Nun hat sie es also geschafft. Nach 36 Jahren hat die FDP erstmals wieder bei nationalen Wahlen an Wählerstärke zugelegt. Dahinter steckt ihre sogenannte Zukunftsstrategie, die Werte wie Freiheit, Gemeinsinn und Fortschritt in den Mittelpunkt der Wahlkampagne stellte. Und der Plan der Parteiführung ist – zumindest teilweise – aufgegangen: Die neue parteipolitische Konstellation in Bundesbern weist der FDP eine Führungsrolle zu. Besonders in jenen Fragen, bei denen die Schnittmengen mit der national- und gesellschaftspolitisch konservativen SVP eher klein sind: in der Ausländer- und Außenpolitik.

Also überall dort, wo es um die Abgrenzung zwischen dem Eigenen und dem Fremden geht. Um die identitäre Frage: Wer sind wir?

Hier hat die FDP eine große Chance, sich zu profilieren: Sie muss der konservativ-rückwärtsgewandten, engen Schweiz-Lesart der SVP ein anderes Narrativ entgegenstellen. Eines, das für ein offenes, zukunftsgerichtetes Land steht.

Im Wahlprogramm der FDP finden sich bereits erste Elementen einer solchen Erzählung. Da steht: "Vielfalt ist eine Stärke der Schweiz. Wir schätzen unterschiedliche Sprachregionen, Weltansichten und Religionen." Weiter liest man: "Stillstand bedeutet Rückschritt." Und die FDP betont, dass sich der Wohlstand nicht ohne Veränderungen bewahren lasse.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Interessant ist auch, wie sehr die Partei sich auf die Geschichte des modernen Bundesstaats beruft. Etwa auf 1848: Die FDP bezeichnet sich als "Gründerpartei der modernen Schweiz" und als "staatstragende Partei", die diese "moderne Schweiz ermöglicht und aufgebaut" habe. Sie will die Schweiz darum weiter "gestalten".

Kurzum: Hier entsteht die Beschreibung eines Landes in Bewegung, einer lern- und wandelfähigen Schweiz, die dank ihrer Offenheit die Zukunft noch vor sich hat.

Diese starke liberale Story muss die FDP im neuen Parlament mit Überzeugung vertreten. Es braucht eine Alternative sowohl zum nationalkonservativen, beinahe mythischen Geschichtsbild mit den Eckdaten Morgarten und Marignano als auch zur Arbeitergeschichte der Linken. Denn in der kommenden Legislatur stehen wichtige Abstimmungen an: von der Revision des Asylrechts bis hin zu den bilateralen Verträgen mit der EU. Ohne eine eigenständige liberale Schweiz-Erzählung lassen sich diese Urnengänge nicht gewinnen.

Bei den identitären Fragen geht es vor allem um den Umgang mit Ängsten. Die beiden Sozialwissenschaftler Guy Kirsch und Klaus Mackscheidt haben bereits 1985 in ihrem bekannten Grundlagenwerk Staatsmann, Demagoge, Amtsinhaber drei Politikertypen unterschieden: Der Amtsinhaber verwaltet die Ängste so, wie sie sind, weil er nicht über sie reden will; er ist unfähig und nicht willens, diese zu thematisieren. Der Demagoge reizt und weitet sie aus, um weiter Macht zu gewinnen. Der Staatsmann hingegen versucht, die Bürgerin und den Bürger freier zu machen, indem er dazu beiträgt, dass diese ihre Ängste überwinden können – und es wagen, sich der Realität zu stellen.

Ein Amtsinhaber kümmert sich letztlich vor allem um die affaires courantes, ohne den Realitätsbezug auszuweiten. Diese Strategie birgt die Gefahr, dass nach und nach die Diskrepanz wächst zwischen den Tätigkeiten und Lösungsvorschlägen des Amtsinhabers und der Wirklichkeit, der er sich nicht stellt. Läuft die Zeit des Amtsinhabers langsam ab, schlägt die Stunde der Demagogen – oder aber der Staatsmänner.