolikum für den Muskelaufbau, verursacht bei längerer Einnahme Leberschäden. Das ist in Deutschland heute noch nicht mal in der Tiermast erlaubt.

ZEIT: Nach einigen Jahren wurden Sie dann positiv auf Doping getestet. Wie kam es dazu?

Schulz: Eines Tages, das war im Jahr 2008, kam dieser Brief. Sie hatten mich bei einem Amateurrennen getestet und unter anderem jenes Boldenon in meinem Urin gefunden. Mir war immer gesagt worden, dass es nicht nachweisbar sei. Später hat sich herausgestellt, dass das Gegenteil richtig ist. Boldenon lässt sich bis zu sechs Monate lang nachweisen.

ZEIT: Wie denken Sie heute über Doping im Amateurradsport?

Schulz: Ich glaube, dass das Problem im Amateur- und Hobbybereich noch größer geworden ist. Von einigen Sportlern, die in Seniorenklassen fahren, weiß ich, dass sie etwas nehmen. Es ist, als ob es heute nicht mehr ausreicht, ein schönes Haus zu haben und ein schickes Auto zu fahren. Der eigene Körper, die sportliche Leistung in der Freizeit, das ist das nächste Statussymbol. Und die Leute nehmen dafür eine Menge in Kauf. Ich versuche auf Veranstaltungen und im Privaten, die Leute vor den Nebenwirkungen zu warnen. Aber die Gier nach dem perfekten Körper, den tollen Leistungen ist verdammt groß.

"Du hast Schmerzen? Hier hast du Ibu 400"

Im Hochleistungssport sind Dopingtests inzwischen die Regel. Freizeitsportler aber werden selten getestet. Zum Glück für Arne Römer.

Römer ist 21 Jahre alt und in der Ausbildung zum Hotelfachmann. Viel wichtiger als der Beruf ist ihm der Fußball. Dreimal pro Woche geht er zum Training. Am Wochenende ist Punktspiel. Bezirksliga in Baden-Württemberg.

DIE ZEIT: Sind Sie der Einzige in Ihrem Verein, der dopt?

Arne Römer: Nein, allein bei mir in der Mannschaft gibt es mindestens drei Spieler, bei denen ich mir sicher bin, dass sie etwas nehmen. Ich sehe es an der Art, wie sie spielen. Wie sie plötzlich konzentrierter sind und viel schneller laufen. Wir reden da nicht drüber. Das ist tabu. Aber jeder weiß, der und der nimmt etwas.

ZEIT: Und was nehmen Sie?

Römer: Ich nenne es die Wunderpille.

ZEIT: Die Wunderpille? Was ist das?

Römer: Es ist ein Aufputschmittel. Um ehrlich zu sein, weiß ich auch nicht so genau, was da drin ist. Eine kleine weiße Pille. Sieht aus wie Paracetamol. Ein Freund von mir schenkte mir vor ein paar Monaten eine zum Probieren. Eigentlich wollte ich sie gar nicht nehmen. Ich wollte sie nur so in meiner Tasche haben, für Notfälle. Dann hatten wir dieses wichtige Spiel, und ich wollte unbedingt ein Tor schießen. Da habe ich sie eben geschluckt. Zehn Minuten vorm Spiel.

ZEIT: Und, wie hat es sich angefühlt?

Römer: Es hat gewirkt. Wow! Ich war wacher, ich war voller Power irgendwie. Ich konnte laufen wie ein Pferd. Das Gefühl war der Hammer! Da habe ich gedacht: Das will ich öfter. Seitdem nehme ich immer etwas vor den Spielen, manchmal auch vor dem Training, aber das ist selten. Eine Tablette kostet 90 Euro, manchmal habe ich sie für 40 Euro bekommen. Ich habe erst vor Kurzem meine Ausbildung begonnen. Da ist es schwierig, 200 oder 300 Euro im Monat fürs Dopen aufzubringen.

