An meinem zweiten Tag in den Highlands sitze ich frühmorgens vor meinem Zelt im Norden der Applecross-Halbinsel. Das Meer, die Bucht, das Dorf liegen vollkommen ruhig da. Ich starre matt geradeaus. Noch während meines ersten Kaffees poltert mein Campingnachbar aus seinem Wohnmobil, stößt die Angeln um, die außen am Fahrzeug lehnen, und blökt fluchend in sein Mobiltelefon. Ich kann gar nicht sagen, wie wohltuend ich das finde. Denn nun wird mir erst klar, dass mir gleich mein erster Tag in Schottland einen richtigen Schönheitskoller verpasst hat.

Von Inverness aus hatte ich mich auf den Weg gemacht, die nordschottische Küste auf einer neuen Route zu umrunden, der Northcoast 500, kurz NC 500 genannt. Die 500-Meilen-Strecke wird als die schottische Route 66 beworben. Das kam mir beim Lesen wie ein sensationell schräger Vergleich vor. Route 66, da denkt man doch an endlose Fahrten durch US-amerikanische Weiten, an ein Land in Bewegung, an die Suche nach dem Glück im Westen. Wie soll das zu einer Küstenstraße mit Linksverkehr in einer kleinen, bergigen Region passen?

Ich entscheide mich, die Route im Uhrzeigersinn zu nehmen. Noch bevor ich Inverness in nordwestlicher Richtung verlasse, weisen Schilder den Weg nach Loch Ness. In einer Viertelstunde wäre ich da. Doch so nah und so berühmt der See ist und so schön er sein soll – er liegt nicht auf meinem Weg. Und ich will mich nicht schon jetzt in Abstechern verzetteln. Vor mir die geschwungene Landstraße, rechts und links Getreidefelder in Spätsommergelb. Chic und dabei nicht zu aufregend, denke ich, gerade richtig, um Tage und Tage so dahinzugleiten, 500 Meilen, 800 Kilometer lang.

Schon nach ein paar Kurven erwischt es mich: Unter dicken Wolken liegt da schwer ein See, dahinter baumlose Berge in Braun und Dunkelgrün, vorn auf einer Wiese zerfällt ein Haus aus dicken Feldsteinen, rotbraune Hochlandrinder stehen im hohen Gras. Das ist so umwerfend hübsch, dass ich gleich auf diesem Parkstreifen mein Zelt aufbauen und von dort aus ewig auf dieses Bild schauen könnte. Ein Handwerker, der seinen Lieferwagen voller Granitdachschindeln hinter mir geparkt hat, blickt nur kurz vom Pinkeln auf. "Kommt noch jede Menge mehr", ruft er. Weiß nicht recht, ob das mehr wie eine Drohung oder wie eine Verheißung klingt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Nur eine kurze Strecke später frage ich mich, wie ich gleich bei diesem ersten See so aus dem Häuschen geraten konnte. Die Straße führt nun in ein lang gestrecktes Tal, zu beiden Seiten begrenzt von Bergketten. In der Mitte des Tales mäandern Bäche durch Steppengras und Moorheide von See zu See, auf kleinen Inseln stehen Kiefern in Grüppchen. Mir ist vollkommen klar, dass ich nie wieder etwas so Vollkommenes sehen werde. Jeder Antrieb zur Bewegung vergeht, ich will den Moment einfrieren und diese ruhige Kraft einatmen. Irgendwann aber halten die Nächsten, um zu staunen, und ihr Türenschlagen ist der Schubs, den ich nutze, um mich loszureißen und weiterzufahren. Bis sich ein, zwei Meilen weiter dasselbe wiederholt: die allerschönste Aussicht jemals. Eine Straßenbiegung weiter: dasselbe. Und dann noch mal und noch mal und noch mal. Stunden brauche ich so allein für mein erstes richtiges Highlandtal, und als ich es hinter mir lasse, bin ich erschlagen.

Manchmal wird die Straße einspurig, dann gibt es alle paar Hundert Meter Ausweichstellen, um entgegenkommende Autos passieren zu lassen. Ich muss nicht oft ausscheren, die Straße wird leer und leerer in dem Maße, in dem die Häuser und Siedlungen weniger werden. Meine Geschwindigkeit messe ich nicht mehr an anderen Autos, ich orientiere mich am Land, und weil sich das so groß und still ausstreckt, drückt das zusammen mit den engen, geschwungenen Straßen aufs Tempo: 100 Stundenkilometer fühlen sich viel zu schnell an.