Bernhard Freiherr von Weichs zur Wenne führt seine Gäste gern hoch hinaus. Über steile Holzleitern geht es unter das ziegelrote Dach eines imposanten Hofgebäudes. Einst waren in dem alten Gemäuer Stallungen untergebracht, heute lagert von Weichs hier seine Ernte ein.

Feiner Staub bedeckt den hölzernen Steg, der in schwindelerregender Höhe über ein gewaltiges Getreidelager führt. Immer wieder müssen die Gäste den Kopf einziehen, den alten Dachbalken ausweichen. Immer wieder geraten sie ins Staunen, wenn der Blick nach unten in das moderne Lager fällt. Bis zum Rand ist es mit Weizen gefüllt. Gebläse drücken von unten Luft durch die Körner. Es duftet behaglich – nach Malz und Heimat.

3.500 Tonnen Weizen erntet von Weichs im Jahr. Dazu 900 Tonnen Gerste, 200 Tonnen Dinkel und 600 Tonnen Raps. In einem Hallenneubau lagern 3.500 Tonnen Kartoffeln. Nur seine Rüben fährt der Freiherr direkt vom Acker in die Zuckerfabrik, stolze 10.000 Tonnen.

Wir sind auf Gut Borlinghausen, dem Hof derer von Weichs zur Wenne. Gleich gegenüber ragt seit 1872 der Turm der Pfarrkirche St. Maria, Hilfe der Christen, in die Höhe. Nebenan zieht das jahrhundertealte Wasserschloss bewundernde Blicke auf sich. Hier wohnt Clemens Freiherr von Weichs, der gemeinsam mit Vetter Bernhard die Freiherr von Weichs KG führt. Das historische Ambiente entzückt – und täuscht: Dies ist ein moderner Wirtschaftsbetrieb.

Bernhard von Weichs führt in sein Büro, startet einen der Rechner, ruft eine Datei auf. Feld für Feld verwaltet er hier seine Daten. Ein Landwirt kennt seinen Acker. Er weiß, wo die Kartoffel am besten wächst, wo der Raps und wo der Weizen. Künftig soll seine Erfahrung zu einer Datenbank gerinnen, von intuitiver Kenntnis zu systematischer Handlungsanweisung. Was wurde wann wo gesät? Wie gedüngt? Was ist als Nächstes zu tun? Und bei welchem Saatgut ist der mögliche Ertrag am höchsten?

Das Mehl, die Milch, das Kotelett – dem Kunden erscheinen die Produkte der Landwirte völlig unverändert. Doch in der Produktion hat ein Wandel eingesetzt, der in seiner Dynamik hochtechnisierte Wirtschaftszweige wie die Automobilindustrie überholt. Automatisierung und Digitalisierung verändern die Arbeit auf den Höfen. Sie machen den Beruf Landwirt zu einem anspruchsvollen Hightech-Job. Und sie haben das Potenzial, die Ökologie mit der Ökonomie ein wenig zu versöhnen.

Bernhard von Weichs steigt in seinen Wagen. Er fährt zu einem anderen Standort des Unternehmens. Leicht gewellt erstreckt sich die ostwestfälische Landschaft. Es gibt Rücken, über die der Wind streift, Senken, in denen das Wasser länger steht. Ein Acker ist kein Acker, keine homogene Landmasse mit immer gleichen Eigenschaften. Er ist ein Mosaik. Er hat trockene und nasse Flächen, solche, an denen Pflanzen viel Dünger brauchen, andere, an denen sie mit weniger auskommen, wieder andere, an denen sie gar nicht wachsen.

Die mangelnde Versorgung mit Datennetzen

1.000 Hektar bewirtschaftet der Freiherr. 300 davon gehören der Familie, 700 Hektar sind gepachtet. Von Weichs hat ganze Höfe übernommen. Die Verpächter leben oft noch in den historischen Wohnhäusern. In ihre Scheunen aber ist moderne Agrartechnik eingezogen.

