Der Ton wird rauer. Die Situation immer chaotischer. Täglich strömen mehrere Tausend Flüchtlinge aus Slowenien über die südsteirische Grenze und werden weiter nach Norden befördert. Die meisten vertrauen darauf, dass sie die österreichischen Behörden weiterverfrachten. Manche brechen aber auch auf eigene Faust zu Fuß auf und können nur mühsam davon überzeugt werden, dass dies eine viel zu weite Wanderung ist. Andere mieten auch Taxis – mittlerweile hat sich am Grenzübergang Spielfeld eine kleine Taxi-Armada versammelt. 650 Euro kostet die Reise zur bayerischen Grenze.

In Oberösterreich und Salzburg staut sich jetzt der Flüchtlingsstrom, denn die deutsche Polizei versucht die unkontrollierte Einreise der Menschenmassen zu drosseln. Zeitweise erlauben die deutschen Behörden lediglich 50 Flüchtlingen pro Stunde den Grenzübertritt. Aus dem Süden drängen aber Tausende nach. Die Notquartiere quellen über, die Flüchtlingsmassen werden immer nervöser. In der Nacht von Montag auf Dienstag versuchte ein Pulk von 1.500 Flüchtlingen vergeblich, es zu Fuß über die grüne Grenze nach Bayern zu schaffen. Vor allem hier droht die Situation demnächst außer Kontrolle zu geraten.

Am Nationalfeiertag lobte die Staatsspitze in ihren Festreden in höchsten Tönen, wie sich das Land in der Flüchtlingskrise bewähre. Diese Bewährungsprobe besteht aus Improvisation und fußt auf der Annahme, dass Deutschland unbegrenzt alle Menschen aufnimmt, die sich über die Balkanroute durchgeschlagen haben. Bislang tut dies die Wirtschaftsgroßmacht auch; doch der Konsens in der Berliner Regierungskoalition, mit dieser Praxis fortzufahren, erscheint zunehmend brüchig. Die Kommunen, auf welche die Abertausenden verteilt werden, fühlen sich überfordert. Und vor allem die bayerische CSU greift in immer deftigeren Formulierungen die Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Garantin einer Politik der offenen Grenzen, auf.

In diesem Sinn richtet nun der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer auch heftige Vorwürfe an Österreich. Die Nachbarn, empört er sich, würden ohne Rücksicht auf die deutschen Kapazitätsgrenzen die Flüchtlingsmassen geradezu über die Grenze treiben. Die Kanzlerin möge ihren Wiener Kollegen kontaktieren und dieses Vorgehen abstellen. Die nächste Front in einem Nervenkrieg ist dadurch eröffnet.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Deutschland hat bereits ein Gesetzespaket durchgewinkt, das den ungezügelten Zustrom etwas einschränken soll. Vor allem sollen schon frühzeitig alle Flüchtlinge ausgesiebt werden, die nicht aus Kriegsgebieten stammen. Eine besonders umstrittene Idee sieht vor, gleich an der Grenze, in einer Art Niemandsland, sogenannte Transitzonen einzurichten, in denen die Asylansuchen in einer Art Schnellverfahren abgewickelt werden. Wer dort nicht nachweisen kann, dass er aus einer Gefahrenregion geflohen ist, wird zurückgewiesen.

Sollte dieser Plan tatsächlich umgesetzt werden, droht Österreich Ungemach. Dann würden sich an der Grenze bald viele Tausende Flüchtlinge stauen, für die es kein Vor oder Zurück mehr gibt. Theoretisch müsste sie Österreich in ihre Herkunftsländer rückführen, was sich praktisch als nicht durchführbar erweisen würde.

Je stärker sich die deutsche Aufnahmebereitschaft abschwächt, desto kritischer wird auch die politische Situation in Österreich – die stillschweigende Übereinkunft in der Koalition, den Flüchtlingsspediteur zu spielen, scheint nicht mehr garantiert zu sein. Während die freiheitliche Opposition von Anfang an einer entschlossenen Abschottungspolitik das Wort redete und nun mit einer Volksabstimmung droht, beginnen auch in der Regierungspartei ÖVP einzelne Politiker, etwa der Landeshauptmann von Oberösterreich, bereits über Grenzzäune zu spekulieren, während die Innenministerin überhaupt gleich zischt, es sei Zeit, die "Festung Europa" zu errichten.

Insgeheim schielen vermutlich viele in der Volkspartei nach Ungarn, wo ihr Parteifreund Viktor Orbán das Flüchtlingsproblem für sein Land mit einer sehr opportunistischen Methode gelöst hat. Die magyarischen Grenzzäune halten aber nur deswegen, weil die Flüchtlingsströme den Nachbarn aufgehalst werden konnten. Dennoch konnte der Autokrat beim EU-Flüchtlingsgipfel am Wochenende fett grinsen. Ungarn betreffe das Problem gar nicht, er sei nur als Beobachter erschienen.