Douglas Tompkins in Argentinien (Archivbild vom November 2009) © Daniel Garcia/AFP/Getty Images

Amerikas schillerndster Umweltschützer hat keine Hand frei zur Begrüßung – so mächtig ist das Buch, das Douglas Tompkins trägt. "Overdevelopment, overpopulation, overshoot" heißt der Bildband, den eine seiner Stiftungen herausgegeben hat. Auf Bilder von Naturwundern folgen darin die der Zerstörung: Schleppnetze voll Plastikmüll, Kraftwerke, Rauchschwaden und Menschenmassen. Bevölkerungswachstum und Technologisierung sind für den Gründer der Modemarken The North Face und Esprit die Wurzeln allen Übels. Dagegen kämpft er an: Der Multimillionär kauft seit Jahren Land in Südamerika, um Nationalparks zu erschaffen. 10.000 Quadratkilometer sollen es bereits sein.

DIE ZEIT: Es heißt, Sie besitzen kein Mobiltelefon?

Douglas Tompkins: Diese Dinger sind schlecht für die Gesellschaft. Ihre Funktion ist, die Wirtschaft zu beschleunigen. Dieser Prozess sorgt dafür, dass Ozeane versauern, Wälder abgeholzt, Tier- und Pflanzenarten ausgerottet werden und das Klima ruiniert wird. Handys, Internet, Satelliten: Vereinfacht gesagt, zerstören diese Dinge unsere Welt.

ZEIT: Ist das etwa Ihr Ernst? Helfen computergesteuerte Stromnetze, Solarmodule, Windkraftwerke und Elektrofahrzeuge nicht dabei, die Welt zu retten?

Tompkins: Das ist ja das Dilemma: Wenn Technologie ein Problem geschaffen hat, sehen viele Menschen keinen anderen Ausweg, als es mit der nächsten Technologie zu lösen. So machen wir uns immer abhängiger. Dieses System kann nicht reformiert werden, es ist das Gerüst der Zivilisation. Nehmen Sie Ihr Mobiltelefon, und denken Sie darüber nach: über das Öl, das für das Plastikgehäuse gefördert und raffiniert werden musste. Über das Bauxit, das in Australien abgebaut wurde, ehe es nach Island in die Aluminiumschmelzen mit dem billigen Strom geschifft wurde. Über die Maschinen, die dieses Gerät zusammengebaut haben. Über die Maschinen, die diese Maschinen erzeugt haben. Wir haben eine riesige Infrastruktur aufgebaut, um dieses eine Gerät herzustellen.

ZEIT: Silicon-Valley-Manager sagen, dass sie eine bessere Welt für uns alle erschaffen.

Tompkins: Diese Leute sind Technologie-Fetischisten. Der Verlust der Wälder, die Übersäuerung der Ozeane und Böden, die Treibhausgase – über diese Folgen der Beschleunigung reden sie nicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

ZEIT: Sie klingen, als würden Sie sich in die Zeit vor der Industrialisierung zurückwünschen, als die Lebenserwartung keine 40 Jahre betrug.

Tompkins: Ja, die Lebenserwartung ist gestiegen. Aber ist es dieser kurze Wimpernschlag in der Menschheitsgeschichte wert, eine gewaltige Überbevölkerung zu schaffen, welche die Ressourcen verschlingt? Wir leben weit über unsere Verhältnisse. Dieses gesamte Gerüst der Zivilisation müssen wir loswerden, nicht nur eine bestimmte Technologie. Das haben nur sehr wenige intelligente Menschen erkannt. Man muss jetzt unpopulär sein und gegen den Strom schwimmen.

ZEIT: So ganz unpopulär sind Sie ja nicht. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat Ihnen und Ihrer Frau dieses Jahr den Weltwirtschaftlichen Preis 2015 verliehen. Können Sie sich erklären, warum?