Draußen im Hof steht ein Schmuckstück des neuen Maschinenparks, der Claas Xerion, ein gewaltiger Traktor, ein hochgerüsteter Roboter mit Fahrerkabine. Olaf Sprick nimmt hinter dem Lenkrad Platz, startet stolz das Dieselaggregat. 1999 hat der ausgebildete Maschinenschlosser hier auf dem Hof seine Lehre zum Landwirt gemacht – und ist geblieben.

Wir fahren zu einem jener Felder, die der Freiherr gerade noch auf seinem Monitor aufscheinen ließ. Sprick steckt einen USB-Stick in einen der Kontrollmonitore im Cockpit. Die Felddaten werden übertragen, Linien erscheinen auf dem Bildschirm. Auf Knopfdruck übernimmt die große Maschine die Kontrolle. Der Traktor hat seine Spur gefunden, Sprick kann das Lenkrad loslassen. Je nach Jahreszeit könnte jetzt ein Arbeitsgang beginnen: die Aussaat, eine Düngung, eine Unkrautbekämpfung.

Olaf Sprick hat jeden Acker des Hofs digital vermessen – und die Karten immer weiter verfeinert: Wo ist es trocken, wo nass? Wo ist der Aufwuchs kräftig, wo schwach? Drei Jahre, sagt Sprick, brauche er, um eine verlässliche Karte zu haben. Schließlich sind wir hier in der Natur unterwegs. Das Wetter, die Bedingungen, die variieren nicht nur von Standort zu Standort, von Acker zu Acker (Landwirte sprechen von "Schlägen"), sondern auch von Jahr zu Jahr.

Tausende Messwerte, Hunderte Datensätze – eine digitale Schlagkartei, einige Gigabyte groß, ersetzt nun, was Bauern früher mühsam auf Karteiblättern notierten. Und anders als ihre papierene Vorgängerin kann die Datenbank intensiv vernetzt werden. Fast jede Maschine auf einem modernen Hof kann ihr Daten liefern oder sich von ihren Daten leiten lassen: der Traktor, die Sämaschine, die Feldspritze, der Maishäcksler, der Mähdrescher. Satellitengestützt bewegen sie sich mit unerreichter Präzision über den Acker, folgen der programmierten Spur.

Höchstens zwei Zentimeter Abweichung vom vorgegebenen Kurs verspricht der 17 Tonnen schwere und fast vier Meter hohe Xerion. Die Genauigkeit ist kein Selbstzweck, sie hat ökonomische wie ökologische Vorteile. Der präzise Griff ins Steuer führt auch sehr breite Maschinen übers Feld, ohne dass ein Quadratmeter doppelt gesät, gespritzt oder gedüngt wird. Die Traktoren müssen weniger Strecke zurücklegen, die Zahl der Fahrspuren wird reduziert, der Acker weniger verdichtet. Auf den Wendeflächen am Ende des Ackers, dem sogenannten Vorgewende, schalten sich Spritzdüsen, Düngerstreuer oder Sämaschinen automatisch ab. Beim Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln werden die vorgeschriebenen Abstände zum nächsten Graben zentimetergenau eingehalten. Die Natur wird geschont, der Landwirt spart Geld.

Noch ist Bernhard Freiherr von Weichs verhalten euphorisch. Für einen weiteren Ausbau der Technik ist ihm die digitale Infrastruktur in der Region noch zu schwach. Das Handynetz weist Lücken auf, mobil ist das Internet hier noch lange nicht überall. Theoretisch hätte von Weichs die Felddaten per Mail aus dem Büro direkt an den Traktor senden können, er vertraut lieber dem USB-Stick.

Ein großes Problem auf dem Land erscheint schlagartig noch viel größer: die mangelnde Versorgung mit Datennetzen. Schon jetzt hat mancher Landbewohner Mühe, überhaupt ins Internet zu gelangen. Quälend langsam bauen sich die Seiten auf den Monitoren auf. An Videostreaming ist noch immer in vielen Dörfern nicht zu denken. Mancher Handwerksmeister hat Mühe, Angebote oder Rechnungen per E-Mail zu versenden.

