Mutter: Ich fände es ja so schön, wenn ich mal nach Hause käme – und nicht erst alles aufräumen, waschen und sauber machen müsste. Da bekomme ich, sobald ich die Tür aufmache, leider immer gleich schlechte Laune. Und einen gereizten Ton.

Vater: Du weißt doch, dass wir, was die Ordentlichkeit betrifft, eine unterschiedliche Erwartungshaltung haben. Mir ist das Aufräumen nicht so wichtig, und ich frage mich oft, warum du dich – und uns – damit so unter Druck setzt. Ich verstehe nicht, warum du jeden Abend im Wohnzimmer die Decken zusammenfaltest und die Zettel auf dem Tisch zu Stapeln ordnest. Und von den Jungs verlangst, dass sie ihr Zimmer aufräumen. Ich finde, es gibt Wichtigeres in der Erziehung, als Kindern das Aufräumen beizubringen. Und es ist auch nicht so, dass ich keinerlei Empfinden für Reinlichkeit habe und es bei uns aussieht wie bei Hempels. Ich kümmere mich auch um den Haushalt, aber in einem anderen Tempo, ich spüle die Töpfe halt nicht sofort, sondern abends vor dem Insbettgehen, ich wasche die Wäsche einmal in der Woche statt täglich, und manches, das gebe ich zu, geht mir durch, Staubwischen zum Beispiel oder jeden Tag die Betten machen. Aber mich, und das ist wohl das Dilemma, stört es nicht, weil es mir gar nicht auffällt.

Mutter: Oh Mann, jetzt bin ich wieder die Böse. Ich finde das einfach normal. Auch wenn ich weiß, dass ich vielleicht ein stärkeres Ordnungsbedürfnis habe als andere. Aber ich glaube, es ist gut, den Kindern beizubringen, sich zu ordnen und zu sortieren. Physisch und psychisch. Das hat etwas mit Klarheit und Achtsamkeit zu tun. Und außerdem bleibt sonst immer alles an mir hängen.

Vater: Ich muss zugeben, dass es wesentlich entspannter ist, wenn du auf Reisen bist und ich mit den Jungs allein bin. Wir haben einen anderen Umgang miteinander, streiten uns seltener. Und ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn wir einen Männerabend machen mit Glotze und Lieferservice oder Fußball schauen oder einfach abhängen und die Klamotten unaufgeräumt vor den Betten liegen lassen. Ich weiß, dass du das Gefühl hast, du müsstest die Zügel anziehen. Dir passiert es wesentlich häufiger, dass du mit den Kindern aneinandergerätst. Du bekommst schnell einen schärferen Ton, wenn sie nicht gleich machen, um was du sie gebeten hast. Während ich in der Regel nachsichtiger bin. Ich denke dann oft, du würdest mehr erreichen, wenn du es auf die nette und freundliche Art versuchtest. Die Jungs und du – ihr verkeilt euch schnell ineinander. So wie gestern, du wolltest, dass sie duschen, und sie sagten, gleich, und weil sie dann nicht gleich ins Bad gingen, fingst du mit einer kleinen Tirade an von stinkenden Kindern und wie unangenehm sie für die Mitmenschen seien und bekamst diesen scharfen Ton, auf den die Jungs dann meist mit Trotz reagieren. Was es bräuchte, wäre mehr Deeskalation. Wahrscheinlich denkst du, wenn du mich mit den Jungs beobachtest, das Gegenteil. Ich glaube, wir haben einfach unterschiedliche Erziehungsmethoden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Mutter: Ich find’s auch oft einfacher, wenn ich mit ihnen allein bin. Das ist irgendwie komisch. Und traurig. Ich bin dann viel entspannter mit ihnen, netter und zugewandter. Irgendwie ist es so, als hätten wir, sobald wir zu viert sind, vorgegebene Rollen: Du bist der liebe Papi, und ich bin die strenge Mama. Ehrlich gesagt, könnte das auch andersherum sein, es liegt nicht an unserer Wesensart, glaube ich. Oder doch? Es wurde einfach seit ihrer Geburt eingespielt, weil ich schon durch die Säuglingsphase näher dran war und Aufgaben verteilt habe – und auch verteilen musste. Von selbst, das sehe ich leider viel zu oft, passiert ja sonst kaum was: mal aufräumen, mal selbst ein Brot schmieren, mal lesen statt daddeln, malen statt glotzen oder skaten statt bolzen. Die Bandbreite der Tätigkeiten muss man leider auch immer wieder anregen.