Schulen müssen schließen, Hunderte Flüge fallen aus, in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur ist der jährliche Marathon abgesagt worden, 120.000 Indonesier mussten mit Atemwegserkrankungen zum Arzt, drei Millionen Hühner sind erstickt – seit zwei Monaten herrscht tageweise Ausnahmezustand in Südostasien.

Der Grund: dichter Smog, verursacht von Waldbränden auf den Inseln Borneo und Sumatra in Indonesien. Es ist ein regionales Problem mit globalen Auswirkungen. Mit den unzähligen Bränden geht ein gewaltiger Ausstoß der Treibhausgase CO₂, Methan und Lachgas einher. Er ist so groß, dass er Ende November zum Thema des Weltklimagipfels in Paris werden wird.

Je nach Windrichtung treibt der Rauch an manchen Tagen bis in die Metropole Singapur und sogar bis in den Süden Thailands. 365 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft wurden in der vergangenen Woche in der thailändischen Großstadt Songkhla gemessen (der EU-Grenzwert liegt bei 50 Mikrogramm). Schulen, Hochschulen und Sportplätze wurden geschlossen, Kinder, Alte und Kranke sollten nur noch mit Atemmasken vor die Tür gehen.

Smog ist für die Menschen in der Region nichts Ungewohntes. Am Ende der Trockenzeit, jeden September und Oktober, brennen in Indonesien große Wald- und Moorgebiete. Das hat natürliche Ursachen – und kriminelle. Kleinbauern greifen zum Streichholz, um ihre Felder von Unkraut zu befreien und mit der Asche zu düngen. Brandstifter schaffen Platz für neue Zellstoff- und Palmölplantagen.

In normalen Jahren löscht die einsetzende Regenzeit diese Brände schnell wieder. Nicht so in El-Niño-Jahren: Dann sorgt eine Anomalie der Wassertemperatur des Pazifiks (die den Namen El Niño trägt) für hohe Niederschläge in Südamerika – und Trockenheit in Südostasien. Im Jahr 1997 war das so, dem bislang schlimmsten Smogjahr, und 2015 ist es wieder so weit.

Brandstifter nutzen die Großwetterlage gezielt aus. "Regenwald, der sonst gar nicht brennen würde, lässt sich dann kostengünstig roden", sagt Johann Goldammer, Gründer und Leiter des Global Fire Monitoring Centers an der Universität Freiburg, "die Plantagenbetreiber wissen das."

Waldbrand - Orang-Utans durch Waldbrände in Indonesien gefährdet Die Waldbrände im indonesischen Teil der Insel Borneo gefährden immer mehr Orang-Utans. Tierschützer holen die geschwächten Affen daher von den Bäumen und bringen sie in eine Auffangstation.

Fehlt der Regen, lassen sich die Feuer kaum eindämmen. Zwar hat Indonesien Zehntausende Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleute in die Krisenregion geschickt, doch bei allem Einsatz bleiben ihre Löschaktionen weitgehend nutzlos.

Das gilt selbst für die Brandbekämpfung aus der Luft. "Der Einsatz von Flugzeugen ist rausgeschmissenes Geld", sagt Goldammer. Denn in den torfreichen Böden Sumatras und Borneos entstehen unterirdische Schwelbrände, die sich bei anhaltender Trockenheit großflächig ausbreiten und mit den geringen Wassermengen, die sich pro Flug abwerfen lassen, nicht erstickt werden können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Diese Zusammenhänge sind Fachleuten seit Jahrzehnten bekannt und spätestens seit dem Mega-Smog des Jahres 1997 auch ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen. In den vergangenen 18 Jahren hat Indonesien tatsächlich die Gesetze verschärft, einzelne Brandstifter wurden zu hohen Geldstrafen verurteilt. Im Vergleich zu den Millionenumsätzen der Zellulose- und Palmölproduzenten, welche die gerodeten Flächen bewirtschaften, fallen sie jedoch kaum ins Gewicht.

Indonesiens Präsident Joko Widodo, vor einem Jahr neu gewählt, ist selbst ein studierter Forstwissenschaftler. Er hatte versprochen, das Problem endlich offensiv anzugehen. "Sie werden bald Ergebnisse sehen", sagte er, "und in drei Jahren werden wir das Problem gelöst haben." Doch zu sehen ist bisher nichts. Der Smog ist 2015 sogar noch gravierender als 1997. Das von staatlichen Entwicklungsorganisationen in Europa, den USA und Australien finanzierte Center for International Forestry Research schätzt den Gesamtschaden an Wald, Landwirtschaft, Gesundheit, Verkehr und Tourismus bereits auf 14 Milliarden Dollar. Damit wären die Brände die teuerste Umweltkatastrophe dieses Jahres.

Und sie haben Indonesien in den Club der schlimmsten Klimasünder katapultiert. Schon Ende September übertrafen die Treibhausgasemissionen durch die Waldbrände Deutschlands Jahresausstoß, inzwischen haben sie mit fast 1,5 Milliarden Tonnen das Niveau Japans erreicht. An einzelnen Tagen lagen sie sogar höher als der gesamte Tagesausstoß der USA. Mit diesen Zahlen sorgt derzeit der niederländische Klimawissenschaftler Guido van der Werf für Schlagzeilen. Er führt seit 1997 eine Statistik anhand von Satellitendaten und Simulationen. Zwar gebe es bei den aktuellen Berechnungen Ungenauigkeiten, da der dichte Rauch die Fernbeobachtung der Feuer erschwere, doch die mögliche Fehlerspanne betrage deutlich weniger als 50 Prozent.

Allerdings hinkt der Vergleich zwischen Treibhausgasemissionen aus Waldbränden und der Verfeuerung fossiler Energie aus einem anderen Grund. Wo Vegetation in Flammen aufgeht, wächst auf dem gut gedüngten Boden ja schon bald neue heran und nimmt dabei einen Teil des zuvor in die Luft geblasenen Kohlenstoffes wieder auf. Doch auf Borneo und Sumatra ist dieser Effekt nur ein schwacher Trost. Denn dort brennt vor allem Torf. Und in dem steckt sehr viel Kohlenstoff, der sich über Jahrtausende angesammelt hat – und nun innerhalb weniger Stunden verpufft. Van der Werf sagt: "90 Prozent der in Indonesien freigesetzten Treibhausgase müssen deshalb als Netto-Emission verbucht werden."