Es war Abend, ich saß in der U-Bahn, als mein Handy klingelte. Eine junge Frau meldete sich. Mit stockender Stimme erzählte sie von ihrem Vater, der von der rechtsextremistischen Terrorgruppe NSU getötet worden war. Ihre Mutter und sie hatten viele Jahre in Ungewissheit leben müssen. Sie waren beschuldigt worden, in den Mord verwickelt zu sein, von Nachbarn, von Freunden, von Verwandten, von der Polizei. Sie hatten ein Jahrzehnt in sozialer Isolation verbracht.

Ob ich ihr Anwalt sein wolle, sein könne, fragte mich die Frau. Warum ich? Sie erzählte mir von meinem Buch Kein schönes Land in dieser Zeit, das sie gelesen habe. Es handelt von meinem Leben als Sohn türkischstämmiger Einwanderer in Deutschland, von Heimat und Heimatlosigkeit. Sie habe sich in meinen Beschreibungen wiedergefunden, dem Gefühl, nicht willkommen zu sein.

Ich bat um Bedenkzeit. Bis dahin hatte ich als Anwalt nicht allzu viel mit Strafrecht zu tun, aber das war nicht der Grund meines Zögerns. Ein solches Mandat bedeutete Verantwortung. Verantwortung für die Menschen, die ich vertrete, aber auch, zumindest ein wenig, Verantwortung für die Verfasstheit unserer Gesellschaft. Denn versagt hatten nicht nur Polizei und Verfassungsschutzbehörden.

Ich war zwischen 1999 und 2005 Mitglied im Bundesvorstand der FDP. Das war und ist nicht der wichtigste politische Posten der Republik. Aber es ist ein Posten mit öffentlicher Wirkmöglichkeit. Damals haben wir in meinem türkischstämmigen Freundeskreis – lange bevor sich der NSU selbst enttarnte – nach jedem Bericht über einen der Morde und nach den Bombenanschlägen in Köln darüber diskutiert, dass Rassismus das Motiv für diese Taten sein muss. Aber was haben wir mit dieser Erkenntnis gemacht? Was habe ich getan?

Ich hätte die Mordserie im FDP-Bundesvorstand thematisieren oder FDP-Landesminister ansprechen können. Ich habe es nicht getan. Ich schwieg aus Feigheit – was, wenn es doch eine "Türkenmafia" geben sollte? Und ich schwieg aus Opportunismus – Rassismus zu thematisieren bringt auf einem Bundesparteitag keine Stimmen, sondern kostet welche, jedenfalls in der damaligen FDP.

Ich habe Schuld auf mich geladen, Schuld durch Unterlassen. Mit dem Mandat wollte ich Verantwortung übernehmen, indem ich den Opfern des NSU zur Seite stehen würde.

Fast 250 Verhandlungstage sind seitdem vergangen. Und doch sind wir immer noch am Anfang, wenn es darum geht, zu verstehen, wie es zu den Morden kommen konnte. Zum Wie gehört die Frage nach Helfern und Helfershelfern. Wir müssen davon ausgehen, dass es an den meisten Tatorten lokale Unterstützer gab. Zum Wie gehört das unselige Wirken von V-Männern und möglicherweise von V-Mann-Führern. Und zum Wie gehört die Frage, warum Polizeidienststellen, über ganz Deutschland verteilt, unabhängig voneinander nach den gleichen fehlerhaften Mustern handelten.

Erschreckender als all das in der Vergangenheit Geschehene ist die Gegenwart im Münchner Gerichtssaal: Hier agiert eine Bundesanwaltschaft, die der Frage nach dem Wie mit Apathie oder Destruktion begegnet. Die Bundesanwaltschaft als Anklägerin ist eine politische Institution, denn sie handelt unter Rechts- und Fachaufsicht des Bundesministeriums der Justiz. Die Spitze unseres Staates, vom Justizminister bis zur Bundeskanzlerin, hat volle Aufklärung versprochen. Allerdings tut die Bundesanwaltschaft wenig, um dieses Versprechen einzulösen.

Sie findet es normal, dass ein Neonazi-Zeuge mit einem Anwalt auftaucht, der vom Verfassungsschutz ausgewählt und bezahlt wird. Nicht die Kaltschnäuzigkeit einer Beate Zschäpe macht mich fassungslos, sondern die Dreistigkeit einer Bundesanwaltschaft, die behauptet, der NSU-Komplex sei "ausermittelt". Dabei haben wir nicht etwa durch Ermittlungen, sondern erst durch die Aussage des Angeklagten Carsten S. im Gerichtssaal erfahren, dass der NSU nicht zwei, sondern mindestens drei Bombenanschläge verübt hat.

Woher also wollen wir wissen, dass durch das Trio nicht zehn, sondern vielleicht noch mehr Menschen ums Leben gebracht wurden? Das Bundesinnenministerium hat erst vergangenes Jahr zugegeben, dass mehr als 700 offene Tötungsdelikte einen rechtsradikalen Hintergrund haben könnten. Wieso tritt die Bundesanwaltschaft nicht mit mehr Demut auf?

Dieser Fall ist für mich kein Fall wie jeder andere. Ich kann und will hier nicht mehr objektiv sein. Ich bekomme viele Schreiben, Mails, Briefe, Anrufe. Manchmal Briefe ohne Briefmarken, unter meiner Wohnungstür durchgeschoben. Die einen wollen mir in den Kopf schießen, die anderen mich öffentlich verbrennen, manche kommen auch ohne Gewaltfantasien aus. Aber was sie alle sagen, auch die physisch harmlosen: Du bist anders, du bist kein Deutscher, du bist Türke, du wirst nie zu uns gehören.

Was also haben diese 250 Verhandlungstage mit mir gemacht? Ich bin mir meiner eigenen Halbschlechtigkeit bewusst und weiß um das Unrecht, das ich anderen Menschen angetan habe. Ich will vergeben und um Vergebung bitten, aber ich kann es nicht.

Ich will nicht wütend sein, aber ich bin es. Ich weiß, ich habe in Deutschland keine Heimat, jedenfalls keine selbstverständliche wie meine deutschen Freunde, allenfalls eine Heimat bis auf Weiteres.

Auf Polizei und Justiz kann ich im Zweifel nicht zählen.

In Deutschland geboren, eine Eins im Deutsch-Abi? Hat nichts zu bedeuten.

Ich bin Türke, mit einem deutschen Pass.

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