Flüchtlinge an der österreichisch-deutschen Grenze bei Fuchsoedt © Sean Gallup/Getty Images

Was wird über diese Tage im Oktober einmal in den Geschichtsbüchern stehen? Vielleicht "Europas Versagen"? Die Temperaturen sinken auf den Nullpunkt, in Europa übernachten Tausende Flüchtlinge im Freien, in Schlamm und Kälte, unter ihnen Säuglinge und Kinder. Als die Banken wankten, spannte die europäische Wertegemeinschaft im Handumdrehen einen "Rettungsschirm" auf, nun dauert es Wochen, bis sie "wirksame Maßnahmen" beschließt. Die EU ist Trägerin des Friedensnobelpreises, auf ihren Selbstbeweihräucherungsfeiern besingen die Damen und Herren gern den "Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts". Zum Dessert dann Beethoven. "Alle Menschen werden Brüder."

Anfangs waren die Flüchtlinge nur ein italienisches, ein griechisches und vor allem: ein ungarisches Problem. Dabei waren sie längst ein europäisches, doch Europa wollte davon nichts wissen. Dann kollabierte unter den Flüchtlingstrecks die Dublin-Vereinbarung; die Drittstaatenregelung, von der Deutschland so profitiert hatte, war Makulatur, an den Grenzen herrschte, mit einem Lieblingswort der Konservativen, der Ausnahmezustand. In diesen Tagen hat Angela Merkel etwas getan, was viele europäische Regierungschefs und viele Konservative ihr nicht verzeihen werden: Sie tat das Selbstverständliche. Sie handelte im europäischen Geist. Sie sagte nicht Notwehr, sondern Nothilfe; nicht "Schutz der konkreten Ordnung", sondern Schutz der konkreten Menschen. Merkel hätte sagen können, es seien alles Orbáns Flüchtlinge und Deutschland habe mit ihnen nichts zu schaffen. Stattdessen sagte sie, Bürgerkriegsflüchtlinge dürfe man nicht abweisen. Merkel bewies historische Größe, ihre Sätze hatten Würde, sie werden ihre Amtszeit überdauern. Mit einer moralischen Begründung ("Es sind Menschen") bestand sie auf der Einhaltung des Asylrechts und weigerte sich, die Grenzen zu schließen.

In der konservativen Staatsrechtslehre bezeichnet der Ausnahmezustand die Stunde der Entscheidung. Wenn die Ordnung zusammenbricht, herrscht der übergesetzliche Notstand, und das Wesen des Staates tritt gleichsam nackt hervor: der Wille zur Macht und der Wille zur Selbsterhaltung. Der Staat entledigt sich der Fesseln des Rechts und bestimmt Freund und Feind, was bedeutet hätte: Der Flüchtling ist der Feind.

Doch Angela Merkel wiederholte stoisch ihren Satz "Wir schaffen das." Sie sagte, dass in den Zeiten der Globalisierung ihre politische Macht zwangsläufig begrenzt sei. "Konflikte kommen bis vor unsere Haustür. Sie können die Grenzen nicht völlig schließen, wie wollen Sie das machen?" Seit diesen Sätzen tobt eine Debatte um die Staatsräson, der Ton ist scharf. Merkel, so der Vorwurf, ersetze Moral durch Politik, sie kapituliere vor der Realität. "Deutschland schafft sich ab."