Tompkins: Das haben meine Frau und ich uns auch gefragt. Vielleicht brauchte die Jury einfach einen Umweltaktivisten unter ihren Preisträgern.

"Ende der 1980er Jahre begriff ich, dass wir Produkte machten, die niemand brauchte"

ZEIT: Als Sie 1990 die globalisierungskritische Foundation for Deep Ecology gründeten, waren Umweltschützer in Amerika Außenseiter. Nun ist sogar der Papst zum Klima- und Globalisierungskritiker geworden. Fühlen Sie sich bestätigt?

Tompkins: Es dauert immer, bis das Denken der Avantgarde die Populärkultur erreicht. Jede Gesellschaft hat eine Führungsschicht: Wissenschaftler, Unternehmer, Journalisten, Aktivisten. Die Politiker gehören auch dazu, aber sie sind fast nie die wahren Genies der Gesellschaft.

ZEIT: Wo ist Ihr Platz?

Tompkins: Ich wäre gerne an der Spitze, aber das sollen andere beurteilen.

ZEIT: Welche Rolle spielt Geld in dieser Schicht?

Tompkins: Die Leute an der Spitze haben nicht viel, siehe Gandhi und Martin Luther King.

ZEIT: Reiche Leute können mit Geld viel bewegen.

Tompkins: Ja, aber das ist die Ausnahme. Das Geld korrumpiert das Denken der Leute, die wohlhabend geworden sind. Meistens tragen reiche Leute dazu bei, die Welt zu zerstören.

ZEIT: Sie selbst haben auch ein Vermögen gemacht.

Tompkins: Ich habe das meiste Geld weggegeben, in unsere Stiftungen. Das kommt nie mehr zurück, das ist eine Einbahnstraße.

ZEIT: Wie viel besitzen Sie noch selbst?

Tompkins: Darüber rede ich nicht. Aber alles wird in Non-Profit-Umweltprojekte gehen. Meine Kinder werden nichts von ihrem Vater erben. Ich glaube nicht, dass geerbter Wohlstand gut ist.

Tompkins greift zum Stift, malt eine Linie, die sein Vermögen darstellen soll. Die Geldkurve beginnt bei null, Mitte der 1960er Jahre zeigt sie erstmals nach oben: Tompkins, damals ein begeisterter Outdoorsportler, gründet in San Francisco The North Face, einen Laden für Bergsteigerausrüstung.

Pessimistisch, aber glücklich

Die Lebenskurven von Esprit-Gründer Douglas Tompkins

Tompkins: Ich habe nicht viel verdient. Aber es war eine großartige Zeit. Damals ging eine kulturelle Revolution los, auf unseren Firmenpartys spielten The Grateful Dead und Jefferson Airplane. Wir waren Freunde, das hatte nichts mit Geld zu tun.

ZEIT: Trotzdem haben Sie The North Face 1970 verkauft. Waren Sie die Revolution leid?

Tompkins: Ich war es müde, im Sportbusiness zu sein. Ich zog damals eine kleine Filmgesellschaft auf. Und dann wollten meine frühere Frau Suzy und ein Freund eine kleine Bekleidungsfirma gründen, und ich sollte mithelfen ...

ZEIT: ... so entstand Esprit, wieder eine Weltmarke, wieder ein Teil der nun von Ihnen so kritisierten Konsumindustrie. Bereuen Sie das manchmal?

Tompkins: Ich habe eine Menge gelernt. Aber schon mit Esprit haben wir Werbekampagnen für verantwortungsvollen Konsum initiiert und auf die Preisschilder unserer Kleidungsstücke geschrieben: Kaufe das Produkt nicht, wenn du es nicht brauchst.

ZEIT: Trotzdem haben Sie all diese Produkte hergestellt und viel Geld damit verdient.

Tompkins: Ende der 1980er Jahre begriff ich, dass wir Produkte machten, die niemand brauchte – und dass wir somit zur Umweltkrise beitrugen.

