Wie geht das eigentlich, postapokalyptische Zuversicht? Wie kann ein Mensch heiter und in Maßen zuversichtlich bleiben, der sich seit Jahrzehnten mit dem Klima beschäftigt und sieht, dass die Ergebnisse seiner Forschung umso bedrohlicher werden, je mehr er herausfindet? Hans Joachim Schellnhuber leitet das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, er berät unter anderem die Kanzlerin und den Papst. Nun hat er ein neues Buch veröffentlicht, das man ohne Übertreibung als Lebenswerk bezeichnen kann. Es verbindet biografische, historische, politische und kulturelle Linien zu einem neuen Blick auf die menschliche Klimageschichte und -zukunft. Eine besonders aktuelle Passage aus dem Buch findet sich in diesem exklusiven Vorabdruck.

Wie muss sich wohl der Regierungschef eines flachen Inselstaates fühlen, der sich nur ansatzweise mit diesen existenzbedrohenden Entwicklungen vertraut gemacht hat? Nun, ich hatte persönlich die Gelegenheit, diese Frage beantwortet zu bekommen. Anlässlich seines Staatsbesuchs in Deutschland hatte das Auswärtige Amt ein Treffen zwischen mir und dem Präsidenten der Malediven, Mohamed Nasheed, arrangiert. Am Morgen des 4. März 2010 nutzten wir ein gemeinsames Frühstück in einem Berliner Hotel zu einem Gedankenaustausch. Der Präsident war in hohem Maße an den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert, insbesondere in Bezug auf Meeresspiegelanstieg und Küstenerosion, aber auch an der strategischen Frage, wie man den bisweilen kriminellen Machenschaften zur Unterminierung der Glaubwürdigkeit des IPCC und der Klimaforschung allgemein beikommen könnte (...). Das Gespräch war mehr als aufschlussreich (jedenfalls für mich) und endete mit gegenseitigen Interessensbekundungen für die künftige Zusammenarbeit, etwa beim Aufbau umweltwissenschaftlicher Kapazitäten auf den Malediven. Dass aus dieser Kooperation nichts geworden ist, hat viele Gründe – auch sehr beklemmende (...).

Mein persönlicher Eindruck damals: Mohamed Nasheed ist zierlich, verbindlich und ungemein präsent. Sein Amt übt er mit einer Leidenschaft aus, die ihre Erklärung in seiner Lebensgeschichte findet. Diese liest sich wie ein politischer Abenteuerroman, wo der jugendliche Held (Jahrgang 1967) nach endlosen Wirrungen und Rückschlägen schließlich über seine Widersacher triumphiert und die Verantwortung der Macht auf seine Schultern lädt. Nasheed ist sunnitischer Muslim, der in Großbritannien einen Hochschulabschluss in Ozeanographie erwarb und später in seinem Heimatland als Journalist arbeitete. "Heimatland" ist im Übrigen eine etwas irreführende Bezeichnung für die Malediven, die aus 1.196 Inseln bestehen, welche sich in 19 Gruppen über 26 Atolle verteilen. Das Wort "Atoll" wiederum stammt interessanterweise aus der maledivischen Sprache und bezeichnet ein ringförmiges Korallenriff, das die innere Lagune umschließt. Die Fischer des Inselbogens im Indischen Ozean bezeichneten das Archipel früher als das "Land des Auftauchens und des Untertauchens", weil unter dem Einfluss der Gezeiten ganze Sandstrände verschwinden und an anderer Stelle wieder erscheinen können. Dies hängt nicht zuletzt mit der schon erwähnten Tatsache zusammen, dass kaum eine der Inseln mehr als 1 Meter über dem durchschnittlichen Meeresniveau liegt und die höchste Erhebung der Malediven auf der Insel Villingili eine Höhe von stolzen 2,4 Metern erreicht.

In den späten 1980er-Jahren nahm Nasheed den politischen Oppositionskampf gegen das autokratische Regime des 30 Jahre lang herrschenden Maumoon Abdul Gayoom auf. Infolgedessen wurde er insgesamt 13-mal nach 1989 inhaftiert! Als Mitbegründer der Demokratischen Partei der Malediven (MOP), die 2001 trotz offiziellem Gründungsantrag von den Behörden nicht zugelassen wurde, zog er sich den besonderen Zorn der Machthaber zu. Die MOP konnte erst ab 2005 aus dem Untergrund auftauchen, als infolge der international beachteten Protestkundgebungen eine politische Opposition geduldet, aber weiterhin stark behindert wurde. Am 28. Oktober 2008 schließlich wurde Mohamed Nasheed im zweiten Wahlgang zum Staatspräsidenten gewählt, in einem demokratischen Akt, der für den Inselstaat eine echte Premiere darstellte.