Gerade erst haben die Agrartechniker begonnen, von Big Data zu reden, schon stehen die Bauern tatsächlich in einem gewaltigen Datenstrom.

"Warte auf Kuh" steht auf dem Display

Beispiel Pflanzenbau: Einst sind Großlandwirte ihre Felder zu Pferde abgeritten, haben den Boden und die Pflanzen begutachtet und dann nach Erfahrung entschieden, was als Nächstes zu tun ist. "Das Auge des Herrn mästet das Vieh", lautet eine alte Bauernweisheit. Je genauer der Bauer seine Felder beobachtet, desto voller ist die Scheune mit dem Futter. Die Enkel jener Bauern können oft gar nicht mehr reiten. Müssen sie auch nicht: Sie greifen auf Satellitenbilder, Roboter und Datenbanken zurück.

Längst steigen Drohnen über den Feldern auf, fotografieren den Stand des Pflanzenwachstums, entdecken Pilzbefall oder Wildschäden. Infrarotkameras spüren vor der Grasernte Rehkitze auf, die sich im Feld verstecken. Bis zu 70.000 Euro kann so ein Fluggerät kosten, das Hunderte Luftbilder automatisch mit Satellitendaten versieht, sodass sie am Rechner zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden können, das dem Landwirt verrät, wo er düngen oder spritzen muss.

Am Boden erfassen Sensoren vor dem Traktor die Blattfärbung des Getreides und können Düngerstreuer oder Pflanzenschutzspritzen steuern. Zentimetergenau werden Stickstoff oder Pestizide ausgebracht.

Beispiel Krankheitsmanagement: Frühwarnsysteme senden einen Alarm aufs Smartphone des Getreidebauern, wenn es während der Vegetationsperiode wärmer als 15 Grad Celsius wird, es einen Regenschauer gibt und der Weizen seit mehr als 36 Stunden nicht mehr von Wind und Sonne getrocknet wurde. Die Daten aus Wetterstationen und die Messwerte von Blattnässefühlern generieren dann ein Signal, es warnt vor der Ausbreitung von Septoria, einem parasitischen Pilz.

Beispiel Ernte: 30 Werte alle 15 Sekunden liefert ein moderner Mähdrescher, und im Idealfall liefert er sie gleich in das, was der Landwirt während der Ernte normalerweise argwöhnisch betrachtet: eine Wolke, die Cloud.

Computer koordinieren das Feldballett von Mähdreschern und Traktoren. Füllt sich der Korntank des Dreschers, wird der nächste Traktorfahrer aufgefordert, seinen Hänger heranzuschaffen, Sensoren koordinieren Abstand und Geschwindigkeit der großen Maschinen. So kann das Korn umgeladen werden, ohne die Ernte auch nur eine Minute zu unterbrechen. Der Manager eines großen Betriebes weiß jederzeit, wo seine Maschinen fahren. In Deutschland wird die Satellitenortung zur Planung von effizienten Abläufen genutzt. In Russland oder in der Ukraine mit ihren extrem weitläufigen Ländereien verhindern die Systeme auch, dass der teure Traktor mit dem angeheuerten Hilfsfahrer verschwindet oder der Fahrer zu lange Pausen macht.

Beispiel Tierhaltung: Früher hing über der Milchkuh eine kreidebeschriebene Stalltafel. Heute registrieren die Sensoren moderner Melkroboter zehn Werte pro Minute – wohlgemerkt pro "Euterviertel" (vulgo: Zitze). Die Landwirtschaft stellt mit ihren Investitionen schon 2014 ein Viertel des Marktes für professionelle Serviceroboter.

"Warte auf Kuh" steht auf dem Display eines Melkroboters. Kommt das Tier, wird es automatisch mit Kraftfutter versorgt, während zwei Bürsten seinen Euter säubern. Per Kamera und Laser wird die Position der Zitzen ermittelt, an denen ein Roboterarm die sogenannten Melkbecher andockt.