"Das Grundproblem bleibt der Ressourcenverbrauch"

ZEIT: Und dann haben Sie auch Esprit von einem Tag auf den anderen verkauft.

Tompkins: Ich hatte gehofft, dass die Firma diese Ideen für mich weitertreiben würde. Von wegen! Mir aber war klar, dass ich mich mit all meiner Zeit um die Sache kümmern muss.

ZEIT: Aber die Firma war Ihr Leben ...

Tompkins: Ich bereue nichts. Neulich bin ich in Berlin an den Esprit-Läden vorbeigelaufen und habe nur gedacht: Hey, das war eine andere Zeit.

ZEIT: Das glauben wir Ihnen nicht.

Tompkins: Klar, so radikale Brüche sind ungewöhnlich. Aber ich bin ja auch nicht eines Morgens aufgewacht und war erleuchtet. Das hat viele Jahre gedauert. Seit ich mit zwölf Jahren mit dem Klettern anfing, bin ich so etwas wie ein Umweltschützer. Nur so habe ich überhaupt die Tür zum Geschäft gefunden.

ZEIT: Können Sie uns Ihre "Umweltbewusstseins-Kurve" zeichnen?

Tompkins nimmt den Stift und zeichnet energisch eine gerade Linie von links unten nach oben.

ZEIT: Ach, kommen Sie! Als Ihr Geschäft brummte, waren Sie doch selbst Teil dessen, was Sie heute als "Beschleunigungsbusiness" abkanzeln. Sie hatten doch keinen Kopf für Umweltschutz!

Tompkins: Im Gegenteil. Das war die Phase, in der ich immer mehr darüber nachgedacht habe.

ZEIT: Hätten Sie dann nicht mehr bewirkt, wenn Sie Ihre Firmen behalten und Ihre Kunden zu Umweltbewusstsein erzogen hätten?

Tompkins: Wenn man wirklich etwas verändern will, fängt man an der Spitze der Gesellschaft an – und nicht unten bei den Konsumenten. Der Rest passiert dann von allein. Das ist Führung.

ZEIT: Und wo stehen die Unternehmen?

Tompkins: Weit unten. Jedenfalls solange sie nichts in Sachen Umwelt- oder Klimaschutz unternehmen. Das haben die meisten bislang nicht getan.

ZEIT: Das Problem ist doch, dass jeder etwas anderes richtig oder falsch findet. Nehmen wir Sie selbst: Seit Jahren kaufen Sie Land in Chile und Argentinien und verwandeln es in Nationalparks. Viele Menschen in Chile betrachten das als eine Autokratie. Sie würden dieses Land gerne selbst bewirtschaften.

Tompkins: Das ist nicht wahr. Ich habe große Teile des Landes in Form von Nationalparks allen Chilenen zurückgegeben. Das Gleiche in Argentinien. Wir haben das Land von Menschen gekauft, die es loswerden wollten, zuletzt etwa von einer sehr reichen patagonischen Familie. Wir haben es nur zwei Jahre behalten. Jetzt gehört es wieder jedem Argentinier, weil es ein Nationalpark ist. Wenn Leute das ungerecht finden, dann sollen sie doch.

ZEIT: Es gibt eine Bewegung namens Patagonien ohne Tompkins. Schmerzt Sie das?

Tompkins: Wenn Nationalparks entstehen – egal, wo und egal, ob aus privatem oder öffentlichem Besitz –, gibt es anfangs immer lokalen Widerstand. Wir kennen das seit 25 Jahren. Aber wir bringen durch die Nationalparks oft Infrastruktur in Gegenden, um die sich vorher keiner gekümmert hat. Wir errichten touristische Leuchtturmprojekte.

ZEIT: Bis irgendwann auch Ihre Nationalparks Teil der Beschleunigungsindustrie sind. Man nennt Sie auch König von Patagonien. Ein Kompliment?