ZEIT: Sie sagen, Sie wissen nicht genau, was in dieser Wunderpille drin ist. Dann können Sie sich auch nicht über mögliche Nebenwirkungen informieren.

Römer: Auf der einen Seite will ich es lieber nicht wissen. Auf der anderen Seite macht es mir manchmal Angst, dass ich nicht weiß, was passieren kann. Einmal hatte ich eine Situation, das ist erst ein paar Wochen her, da hat mein Herz beim Spiel immer schneller und schneller geschlagen. Mir wurde schwindelig und schwarz vor Augen. Ich habe meinem Trainer zugerufen, dass er mich rausnehmen soll. Ich hatte Panik, Angst um mein Leben. Ich bin gleich in die Kabine und habe kalt geduscht. Nach ein paar Minuten wurde es besser.

ZEIT: Sie hatten Angst um Ihr Leben, und trotzdem machen Sie weiter?

Römer: Ich brauche das Zeug fürs Spiel. Andere trinken vor der Arbeit einen Kaffee, ich nehme halt etwas, um besser zu spielen. Ich habe ja jede Woche getroffen. Jede Woche! Meistens mehr als einmal, und das war nicht üblich. Vorher habe ich höchstens mal ein Tor geschossen.

ZEIT: Wenn Sie diese Tore schießen, sind Sie dann stolz auf sich?

Römer: Stolz sind die anderen Leute, die nicht wissen, dass ich was genommen habe. Die denken ja, dass ich das alleine aus mir heraus geschafft habe. Nur ich alleine weiß, dass es nicht so ist.

ZEIT: Also würden Sie selbst sagen, dass Sie betrügen.

Römer: Ja, ich betrüge. Wer dopt, nimmt etwas, um besser zu sein als andere, und das ist für mich Schummeln. Aber ich will ja weiterkommen! Man spielt auch gegen Freunde und Bekannte, denen will man zeigen, dass man besser ist.

ZEIT: Können Sie sich einen Grund vorstellen, mit dem Dopen aufzuhören?

Römer: Vielleicht wenn was passiert. Also, mehr als Herzrasen. Aber sonst? Nee, eigentlich nicht.

Wir leben in einer durch und durch leistungsorientierten Gesellschaft. Es geht immer um Leistung, nur Fortschritt, kein Rückschritt. Ob das in der Schule ist oder im Beruf. Die Freizeit war dazu früher ein Gegenpol. Inzwischen ist auch sie vom Leistungsgedanken durchzogen. (Mischa Kläber, Ressortleiter Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement, Deutscher Olympischer Sportbund, Frankfurt)

Alle eint das Gefühl: Arbeit, Familie, das kann nicht alles sein! Und dann bin ich auf der Suche nach etwas. Und dann entdecke ich den Sport als ein Mittel, womit ich dieses Vakuum füllen kann. Womit ich jemand werden, jemand sein kann. Das ist genau das Versprechen des Dopings: Es hilft mir dabei, ein anderer zu werden. (Werner Hübner, Psychotherapeut mit Schwerpunkt Sport, Köln)

Der Körperkult wird immer extremer. Ich hatte hier einen 13-Jährigen bei mir in der Praxis, der anfing, seine Kalorien zu zählen, und nach 17 Uhr keine Kohlenhydrate mehr aß. (Florian Friedrich, Physiotherapeut, Hamburg)

Viele Menschen arbeiten heute in der Freizeit härter als bei der Arbeit. Sie arbeiten jetzt für den Marathon. Im Beruf müssen sie keinen Marathon laufen, aber in der Freizeit müssen sie sich etwas beweisen. Und bitte nicht in der letzten Stunde ins Ziel kommen, mit den Langsamen, den Ungedopten. (Werner Hübner, Psychotherapeut mit Schwerpunkt Sport, Köln)

Ein Marathon, das sind 42.195 Meter. Das sind 30.000 Schritte auf Asphalt. Das sind 30.000 Schläge auf die Knochen, die Gelenke, die Sehnen. Das sind, fast bei jedem, irgendwann: Schmerzen. Aber gegen Schmerzen gibt es Tabletten.

