Bernhard Freiherr von Weichs zur Wenne führt seine Gäste gern hoch hinaus. Über steile Holzleitern geht es unter das ziegelrote Dach eines imposanten Hofgebäudes. Einst waren in dem alten Gemäuer Stallungen untergebracht, heute lagert von Weichs hier seine Ernte ein.

Feiner Staub bedeckt den hölzernen Steg, der in schwindelerregender Höhe über ein gewaltiges Getreidelager führt. Immer wieder müssen die Gäste den Kopf einziehen, den alten Dachbalken ausweichen. Immer wieder geraten sie ins Staunen, wenn der Blick nach unten in das moderne Lager fällt. Bis zum Rand ist es mit Weizen gefüllt. Gebläse drücken von unten Luft durch die Körner. Es duftet behaglich – nach Malz und Heimat.

3.500 Tonnen Weizen erntet von Weichs im Jahr. Dazu 900 Tonnen Gerste, 200 Tonnen Dinkel und 600 Tonnen Raps. In einem Hallenneubau lagern 3.500 Tonnen Kartoffeln. Nur seine Rüben fährt der Freiherr direkt vom Acker in die Zuckerfabrik, stolze 10.000 Tonnen.

Wir sind auf Gut Borlinghausen, dem Hof derer von Weichs zur Wenne. Gleich gegenüber ragt seit 1872 der Turm der Pfarrkirche St. Maria, Hilfe der Christen, in die Höhe. Nebenan zieht das jahrhundertealte Wasserschloss bewundernde Blicke auf sich. Hier wohnt Clemens Freiherr von Weichs, der gemeinsam mit Vetter Bernhard die Freiherr von Weichs KG führt. Das historische Ambiente entzückt – und täuscht: Dies ist ein moderner Wirtschaftsbetrieb.

Bernhard von Weichs führt in sein Büro, startet einen der Rechner, ruft eine Datei auf. Feld für Feld verwaltet er hier seine Daten. Ein Landwirt kennt seinen Acker. Er weiß, wo die Kartoffel am besten wächst, wo der Raps und wo der Weizen. Künftig soll seine Erfahrung zu einer Datenbank gerinnen, von intuitiver Kenntnis zu systematischer Handlungsanweisung. Was wurde wann wo gesät? Wie gedüngt? Was ist als Nächstes zu tun? Und bei welchem Saatgut ist der mögliche Ertrag am höchsten?

Das Mehl, die Milch, das Kotelett – dem Kunden erscheinen die Produkte der Landwirte völlig unverändert. Doch in der Produktion hat ein Wandel eingesetzt, der in seiner Dynamik hochtechnisierte Wirtschaftszweige wie die Automobilindustrie überholt. Automatisierung und Digitalisierung verändern die Arbeit auf den Höfen. Sie machen den Beruf Landwirt zu einem anspruchsvollen Hightech-Job. Und sie haben das Potenzial, die Ökologie mit der Ökonomie ein wenig zu versöhnen.

Bernhard von Weichs steigt in seinen Wagen. Er fährt zu einem anderen Standort des Unternehmens. Leicht gewellt erstreckt sich die ostwestfälische Landschaft. Es gibt Rücken, über die der Wind streift, Senken, in denen das Wasser länger steht. Ein Acker ist kein Acker, keine homogene Landmasse mit immer gleichen Eigenschaften. Er ist ein Mosaik. Er hat trockene und nasse Flächen, solche, an denen Pflanzen viel Dünger brauchen, andere, an denen sie mit weniger auskommen, wieder andere, an denen sie gar nicht wachsen.