Wenn nicht alles täuscht, dann ist der neue Streit die Wiederholung eines alten. Als 1989 die Mauer fiel, malten konservative Intellektuelle ein düsteres Bild von der Zukunft; schwere Zeiten kämen auf Deutschland zu, und nur eine selbstbewusste, von ihren Machtinteressen geleitete Nation sei ihnen gewachsen. Dieser Streit um das staatliche Selbstverständnis wiederholt sich heute in ganz Europa, und Viktor Orbán spricht aus, was viele denken, auch viele Intellektuelle: Merkel lässt sich von Gefühlen leiten, sie belästigt Europa mit ihrem "moralischen Imperialismus" und verrät die nationalen Interessen. Doch im Chaos der Weltgesellschaft sei mit Moral kein Staat zu machen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Weltgesellschaft – dieser Begriff klang schon immer so, als sei er im grauen Beton grauer Akademien ausgebrütet worden. Wie eine Honigoblate wurde er auf Kirchentagen herumgereicht, die Welt sei ein Dorf mit Netzanschluss, und alle redeten darin ganz lieb mit allen. Tatsächlich war "Weltgesellschaft" ein brutal realistischer Begriff. Er bedeutete, dass das geordnete Universum der geordneten Nationen brüchig wird und sich die Welt nach innen entgrenzt. Er meinte, dass die grenzenlos gewordenen Märkte die alten Nationalstaaten in einen ruinösen Steuersenkungswettbewerb treiben: Wer macht’s billiger? Kurzum, "Weltgesellschaft" hieß: Es gibt keine wirksame Politik innerhalb des Nationalstaates. Und außerhalb auch nicht.

Es gab einmal die Hoffnung, dass Politiker neue transnationale Institutionen erfinden, die den Bürgern ein vergleichbares Gerechtigkeits- und Sicherheitsversprechen geben wie der alte Nationalstaat. "Regieren in der Weltgesellschaft" hieß das Programm, doch es war ein ebenso nebelhafter wie großartiger Traum. Die Europäische Union blieb auf halbem Weg stecken, in anderen Weltregionen herrscht ewiger Krieg für ewigen Frieden. Das Gefühl sagt: Wir leben in einer Zwischenzeit; eine vertraute Welt geht zu Bruch, und die neue kennt man nicht. Die Moderne, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman, verflüssigt sich, und in dieser liquid modernity entstehen unregierbare chaotische Räume. Ausgerechnet dort, wo der amerikanische Hegemon seine größte Niederlage erlitt, im Irak, der Wiege der Menschheit, kehrt etwas Anfängliches zurück, eine Gewalt in mythischer Dimension. Und auch die Flüchtlinge erscheinen als apokalyptische Metapher. Wie sie mit ihren Habseligkeiten durch die Wildnis der Zivilisation irren, sehen sie aus wie die ersten Menschen, wie Gestalten der Frühe in der späten Moderne. Der Flüchtling ist das, was nach dem Zerfall politischer Räume übrig bleibt, er ist das nackte Leben auf der Flucht.

Die Flüchtlinge treffen auf nervöse Gesellschaften, von denen keine das Desaster der Finanzkrise überwunden hat. Der Wachstumskapitalismus wächst nicht mehr richtig, und nicht einmal Systemtheoretiker glauben noch an die magische Selbststeuerung der Ökonomie. Die integrative Kraft der Wirtschaft lässt nach, und Unternehmen wie der Taxidienst Uber setzen ohnehin auf "disruption". Niemand weiß, ob die alten Rezepte noch greifen: mehr Privatisierung und weniger Staat, mehr Zaubergeld von der EZB, mehr Internet, mehr Reform, mehr Ich-AGs. So erscheinen die Flüchtlinge als Vorboten des Ungewissen, und selbst kluge Menschen sagen über sie Verächtliches, darunter katholisierende Schriftsteller und kleine Philosophenkönige, alle große Retter des deutschen Geistes. Im CDU-Land Sachsen tragen Heidenchristen schwarz-rot-goldene Kreuze schlagbereit durch Dresden; ihre geistigen Brandstifter fabulieren vom tausendjährigen Reich und zündeln für die "Konservative Revolution". Es gibt den Biedermann Alexander Gauland (AfD), früher einmal der Edelmarzipankonservative der hessischen CDU, einen echten Intellektuellen, viele hatten sie ja dort nie. Gauland verkörpert den inneren Abgrund des Bürgertums, seine Bereitschaft zum Selbstverrat, zum Pakt mit den Rechten. Jetzt begrüßt der deutsche Bildungsbürger noch Frauke Petry. Wen begrüßt er danach?