Im Jahr 2009 ergab eine Befragung beim Bonn-Marathon: 60 Prozent der Läufer hatten vor dem Start Schmerzmittel genommen. 10 Prozent, weil sie noch aus dem Training unter Schmerzen litten. 50 Prozent, weil sie befürchteten, während des Marathons Schmerzen zu bekommen.

Eine Freundin von mir hatte vor einem Marathon Schmerzen im Knie. Sie ist trotzdem gelaufen. Vor dem Start hat sie eine Schmerztablette genommen und bei Kilometer 15 noch eine. Das ist sehr gefährlich. (Florian Friedrich, Physiotherapeut, Hamburg)

Ein Marathonlauf ist eine extreme Belastung, die Nieren müssen Schwerarbeit leisten. Wenn sie durch regelmäßigen Schmerzmittelkonsum vorgeschädigt sind, kann das im Extremfall zu Nierenversagen führen. (Perikles Simon, Professor für Sportmedizin, Universität Mainz)

Schmerzmittel gelten offiziell nicht als Doping. Wer Präparate wie Ibuprofen, Voltaren oder Paracetamol schluckt, betrügt also niemanden. Außer vielleicht sich selbst, sein Gehirn. Das sagt auf einmal: Es tut nichts mehr weh, du kannst weitermachen mit dem, was dir so wichtig ist.

Die Leute kommen zu mir, haben ein Problem, im Arm, im Bein, an der Schulter. Ich sage, da würden zwei Wochen Ruhe guttun. Dann sagen die, aber ich habe ein Spiel. Und da geht es nicht um die deutsche Meisterschaft, sondern zum Beispiel bloß um das Tennismatch gegen den Arbeitskollegen. (Florian Friedrich, Physiotherapeut, Hamburg)

Angefangen hat es vor etwas mehr als fünf Jahren. Da hatte ich beim Fußballspielen auf einmal Probleme mit dem Rücken. Ich bin ja von Beruf Steinmetz, da hab ich die Rückenschmerzen quasi mitgebracht. Vor dem Spiel hieß es dann: Du hast Schmerzen? Hier hast du Ibu 400. Mit der Zeit wurden die Schmerzen immer schlimmer, und ich habe mir vor fast jedem Spiel vom Arzt eine Spritze geben lassen, es ging ja auch um den Aufstieg damals, und ich wollte auch den jüngeren Spielern demonstrieren, dass ich als Stürmer noch was draufhabe. Im Herbst 2011 hatte ich dann einen Bandscheibenvorfall. Ausgerechnet vor dem Topspiel gegen Breitenbach. Ich lag in der Klinik und war quasi gelähmt. Da hab ich gesagt, das war’s, ich spiel nicht mehr Fußball.

Nach sieben Tagen wurde ich schmerzfrei entlassen. Ich bin in die Reha gekommen und war immer noch entschlossen, nie wieder zu spielen. Aber dann lief das so gut, mit Krafttraining und allem, da hab ich dann gesagt, vielleicht spiel ich doch wieder. Ich bin dann direkt aus der Reha zum Spiel, hab mich auf die Bank gesetzt, und die letzte halbe Stunde habe ich gespielt. Ich wollte einfach dabei sein, ich wollte zum Team gehören. Ich war ja immer sehr angesehen in der Mannschaft, da konnte ich nicht einfach sagen, ich hör auf.

Nach ein paar Wochen kamen die Schmerzen zurück. Ich hab dann wieder Tabletten genommen, hoch dosiert. Du bekommst die Mittel ja leicht auf Rezept. Du gehst einfach zum Arzt und sagst, du hast furchtbare Migräne, musst aber unbedingt arbeiten, dann verschreibt er dir was.

