Den einen ist der Kurs zu schnell, den anderen zu langsam.

Studieren auf dem Sofa, weder Anwesenheitspflicht noch Anfahrtswege. Keine Abhängigkeit von Raum und Zeit. Der selbstbestimmte Student lernt online, lauscht den Welt-Koryphäen und diskutiert im E-Forum. Vor drei Jahren waren Moocs – Massive Open Online Courses – der Hype der Saison. Wer den Begriff nicht runterschnurren konnte, ihn nicht für die Zukunft hielt, war von vorgestern.

"Online-Bildung wird die Welt verändern" versprach im Mai 2012 Anant Agarwal, Präsident von edX, einer Online-Bildungsplattform, die Harvard und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) gegründet hatten. Es gab zunächst riesiges Interesse. Im Oktober 2012 schrieben sich 180.000 Studenten für den kostenlosen Kurs CS50x ein, eine Mooc-Variante von Harvards Einführung in Computer Science. Keinen Monat später rief die New York Times "Das Jahr des Mooc" aus.

Rasch begann der Hype abzuebben. Weniger als ein Prozent der registrierten Studenten blieb CS50x treu, nur 1.439 erwarben ihr Abschlusszertifikat. Massiv an dem Mooc war vor allem die Abbruchquote. Die Digital-Enthusiasten gerieten ins Grübeln. War Online doch nicht die Bildungsrevolution, nach tausend Jahren Traditionsuniversität? Bereits Ende 2013 fragte die Washington Post lapidar: "Sind Moocs bereits vorbei?"

Schon nach kurzer Zeit zeigten sich die Probleme: So einfach war es dann doch nicht, Studenten verschiedenen Talents und mit unterschiedlichem Bildungsniveau komplexe Zusammenhänge zu lehren. Und John Hennessy, der Präsident der berühmten Stanford University, beschied im Interview mit der Financial Times knapp: "Zwei Wörter sind falsch bei Mooc – massiv und offen."

John Hennessys Skepsis gegenüber den Moocs ist seitdem noch gewachsen. Ausgerechnet bei ihm, dem Präsidenten der weltbesten Tech-Uni im Herzen des Silicon Valley, der so etwas wie der Geburtshelfer der Online-Bildung war. Hennessy hatte die Stanford-Professoren Andrew Ng und Daphne Koller dabei ermutigt, die Online-Uni Coursera zu gründen, und den Kollegen Sebastian Thrun die heute ebenso bekannte Mooc-Plattform Udacity. "Der Vorteil ist der Nachteil", resümierte Hennessy jüngst im Technology Review des MIT. "Moocs können ein riesiges Publikum erreichen, das sehr unterschiedliche Fähigkeiten hat, um den Stoff zu meistern. Das ist Teil des Geschäfts, aber auch Teil des Problems. Vielen ist der Kurs zu schnell, manchen zu langsam. Das ist der Unterschied zu traditionellen Seminaren in Stanford."

Die Online-Pioniere hätten sich manche Häme ersparen können, wenn sie sich mit den Fallstricken der Fernlehre beschäftigt hätten – Moocs sind schließlich nichts anderes als Fernlehre mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts. Sie hat lange gigantische Abbrecherzahlen produziert. Die Wende kam erst 1971, als die englische Open University (OU) ihre Tore öffnete. Sie baute auf ein ausgeklügeltes Feedback-System, meist schriftliche Evaluationsbögen – damit sich die offene Tür nicht in eine Drehtür verwandelte. Außerdem ist ein Tutor an der OU für etwa 18 Studenten zuständig – ein sagenhaftes Verhältnis im Vergleich mit vielen deutschen Präsenzuniversitäten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Eigentlich könnte das Netz die Verbindung der Studenten untereinander und mit ihren Professoren vereinfachen. Nur ist der Aufbau von Feedback-Systemen teuer, die Organisations- und Personalkosten bei der Verknüpfung von Kleingruppen sind mit Tutoren hoch. Ebenso teuer ist die Entwicklung eines Kurses, der nicht nur toll klingt, sondern sein Publikum erreicht und zum Examen führt. Und: Es bleibt beim verpönten "Frontalunterricht". Es ist eine Illusion, zu glauben, eine Vorlesung werde besser, weil sie auf dem Schirm statt im Hörsaal erlebt wird. Nur wenige Professoren sind mit einem Charisma gesegnet, das sich aus dem Hörsaal auf Laptop-Monitore überträgt.

Also, sind Moocs schon am Ende? Keineswegs, doch so einfach und preiswert wie vor drei Jahren erträumt, wird es so bald nicht werden.