Beispiel Tierzucht: Die französische Firma Medria erfasst mit einem Chip aus Bewegungssensor und Funksender die Unruhe von Milchkühen. Heatphone heißt das System, das erkennt, wann ein Tier brünstig ist und besamt werden kann. Die Daten wandern in ein Rechenzentrum in Frankreich, von dort wird eine SMS an den Bauern versandt: "Kuh 69, Brunst bestätigt." Wenn der Landwirt es will (und das Netz es zulässt), bekommt auch sein Tierarzt die Nachricht und kann sich sogleich mit Bullensperma und Besamungsspritze auf den Weg machen. Am Datentransfer verdient auch die Telekom mit, die hier ein Zukunftsfeld erkannt hat – denn im Laufe der Jahre hat sich die Brunstzeit drastisch verkürzt, von etwa einem Tag vor 20 Jahren auf heute wenige Stunden. Fallen die in die Nacht, verpasst der Bauer einen Zyklus, was ihn pro Kuh mehr als 150 Euro kosten kann: Den Tierarzt mit dem Bullensperma hat er umsonst bestellt, auf die nächste Milch muss er länger warten.

Von Big Data zu Smart Data

Daten allein schaffen kein Wissen. Das gilt auch in der Landwirtschaft. Und eine Datenflut erzeugt manchmal das Gegenteil von Durchblick. "Wir müssen von Big Data den Schritt zu Smart Data machen", sagt Klaus-Herbert Rolf, Marketing- und Vertriebschef bei 365FarmNet. Sein Unternehmen hat die Software für Bernhard von Weichs geliefert und wirbt bei den Landwirten um neue Kunden. Die Claas-Tochter arbeitet intensiv an der Datenökonomie ihrer Systeme: Wer viel will, kann sein ganzes Unternehmen vernetzen, inklusive Arbeitszeitplanung und Internetbanking, Lagerhaltung und Stallmanagement. Doch es gibt nicht nur Großkunden mit 1.000 Hektar umfassenden Höfen, Standleitung zum Bankberater und gewaltigem Maschinenpark. Mancher Traktor versieht noch nach Jahrzehnten seinen Dienst – Agrardiesel analog, vollständig unvernetzt.

Hof Schmeink im ostwestfälischen Brakel ist deutlich kleiner als der Betrieb des Freiherrn von Weichs. Und deutlich jünger. Erst vor zehn Jahren hat sich Familie Schmeink hier angesiedelt, ihr alter Hof in der Nähe von Borken wurde von einem wuchernden Industriegebiet verdrängt.

Von Anfang an haben die Schmeinks auf viele Standbeine gesetzt. Sie mästen 600 Schweine, die sie an den knapp 80 Kilometer entfernten Großschlachthof des Schnitzelmilliardärs Clemens Tönnies liefern. Die Gülle aus dem Schweinestall kommt auf den Acker und nährt den Silomais, den die Schmeinks auf der Hälfte ihrer Ackerflächen anbauen. Der Mais füttert die Biogasanlage, die den Hof nahezu dominiert. Mit 100 Kilowatt Biogas ist der Senior 2005 ins Energiegeschäft eingestiegen. Fünf Jahre später hat er die Anlage auf 320 Kilowatt elektrische Leistung ausgebaut.

Öffnet er die Tür eines grün angestrichenen Isoliercontainers, dröhnt es ohrenbetäubend laut. Für Schmeink ist der Lärm des umgebauten MAN-Schiffsdiesels ein schöner Klang. Hier wird aus Biomasse Strom erzeugt.

Wer eine Kuh füttern kann, kann auch eine Biogasanlage füttern, hieß es ermutigend unter den ersten Energiebauern. Dann kam die Ernüchterung. Die gasbildenden Bakterien können – ist das Futter falsch gemischt – ganz schön zicken. Und die Kontrollbehörden machen bei Fehlern zusätzlichen Ärger. Die Schmeinks müssen genau nachweisen, womit sie die Anlage füttern, wie sie sie warten, wann sie wie viel Strom erzeugen. Noch muss die Dokumentation auf Papier erfolgen – die Bürokratie will es so. Doch Markus Schmeink, der Junior, führt längst auch elektronisch Buch: Wie viel Mais ist noch in den Silos? Wann muss die Gülle ausgebracht werden? Wie lange reicht der Diesel noch? Wann muss er Saatgut bestellen? Wann neues Futter für die hungrigen Schweine?

