Die Menschen in Griechenland haben in über fünf Jahren Krise eines gelernt: Wenn das Fernsehen dunkle Limousinen zeigt, die vor dem Athener Luxushotel Hilton vorfahren, verheißt das nichts Gutes. Vor einigen Tagen war es wieder so weit. Die Kontrolleure der internationalen Geldgeber stiegen aus ihren Autos. Es waren nicht nur Vertreter von Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank und EU-Kommission, sondern auch jene des EU-Rettungsfonds ESM. Aus der gefürchteten Troika ist eine Quadriga geworden.

Die vier fuhren vor, um Alexis Tsipras zu kontrollieren. Bis Mitte Oktober, so hatten es die Geldgeber verlangt, sollte der Ministerpräsident eine lange Reihe von Reformen umsetzen, insgesamt 48 Maßnahmen. Die Regierung muss diese Liste abarbeiten, um weitere zwei Milliarden Euro aus dem im Sommer beschlossenen Kreditprogramm über 86 Milliarden Euro zu erhalten. Jetzt aber gibt es Streit – wieder einmal.

Es geht um faule Kredite im Immobiliensektor. Und um eines der letzten Versprechen von Tsipras an seine Bevölkerung, das er den Sparforderungen bisher nicht geopfert hat. Der Ministerpräsident will durchsetzen, dass Immobilienbesitzer einer Zwangsräumung ihrer Häuser entgehen, auch wenn sie mit der Rückzahlung ihres Hypothekenkredites im Rückstand sind. "Der Erstwohnsitz muss geschützt werden", sagte Tsipras immer wieder und fordert: Immobilien mit einem Wert bis 325.000 Euro dürften nicht von den Banken einkassiert werden.

325.000 Euro, das klingt zunächst nach einer ziemlich hoch angesetzten Grenze. Doch das Eigenheim ist für viele Griechen die letzte Sicherheit, die ihnen in der Krise geblieben ist und die sie vor der Obdachlosigkeit bewahrt, selbst wenn sie ihren Job verlieren. Denn Arbeitslosengeld wird in Griechenland nur für ein Jahr gewährt und eine soziale Absicherung darüber hinaus gibt es nicht. Dass bisher nicht viel mehr griechische Familien auf der Straße gelandet sind, liegt auch an der vergleichsweise hohen Eigentumsquote von 70 Prozent im Land.

Doch wenn arbeitslose Kreditnehmer ihre Raten nur noch vermindert oder gar nicht mehr bedienen können, haben die Banken ein Problem. Und das wiederum macht den Gläubigern Griechenlands Sorgen: Sie verlangen, die Höchstgrenze für den Erstwohnsitz, der nicht ohne Weiteres beschlagnahmt werden darf, auf 120.000 Euro oder weniger herabzusetzen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Bisher wurden die Banken vor allem durch Hilfskredite am Leben gehalten. Viele Milliarden sind für die Rekapitalisierung bereitgestellt. Nun sollen nach dem Willen der Gläubiger auch die zahlungsunfähigen Kunden der Banken einen Beitrag leisten: indem Banken ihre Immobilien über 120.000 Euro pfänden können.

Glaubt man der Darstellung aus Athener Regierungskreisen, drohen die Gläubiger mit zwei Szenarien, sollte Tsipras im Immobilienstreit nicht einlenken. Variante eins: Sparer mit über 100.000 Euro auf dem Konto könnten einen Teil ihres Vermögens verlieren. Der zweite Plan sieht vor, dass große Aktienpakete der wichtigsten Banken an den neuen griechischen Privatisierungsfonds übertragen werden. Die Erlöse aus dem Verkauf dieser Anteile sollen dann später zur Rückzahlung der Milliarden dienen, die die Gläubiger für die Stützung der Institute ausgegeben haben. Es stünde also mit Griechenlands Finanzsystem eine zentrale Infrastruktur des Landes zum Verkauf.

Aus dieser Zwangslage kann sich Tsipras kaum befreien, denn er braucht dringend Geld. Auch die Diskussion um eine Schuldenerleichterung kommt derzeit nicht voran. Der IWF hat dies zwar zur Voraussetzung dafür gemacht, dass er sich weiterhin an dem Hilfsprogramm für Griechenland beteiligt. Verhandelt werden soll über niedrigere Zinsen und längere Laufzeiten für die Kredite aber erst, wenn die wichtigsten Reformen umgesetzt sind.

Und das bedeutet wohl für Hunderttausende Griechen: Sie werden nun auch noch ihre Häuser verlieren.


Schuldenkrise - Wie es der griechischen Wirtschaft geht