"Ein, zwei Ampullen. Für die Strandfigur"

Letztlich hab ich viermal die Woche Schmerzmittel genommen. Bis ich permanent brutale Kopfschmerzen hatte, außerdem Blut im Magen, und im Stuhl auch. Das war der Moment, als ich gesagt hab, jetzt ist Schluss.

Ich kenne mit Sicherheit hundert andere Spieler, die das auch so machen, die auch ständig Tabletten nehmen. Es geht bei uns nicht um Kohle, es geht ums Prestige. Du willst es dir und allen zeigen. Du willst es jedem beweisen. (Dennis Frank, ehemaliger Spieler beim VfB 1900 Gießen in der Fußball-Verbandsliga Hessen Mitte)

Ein Café in Berlin. Am Tisch sitzen zwei Männer, mit sehr kräftigen Schultern, sehr dicken Oberarmen, sehr breiter Brust. Beide sind Mitte 40, beide haben studiert. Der eine, Stefan Zachert*, 1,85 Meter groß, 128 Kilogramm schwer, ist Unternehmer, der andere, Andreas Berninger*, 1,75 Meter groß, 98 Kilogramm schwer, ist Angestellter. Die beiden Männer haben sich vor mehr als 20 Jahren beim Training kennengelernt.

Sie gehen fast täglich ins Fitnessstudio, oft gemeinsam, sie nehmen seit Jahren anabole Steroide wie Testosteron, um mehr Muskeln aufzubauen.

DIE ZEIT: Was treibt Sie an, was ist Ihre Motivation?

Stefan Zachert: Mit dem Sport bekommst du Selbstbewusstsein. Es macht dich stärker in einer Welt, in der du sonst ohne Schutz bist. Und dann will man sein Training noch ein kleines bisschen optimieren, und dann fängt man an, ein kleines bisschen was zu nehmen. Und dann merkt man: Das ist gar nicht so schlimm.

Andreas Berninger: Es gibt nicht gleich Nebenwirkungen.

Zachert: Rauchen und Alkohol sind viel schlimmer.

Aer0: Ich habe eine für 16 Wochen geplante Testo-Enantat-Kur nach 5 Wochen wegen Haarausfall abgebrochen. Mittlerweile bin ich zwei Monate von dem Zeug weg. Aber mir fallen immer noch sehr stark die Haare aus. Ich bin 22 Jahre alt.

k-os89: Meine Libido ist schon seit Kur-Ende, sprich seit anderthalb Jahren, absolut tot. Und wenn ich tot schreibe, dann meine ich auch tot. Sie ist einfach absolut nicht mehr vorhanden. Potenz somit natürlich auch nicht.

Nutraholic: In der Kur sind meine Brustwarzen angeschwollen, und wenn ich sie zusammengedrückt habe, gaben sie eine dunkle braune Flüssigkeit ab. Die Schwellung ist nun nicht mehr da, allerdings kommt immer noch diese Flüssigkeit. Ich spüre hinter der Brustwarze Zellgewebe, das dort nicht hingehört.

andro19x: Ich habe seit gestern irgendwie Angst, dass mir ein Herzinfarkt droht. Bin in der 9. Woche Testo. Spüre hin und wieder ein komisches Ziehen in der linken Brust? Die Symptome traten zwei Tage nach der letzten Injektion auf. Mein Ruhepuls ist auf einmal bei 90.

(Äußerungen in Internetforen)

Das Café in Berlin füllt sich gegen Abend. Auch am Nachbartisch sitzen jetzt Gäste. Andreas Berninger und Stefan Zachert stört das nicht. Die beiden Kraftsportler sprechen weiter ungehemmt über ihr Doping. Über etwas, das für sie ganz alltäglich ist.

ZEIT: Sie nehmen das Risiko in Kauf, sich selbst zu schädigen.