Nasheed wurde nicht nur durch seine ungewöhnliche Vita, sondern auch durch eine Reihe von spektakulären Initiativen zur Figur der Weltöffentlichkeit – auch wenn er meines Wissens sein Wahlkampfversprechen, den Präsidentenpalast in die erste Landesuniversität umzuwandeln, nicht erfüllte. Vor allem ist er bekannt geworden durch sein Engagement im Kampf gegen den Klimawandel und für das (buchstäbliche) Überleben seines Volkes im steigenden Ozean. Die Unterwasserkabinettsitzung, die er kurz vor dem Kopenhagener Gipfel 2009 in 6 Meter Meerestiefe durchführen ließ und bei der mit wasserfester Tinte Dokumente unterzeichnet wurden, ging jedenfalls in die Mediengeschichte ein. Das amerikanische Time-Magazin zeichnete ihn als einen der "Umwelthelden des Jahres 2009" aus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Bei unserem Frühstücksgespräch in Berlin erläuterte er mir seine Pläne und Perspektiven für die Zukunft der Malediven. Seine Strategie umfasste drei wesentliche Elemente: erstens die Abkehr von der Betonmentalität seines Vorgängers Gayoom. Dieser hatte noch (vergeblich) versucht, den Gewalten des Meeres mit harten Küstenverteidigungsmaßnahmen zu trotzen, indem zahlreiche hässliche Staumauern und Deichanlagen zum Schutz ausgewählter Bevölkerungszentren errichtet wurden. Diese Kampagne ließ der Autokrat gegen den Willen der Bewohner durchziehen, beschleunigte dadurch jedoch noch an vielen Orten die Küstenerosion – ähnlich schmerzliche Erfahrungen musste man auch beim Küstenschutz im deutschen Nordseeraum machen – und zerstörte vitale Korallenökosysteme. Die Torheit solcher Maßnahmen erscheint natürlich in einem Land, das seine Devisen fast einzig aus seiner touristischen Attraktivität erwirtschaftet, in einem besonders grellen Licht. Nasheed war sich der Bedeutung des Kapitals "unberührte Natur" für sein Land wohl bewusst, wie er smart-gewinnend auf internationalen Urlaubsmessen demonstrierte. Als ausgebildeter Ozeanograph wusste er aber auch, dass die Natur sich oft selbst am besten helfen kann, wenn man ihrem Kräftespiel freien Lauf lässt. Die Korallengemeinschaften, Strandökosysteme und Sedimente der Malediven sollten sich deshalb mit dem steigenden Meeresspiegel ungebunden weiterentwickeln und dadurch nicht zuletzt Schutz vor den Stürmen der Zukunft bieten – etwa solchen wie dem schrecklichen Tsunami vom 20. Dezember 2004, als die Inselgruppe mit weniger als hundert Todesopfern noch relativ glimpflich davonkam. Neuere Forschungsarbeiten weisen in der Tat darauf hin, dass viele der Maledivenatolle autonom mit dem Ozeanniveau aufwachsen können. Vermutlich allerdings nur, wenn der Meeresspiegelanstieg hinsichtlich Rate und Amplitude moderat ausfällt.

Zweitens wollte Nasheed erreichen, dass sein Land bis 2020 als erste Nation der Erde völlig kohlenstoffneutral wird, also keinen Nettobeitrag mehr zur globalen Erwärmung verschuldet. Dies könnte zum einen durch den Übergang zur Versorgung mit erneuerbaren Energien für alle heimischen Aktivitäten gelingen, wofür es unzählige Optionen (Sonne, Wind, Wellen, Gezeiten) gibt. Zum anderen müsste man die Treibhausgasemissionen der Ferienflieger, die jedes Jahr Zehntausende Touristen zu den maledivischen Tauchparadiesen und Luxusresorts befördern, durch treibhausgasmindernde Projekte in anderen Ländern kompensieren. Dies sollte über eine angemessene "grüne Kurtaxe" bewerkstelligt werden. Für die künftige Entwicklung der Erdatmosphäre sind solche Anstrengungen von knapp 400.000 Insulanern und ihre eine Million zählenden und zahlenden Gäste ziemlich irrelevant – die Treibhaus-Musik spielt ungleich lauter beim nördlichen Nachbarn Indien mit seiner Milliardenbevölkerung. Aber Mohamed Nasheed wollte die Malediven sowohl bei der Anpassung an als auch bei der Vermeidung von Klimaveränderungen zu einem weltweiten Symbol der Hoffnung machen.

Drittens plante er schon für die ferne Zukunft seines Volkes. Denn trotz aller Leidenschaft war er realistisch genug, die Chancen für den Fortbestand des einzigartigen Archipels im Indischen Ozean als gering einzuschätzen. Ob 1,5-Grad oder 2-Grad-Leitplanke für die globale Erwärmung (wenn es überhaupt jemals zu einer solchen politischen Begrenzung kommt), ob 1,5 Meter oder 2 Meter Meeresspiegelanstieg bis 2200: Diese Herausforderung ist in jedem Fall zu groß für den kleinen Flachinselstaat.