Nicht nur die Organisation des Hofes selbst erfordert solch ein ausgeklügeltes Management. Wer ein agrarisches Produkt verkaufen will, muss heute umfangreich dokumentieren, was er hineingesteckt hat: welchen Dünger in die Pflanze, welches Futter ins Schwein. Die Sehnsucht nach klugen Datenbanksystemen wächst.

Bauer sucht Cloud titelte die FAZ in diesem Sommer. Viele Unternehmen arbeiten an dieser neuen agrarischen Dienstleistung, darunter etablierte Softwarekonzerne wie SAP oder Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE). Das IESE hat den Forschungsschwerpunkt "Smart Rural Areas" begründet, um den digitalen Bedarf in ländlichen Regionen zu erforschen, und arbeitet dazu unter anderem mit dem Landmaschinenhersteller John Deere zusammen.

"Breitband für den ländlichen Raum ist ein Riesenthema", hat auch Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) erkannt. Schon warnt er publikumswirksam vor einer "Vergoogelung" der Landwirtschaft: Er will die Entstehung eines mächtigen agrarischen Datenmonopols verhindern und darum die künftigen Server am liebsten bei den Agrargenossenschaften aufstellen, verteilt und dezentral.

Die Autobranche hinter sich gelassen

Auf Kooperationen statt auf Monopole setzt 365FarmNet. Die Claas-Tochter will nicht nur die eigenen Erntemaschinen und Traktoren intelligent vernetzen, sondern bietet auch für den Rest des Hofes eine offene Plattform. Die Ostwestfalen haben ihren digitalen Dienstleistungssprössling in Berlin angesiedelt und wollen seine Abstammung aus einem Maschinenbauunternehmen gar nicht überbetonen – das könnte andere Maschinenbauer verschrecken.

Mit dieser Strategie hat das Unternehmen wichtige Partner gewonnen. Den Melkmaschinengiganten GEA zum Beispiel, Big Dutchman, ein führendes Unternehmen im Schweinestall, Amazone und Horsch, hochinnovative Hersteller von Sämaschinen oder Feldspritzen. Auf der Agritechnica, der kommende Woche in Hannover stattfindenden weltgrößten Messe für Agrartechnik, will 365FarmNet weitere strategische Partner vorstellen.

Das herstelleroffene System ist vor allem in Europa klug, denn fast jeder europäische Bauer hat – wie die Experten sagen – "mehrere Farben auf dem Hof": Er kauft anders als viele amerikanische Kollegen bei mehreren Landtechnikherstellern ein. Die Maishäcksler und Teleskoplader von Claas sind saatengrün, die Düngerstreuer von Amazone grün-orange, Krone lackiert seine Ballenpressen wie John Deere seine Traktoren in Grüngelb, Pflüge von Lemken sind blau, Grubber von Pöttinger rot.

Werden Geräte digitalisiert, müssen sie miteinander kommunizieren, Daten austauschen können. Dazu haben sich die Hersteller schon früh auf einheitliche Standards geeinigt. Über ihre Einhaltung wacht die Agricultural Industry Electronics Foundation – mit Erfolg: Sensorik, Elektronik und Software machen schon heute bei Landmaschinen 30 Prozent der Wertschöpfung aus. Die Leistung ihrer Fahrzeuge haben die Hersteller allmählich ausgereizt. Größer und schneller geht es kaum mehr. Für den künftigen Fortschritt setzen Claas, Fendt oder John Deere auf Präzision und intelligente Vernetzung. Dabei haben sie die Autobranche weit hinter sich gelassen. Hier beträgt der Digitalanteil an der Wertschöpfung bisher gerade einmal zehn Prozent.