Zachert: Als ich damals das erste Mal diese Tabletten genommen habe ... Ganz ehrlich, da konnte ich nachts nicht schlafen. Ich dachte, jetzt krieg ich Hodenkrebs. Dachte ich wirklich.

Berninger: Trinken Sie Alkohol?

ZEIT: Ja.

Berninger: Sehen Sie, das ist ein gesundheitliches Risiko, das Sie nicht eingehen müssen. Trotzdem tun Sie es.

Zachert: Ich versuche es ja jetzt gerade ohne Stoff. Geht auch. Aber im Sommer nehm ich vielleicht wieder ein, zwei Ampullen. Für die Strandfigur.

Fast alle Dopingmittel sind offiziell zugelassene Medikamente

ZEIT: Woher haben Sie Ihr Wissen über Substanzen und Dosierungen?

Berninger: Versuch und Irrtum.

Zachert: Es gibt auch Literatur: Anabole Steroide – Das Schwarze Buch zum Beispiel.

Das Buch kostet beim Onlineversand Amazon 39,95 Euro. Auf der Internetseite steht: "Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch" ...

... die DVD Bigger Stronger Faster,

das Buch Die anabole Diät,

Standardkanülen(Gr. 1, 0,9 x 40 mm) 100 Stück,

100 Einmalspritzen, 2-3 ml, einzeln steril verpackt,

Alkoholpads, Tupfer, 100 Stück,

Herrenunterhemd, Tanktop, Muskelshirt, 3er-Pack.

Viele Bodybuilder aus meiner Generation sind an Herzinfarkten gestorben. (Frank Pfraumer, ehemaliger Weltmeister im Bankdrücken, langjähriger Anabolika-Konsument)

Die meisten Doper mit anabolen Steroiden haben auch noch Jahre später ein klar erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. (Perikles Simon, Professor für Sportmedizin, Universität Mainz)

Einer meiner Patienten hat über Jahre Wachstumshormone genommen. Jetzt hat man bei ihm Lymphdrüsenkrebs festgestellt. Natürlich kann niemand beweisen, dass der Krebs in genau diesem Fall von den Hormonen kommt. Aber der Zusammenhang ist generell gut belegt. Wenigstens konnte ich ihn davon überzeugen, die Hormone jetzt abzusetzen. (Luitpold Kistler, Allgemeinmediziner, Mainburg)

Die Vermutung, Doping im Fitnessstudio sei eine reine Angelegenheit von muskelstrotzenden Männern, ist ein Irrglaube. Es gibt längst auch für die Aerobic-orientierte Dame passende Präparate. (Mischa Kläber, Ressortleiter Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement, Deutscher Olympischer Sportbund, Frankfurt)

Ich habe einige dopende Frauen in der Praxis. Eine zum Beispiel, die geht jeden Tag zwei Stunden ins Fitnessstudio. Die macht kein Bodybuilding, aber die ist süchtig nach dem schlanken, straffen Körper. Da geht es darum, permanent Selfies zu verschicken, auf denen man den straffen Hintern und die schmale Taille sieht. Als ich sie untersucht habe, hatte sie einen Ruhepuls von 170. Ich hab sie darauf angesprochen, und dann hat sie mir gesagt, dass sie ECA nimmt, diesen Cocktail aus Ephedrin, Koffein und Aspirin. Sie nimmt das jeden Tag. Damit senkt sie das Hungergefühl und verpasst sich einen künstlichen Fieberschub. Sie erhöht ihre Körpertemperatur um etwa ein Grad. Dadurch verbrennt der Körper viel mehr Kalorien. Wenn dann noch Bewegung dazukommt, baut man richtig viele Kalorien ab. (Luitpold Kistler, Allgemeinmediziner, Mainburg)

Anders als illegale Drogen wie Heroin oder Crystal Meth werden Dopingmittel von großen Unternehmen produziert – ohne dass diese damit gegen ein Gesetz verstoßen. Denn Dopingmittel sind gesund. Zumindest manchmal, für manche Menschen. Epo zum Beispiel kann jungen Müttern helfen, die bei der Geburt viel Blut verloren haben. Testosteron bekommen Männer, die an einer Hodenunterfunktion leiden. Ephedrin und verwandte Substanzen sind in Asthma- und Grippemedikamenten enthalten. Fast alle Dopingmittel sind offiziell zugelassene Medikamente, eigentlich. Man bekommt sie auf Rezept.