Tompkins: Ha, das ist natürlich sarkastisch gemeint. Sobald es um Land geht, handelt man immer gegen die Interessen von irgendwem. Wer wirklich etwas für die Umwelt tun will, stellt sich besser drauf ein, sich Feinde zu machen. Oft sind sich nicht mal die Umweltschützer einig: Auf den ersten Blick etwa scheint Sonnenenergie besser zu sein als Kohle, aber auch Solarpanel verbrauchen Ressourcen.

ZEIT: Was ist denn die Alternative?

Tompkins: Runterfahren. Dezentralisieren. Die Naturgesetze zur Grundlage machen.

ZEIT: Müssten wir wieder in Höhlen leben?

Tompkins: Wir müssen einfach aufhören, Maschinen und Technologie als Vorbilder unserer Entwicklung zu sehen. Klar, Kohleminen sind schlimm. Aber Windräder und Gaspipelines halten den Klimawandel und die Artenzerstörung nicht auf. Das Grundproblem bleibt der Ressourcenverbrauch.

ZEIT: Glauben Sie, Ihre Projekte könnten ein Vorbild werden für den Rest der Welt?

Tompkins: Ach, ich bin doch nicht der Messias. Wenn ich morgens aufstehe, versuche ich einfach ein Tropfen unter vielen zu sein, die daran arbeiten, Lebensformen und das Klima zu erhalten.

"Ich bin nicht sehr optimistisch"

ZEIT: Diese bescheidenen Worte passen nicht so ganz zu dem Bild, das viele von Ihnen haben. Es heißt, Sie führen Ihre Ansammlung von Nationalparks wie einen Großkonzern.

Tompkins: Wir haben ein großes Team mit Biologen, Botanikern, Wildtier-Experten und so weiter. Alls das muss gut organisiert sein. Bei Esprit habe ich gelernt, ein Team zusammenzustellen und zu führen. In unserem Conservation Trust benutzen wir die Reporting-Formulare von Esprit. Die funktionieren einfach sehr gut.

ZEIT: Mit dem Unterschied, dass Sie jetzt nach Ihrer eigenen Einschätzung im Entschleunigungsbusiness arbeiten. Ist Ihr Tagesablauf entspannter?

Tompkins: Ich arbeite 24 Stunden, sieben Tagen die Woche, härter als je zuvor, das gibt mir Energie.

ZEIT: Die G-7-Staaten haben sich bei ihrem letzten Treffen die Dekarbonisierung der Industrienationen auf die Fahnen geschrieben, also die Abkehr von Kohle, Erdöl und Gas. Glauben Sie das?

Tompkins: Ich bin nicht sehr optimistisch. Bei diesen Themen wird immer viel geredet und wenig gehandelt. Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Und vielleicht haben wir den entscheidenden Punkt schon überschritten.

Er zeichnet jetzt eine Kurve, die Mitte der neunziger Jahre steil abfällt: Sein Optimismus für die Welt.

Tompkins: In den letzten 20 Jahren ist es immer schlimmer gekommen, als alle Experten vermutet haben. Die Wende können wir nur mit einer viel kleineren Bevölkerung schaffen. Das Problem ist aber, dass Kapitalismus nicht ohne Wachstum funktioniert.

ZEIT: Sie klingen sehr pessimistisch. Sind Sie persönlich ein glücklicher Mensch?

Tompkins: O ja!

Er nimmt den Stift und zeichnet seine Glückskurve – einen geraden Strich.

ZEIT: Wie? Sie waren immer gleich glücklich?

Tompkins: Ja, jeden Morgen, wenn ich aufstehe, bin ich glücklich. Trotzdem macht mir das, was auf der Welt geschieht, große Sorgen. Wenn es so weitergeht, sitzen wir am Ende auf Sanddünen. Und dann gibt es außer uns nur noch Kakerlaken und norwegische Ratten. Das sind die einzigen Kreaturen, die solche Bedingungen überleben können.