DIE ZEIT: Herr Knausgård, Sie gelten als skrupulös und selbstquälerisch. Hat der weltweite Erfolg bei Publikum wie Literaturkritik von Min Kamp Sie von der Güte Ihres Romanzyklus überzeugen können?

Karl Ove Knausgård: Es gibt Teile, die ich sehr mag, für die ich mich nicht schäme, vor allem die essayistischen Abschnitte, schon weil die nicht so persönlich sind. Das ändert aber nichts daran, dass ich eine sehr genaue Vorstellung von literarischer Qualität habe. Der Anfang von Hermann Brochs Tod des Vergil, wo die kaiserliche Flotte sich über die Adria der Küste nähert, gehört zur besten Prosa, die je auf Erden geschrieben wurde – und so schreibe ich nicht.

ZEIT: Sie schreiben absichtlich anders.

Knausgård: Nein, nicht absichtlich, ich kann nicht anders. Wenn ich drei Monate lang an einer Seite arbeiten würde, vielleicht gelänge mir dann etwas, das vergleichbar gut wäre. Aber ich wollte mich mit Min Kamp auch befreien von diesen stilistischen Erwartungen. Ob es gut oder schlecht geschrieben ist, finde ich uninteressant. Interessant ist, was darin zum Ausdruck kommt. Also versuchte ich, schnell zu schreiben und unterhalb meiner eigenen Standards, dafür näher am Leben.

ZEIT: In Ihrem Romanzyklus schreiben Sie nicht nur mit größter Offenheit über sich selbst, sondern auch über Ihre Familie, zum Beispiel Ihren Vater, der ein schwerer Alkoholiker war. Die Verwandten Ihres Vaters haben mit großer Empörung reagiert.

Knausgård: Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin ja eher ein Konfliktvermeider. Aber was dann kam, war wirklich das Schlimmste, das passieren konnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

ZEIT: Wie sind Sie damit umgegangen?

Knausgård: Ich fühlte mich wie in die Hölle geworfen. Irgendwann hatte ich ein Gegenargument für mich selbst gefunden. Wenn die anderen sagen: Du kannst nicht über die Familie schreiben!, dann drehe ich den Spieß um und frage: Wer hat das Recht, zu sagen, ich könne nicht über meinen Vater schreiben?

ZEIT: Nach dieser großen Beichte glaubt der Leser jetzt, Sie ganz und gar zu kennen.

Knausgård: Ich habe nur über einen kleinen Teil von mir geschrieben. Damit habe ich entschieden: Das bin ich! Jetzt muss ich damit leben. Ich könnte genauso gut eine andere Version meines Selbst erzählen. Ich glaube übrigens, dass die Aufmerksamkeit, die mir gilt, mich weit mehr verändert hat als das Schreiben selbst.

ZEIT: In welcher Weise?

Knausgård: Ich bin mir meines Könnens gewisser, und ich kümmere mich nicht mehr um die Meinungen anderer. Das macht mich stärker, aber auch härter und weniger liebenswürdig. Das ist unvermeidlich, aber trotzdem nicht erfreulich. Ich könnte ein ganzes Buch schreiben über dieses neue Selbst – aber so sehr bin ich dann doch nicht an mir interessiert.

ZEIT: Könnten Sie den Satz wiederholen: Ich bin nicht an mir selbst interessiert, ich bin nur am Schreiben interessiert?

Knausgård: (denkt nach) Am Ende ist es schwer, die beiden Sachen auseinanderzuhalten. Aber, ja, das ist wahr. Fast alles, was ich tue, ist der Versuch, von mir wegzukommen, denn ich bin von Natur aus sehr auf mich selbst bezogen. Dabei möchte ich das gar nicht sein. Deshalb angle ich so gern, denn dann vergesse ich mich selbst. Gleichzeitig fürchte ich, dass ich sehr schlecht schreiben würde, wenn ich nicht über mich selbst schriebe.