Nach unserer Beobachtung denken viele Konsumenten, wenn eine Substanz rechtlich als Arzneimittel eingestuft ist, könne sie ja nicht gefährlich sein. (Sebastian Wußler, Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft Doping, Freiburg)

Es gibt die Ärzte, die man in der Szene kennt, zu denen geht man, wenn man was braucht. (Perikles Simon, Professor für Sportmedizin, Universität Mainz)

Während meiner Facharztausbildung war ich ein Jahr lang in der Praxis eines Sportarztes. Da wurde relativ schnell deutlich, dass zehn bis zwanzig Prozent der Sportler, die in diese Praxis kamen, nach Dopingmitteln fragten. Und die haben sie dann auch bekommen. Wachstumshormone, Testosteron, Epo. Das waren Läufer, Triathleten, Radfahrer. (Florian Meißner*, Allgemeinmediziner)

Ein niedergelassener Arzt braucht einen gewissen Stamm an Kassenpatienten, um auf sein Geld zu kommen. Am besten sind Patienten, die gesund sind, einmal im Quartal kommen und nach fünf Minuten wieder draußen sind. Das kann man mit Dopingkonsumenten ganz gut erreichen. (Perikles Simon, Professor für Sportmedizin, Universität Mainz)

Ampullen aus dem Ägypten-Urlaub

Dass Ärzte Dopingpräparate verordnen, ist ein wachsendes Phänomen. Das liegt auch daran, dass viele Ärzte sich sicher fühlen, weil sie glauben, die ärztliche Schweigepflicht schütze sie. Manche Ärzte wollen mit der Verordnung von Dopingpräparaten Geld verdienen. Es gibt aber auch Ärzte, die es gut meinen und später vor Gericht erklären: "Lieber verordne ich dem Patienten die Dopingpräparate und überwache den Konsum, als dass er sie sich auf der Straße besorgt und sie ohne ärztliche Aufsicht konsumiert." Natürlich verstößt beides gegen das Gesetz. (Sebastian Wußler, Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft Doping, Freiburg)

Der Konsum von Arzneimitteln, die als Dopingsubstanzen eingestuft sind, ist in Deutschland straffrei. Illegal ist es, die Substanzen in "nicht geringer Menge" zu besitzen oder sie zu verkaufen. So steht es im Arzneimittelgesetz. Wie den Drogendealer gibt es auch den Dopingdealer.

Ich bin im Ägypten-Urlaub vor acht Jahren in das Geschäft eingestiegen. In einer Apotheke in Hurghada am Roten Meer gibt es Testosteron für fünf Euro pro Ampulle, ohne Rezept. Ich hab erst einmal wenig gekauft. Die Ampullen hab ich an einen Freund aus dem Fitnessstudio abgegeben. Eine Woche später fragte ein anderer Freund, ob ich noch welche für ihn hätte. So läuft das. Die Leute kommen zu dir. Im nächsten Urlaub hab ich dann schon mehr gekauft, und nach drei Jahren hatte ich einen kleinen Stamm von Kunden, die regelmäßig bestellt haben. Ich arbeite hauptberuflich im Marketing eines Unternehmens, für mich war das Dealen ein netter Nebenerwerb. Auf dem deutschen Schwarzmarkt kriegst du das Vierfache der ägyptischen Preise. Da war der Urlaub schnell wieder drin. Auf der Rückreise steht einem nur der Zoll im Weg. Die Beamten sehen meist schon von Weitem, wenn ein Mann stofft. Als Frau hat man es da leichter. Ich wurde noch nie gefilzt. (Sandra Schiller*, ehemalige Dealerin)