Beim Expertensystem 365FarmNet reden aber nicht nur Maschinen miteinander. Die Kleinwanzlebener Saatzucht empfiehlt ihr jeweils am besten passendes Saatgut, der Allianz-Konzern liefert wertvolle Fernerkundungsdaten. Eine ähnliche Konstellation wächst gerade in den USA, allerdings unter dem Dach eines Unternehmens, das ohnehin schon eine gewaltige Größe auf dem globalen Agrarmarkt darstellt. Monsanto hat im Oktober 2013 die Climate Corporation gekauft. Die Firma, 2006 von ehemaligen Google-Mitarbeitern gegründet, hat alle Felder der USA digital kartiert und mit Wetterdaten verknüpft (ZEIT Nr. 12/15). Ursprünglich hatte das Unternehmen nur Ernten versichern wollen. Heute will Monsanto mit seinem Zukauf die Ernten steigern. Ein Ertragswachstum um bis zu 20 Prozent verspricht das Unternehmen – mit mehr Daten, nicht zwangsläufig mit mehr Dünger. Der amerikanische Agrarriese ist tief in die roten Zahlen gerutscht und braucht dringend neue Geschäftsfelder.

Auch der Münchner Agrarhandels- und Dienstleistungskonzern BayWa steigt in das Geschäft mit den Daten ein. Man wolle "zum europäischen Marktführer für die Digitalisierung der Landwirtschaft" werden, verkündete der Vorstandsvorsitzende Klaus Lutz in diesem Sommer. Dazu hat das Unternehmen den Softwarespezialisten PC Agrar übernommen, mit dessen Programmen etwa 30.000 Landwirte ihre Betriebe verwalten. Wie 365FarmNet ist BayWa mit seiner Digitalabteilung nach Berlin gezogen.

Doch während 365FarmNet bisher zurückhaltend mit den Daten der Landwirte umgeht, will BayWa sie offensiv nutzen, um Service und Angebot zu verbessern – aber auch um die eigenen Lagerkosten etwa für Düngemittel zu verringern.

Das Unternehmen wirbt mit den Ergebnissen aus einem Feldversuch für die digitale Vernetzung: Zwölf Prozent Zeit spart ein technisch hochgerüsteter Landwirt, zwischen 20 und 60 Prozent der Energie für die Bodenbearbeitung, zehn Prozent der Pestizide. Zeit und Energieersparnis sind besonders während der Ernte wichtig. Der Klimawandel droht, die Erntezeiträume zu verkürzen. Und er verlangt von der Landwirtschaft, den CO₂-Ausstoß deutlich zu verringern.

Das ambitionierteste Projekt in der deutschen Agrarrobotik

SAP verspricht den Landwirten, sie könnten künftig bis zu 30 Prozent ihrer Betriebsmittel einsparen. Das, sagt SAP-Projektleiter Stefan Brandt, gehe nur, "wenn man die Dosierung von Dünger oder Pflanzenschutz mit der Pipette hinbekommt und nicht mehr mit dem Eimer".

Die Digitalisierung bringt neben den etablierten Landmaschinenherstellern neue Spieler aufs Feld: das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik in Stuttgart etwa oder den Elektronik-Großkonzern Bosch mit seinem gerade in Renningen eröffneten Forschungszentrum.

Die Hochschule Osnabrück hat mit dem schwäbischen Großunternehmen und dem Landmaschinenhersteller Amazone einen Feldroboter entwickelt. BoniRob beherrscht unter anderem die "Robotergestützte Unkrautregulierung im Gemüse", so der Titel eines der angeschlossenen Forschungsprojekte.

Robotik auf dem Acker ist eine besondere Herausforderung. Bei der 12. Internationalen Feldroboter-Meisterschaft im sachsen-anhaltinischen Bernburg-Strenzfeld scheiterten im vergangenen Sommer die 23 studentischen Teams noch allzu oft an ihren Aufgaben. Manchem Roboter machte die Hitze zu schaffen, bei einem anderen waren die Stellmotoren zu schwach, um die stark profilierten Räder durch die Ackerfurchen zu lenken. Die starke Sonneneinstrahlung verwirrte auch die Sensoren, die zwischen langen Maisreihen grün gefärbte Golfbälle aufspüren sollten. Die Sportartikel simulierten Unkraut, das es zu vernichten galt.