Vor knapp zehn Jahren etwa fing das an, und es hat sich von Jahr zu Jahr gesteigert. Vorher war Doping im Gegensatz zum Drogengeschäft für den Zoll nicht so das große Thema. Allein im vergangenen Jahr aber ist die Zahl der Beschlagnahmungen um 45 Prozent gestiegen. Inzwischen werden häufig nur die Grundstoffe im Ausland gekauft und dann hier in Deutschland in Untergrundlaboren zusammengemischt. Es ist viel leichter, nur die Grundstoffe ins Land zu schmuggeln, als fertige Ampullen oder Tabletten. Am Frankfurter Flughafen, über den täglich Tausende Pakete reinkommen, werden ohnehin nur Stichproben gemacht. Deshalb ist die Zahl dieser Labore immens nach oben gegangen, und die arbeiten sehr professionell: Die haben extra Aufkleber für die Ampullen. Verpackungen, die denen gleichen, die man auch aus dem normalen Medikamentenhandel kennt. Selbst Packungsbeilagen mit Handlungsanweisungen werden mitgeliefert. Am Ende sieht das fertige Produkt aus wie aus der Apotheke. Dopinghandel ist sehr konspirativ – vergleichbar mit dem Rauschgifthandel. Das fängt bei den Methoden an und hört bei den Gewinnen auf. Bis zu 1.000 Prozent Gewinn sind durchaus möglich. (Niels Hennig, Zollfahnder, Hamburg)

Wir hatten schon Verfahren gegen Rechtsanwälte, Journalisten, Polizisten, einfache Arbeiter. Das geht quer durch die ganze Gesellschaft. (Sebastian Wußler, Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft Doping, Freiburg)

Fast alle Dopingmittel sind Medikamente. Aber es sind nicht immer Medikamente für den Menschen.

Ein Geheimtipp ist Caniphedrin. Das ist eine Arznei gegen Inkontinenz bei Hunden. Da ist Ephedrin drin, das wird von Sportlern gerne genommen. Um das zu kriegen, borgst du dir einen Hund. Dann gehst du zum Tierarzt und sagst, der Hund sei inkontinent. Der muss gar nicht wirklich inkontinent sein. Kein Tierarzt wartet darauf, dass das Tier in seiner Praxis tatsächlich anfängt zu pinkeln. Die verschreiben Caniphedrin, ohne nachzuschauen. Wichtig ist eher, dass der Hund groß ist. Denn große Hunde brauchen eine größere Menge des Medikaments. (Sandra Schiller*, ehemalige Dealerin)

Pipo: Caniphedrin ist für Tiere? Das nimmst du?

hahohe22: Wo ist dein Problem? Ephedrin bleibt Ephedrin, egal, ob es Caniphedrin für Hunde ist oder normales Ephedrin.

stephi90: Nehme seit ein paar Tagen Cani und bin heute darauf angesprochen worden, dass meine Pupillen ziemlich geweitet sind. Jetzt hoffe ich, dass es meinem Chef nicht auffällt. Dass man das so leicht beim Tierarzt bekommt, ist schon krass. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich ne Frau bin, da denkt man nicht so leicht an Doping.

ScheißaufBeineBro: Ich nehme Caniphedrin für Hunde, zerkleinere es und ziehe es mit Koffeinpulver durch die Nase. Dann gehts ziemlich gut vorwärts. Haha.

(Äußerungen in Internetforen)

*Name von der Redaktion geändert

Mitarbeit: Daniel Drepper, Oliver Fritsch, Haluka Maier-Borst, Michel Penke, Sandro Schroeder, Philip Wente