Auch BoniRob ist aus einem solchen Wettbewerb hervorgegangen, er ist das derzeit wohl ambitionierteste Projekt in der deutschen Agrarrobotik. Die Partner aus Elektronikindustrie, Landmaschinenbau und Hochschulforschung liefern eine starke Ausgangsbasis, um den Roboter modular mit immer neuen Funktionen auszustatten.

Eine Phenotyping-App analysiert mit einem hochauflösenden Lichtgitter und einer Digitalkamera Pflanzenwachstum und Pflanzengestalt. Eine Penetrometer-App kann Sensoren bis zu 80 Zentimeter tief in den Boden stoßen und dort etwa Feuchtigkeit und Temperatur messen. Eine Precision-Spraying-App soll Unkrautvernichtungsmittel gezielt nur auf die Unkräuter selbst spritzen. Denkbar ist aber auch, die unerwünschten Beikräuter mechanisch zu beseitigen, etwa sie in den Boden zu stanzen. 2018 könnte die Markteinführung erfolgen.

Das Julius-Kühn-Institut hat gemeinsam mit der Hochschule Geisenheim einen Roboter entwickelt, der ähnlich wie BoniRob den Zustand von Pflanzen begutachtet. Phenobot ist auf Weinbau spezialisiert. Er fährt selbstständig durch den Weinberg und macht biometrische Aufnahmen von Rebstöcken. Das soll für Züchter die besten Pflanzen identifizierbar machen und viel Zeit bei der Züchtung sparen.

Die Verbreitung der Technik geht gegenwärtig allerdings langsamer voran. Die Landwirte sind bei großen Investitionen zurückhaltend. Bei der Befragung von 600 BayWa-Kunden gaben 18 Prozent an, GPS-basierte Bodenbearbeitung zu betreiben. Immerhin 34 Prozent nutzten eine digitale Ackerschlagkartei. Aber nur neun Prozent setzten Sensoren ein, um den Düngerbedarf zu ermitteln. Für einen Boom der Digitalisierung könnte ausgerechnet die Agrarbürokratie sorgen. Denn wer sät, düngt oder spritzt, muss heute umfangreich dokumentieren, was er da tut. Allein die neue Düngemittelverordnung der EU sorgt für erhebliche Mehrarbeit. So könnten die Brüsseler Bürokraten diesmal ganz unerwartet segensreich wirken: als Förderer von Innovation.

Für zögerliche Landwirte hat 365FarmNet jüngst eine schlichte App programmiert: "Pragmatische Teilflächenbewirtschaftung" nennen das die Ostwestfalen aus Berlin. Die App kann aus Luftbildern Ackergrenzen interpretieren. Der Landwirt legt aus Erfahrung fest, wie viel er wo düngen will. Der Fahrer lässt sich vom Smartphone leiten. Den Düngerstreuer muss er allerdings immer wieder von Hand einstellen.

In den USA wächst derweil die nächste Eskalation der digitalen Landwirtschaft heran. Die Digitalgurus des Silicon Valley wollen zusammen mit amerikanischen Farmern die denkbar kleinteiligste Form der Landwirtschaft erproben: Aussaat, Pflege, Düngung, Pflanzenschutz, und das perfekt abgestimmt – Saatkorn für Saatkorn, Maiskolben für Maiskolben, Ähre für Ähre.

Einer der Erfinder sitzt in Iowa. David Dorhout hat den Mikroroboter Prospero gebaut. Kaum größer als ein Basketball, stakst das krabbenartige Gerät über den Acker, bohrt Löcher in den Boden und versenkt Samen darin. Dorhout träumt davon, dass ein ganzer Schwarm seiner Agrarkrabben miteinander kommunizierend das Feld bestellt. Visionen aus Iowa sollte man in der Branche durchaus ernst nehmen: Kaum 200 Meilen entfernt hatte 1892 der deutschstämmige US-Amerikaner John Froehlich den ersten Traktor mit Verbrennungsmotor entwickelt – und die Erfindung 1918 an Deere and Company verkauft.