Ja, ganz richtig: Dieses Buch ist ein ausladendes Konvolut, ein in vielen Passagen nahezu delirantes Stück Text mit 120 Gedanken pro Minute (GpM). Aber: kein Roman. Kein Sagte-er-sagte-sie, keine Binnenspannung, kein großer Erzählbogen, kein Plot, außer eben Berlin in den Jahren 2007 und 2008.

Das Buch Klage des Büchnerpreisträgers Rainald Goetz ist der erste Band seines vierteiligen Schlucht-Zyklus. Es versammelt die Blogeinträge, die Goetz für die deutsche Ausgabe der Vanity Fair veröffentlichte. Goetz war einer der ersten deutschen Schriftsteller, die das Bloggen zur literarischen Form erhoben haben, und es ist bisher auch niemandem mehr gelungen, es ihm auf diesem Niveau gleichzutun. Das Blog als enthemmte Abfuhr, dessen Unmittelbarkeit Formvoraussetzung ist, wirklich so zu schreiben, wie "der heftig denkende Mensch lebt" (Goetz in Subito).

An einer Stelle schreibt er, dass das Loslabern die "höchste Form der Literatur" darstelle, gewissermaßen Text, der sich und den Autor transzendiert, eine literarisierte Form der Bewusstlosigkeit, wobei das natürlich nicht ganz stimmt: Goetz’ Prosa ist an Bewusstseinsschärfe kaum zu überbieten, die Erlebnisdichte in Klage wird nur von der Gedankendichte übertroffen, mit der der Autor auf die Welt reagiert, als die das Berlin der Jahre 2007 und 2008 sich ihm darbietet: Galeriebesuche, Konzerte, Bundestagssitzungen, das Kulturkaufhaus Dussmann.

Die Texte beziehen ihre Energie aus der Hypertrophie des Berliner Alltags, in den Goetz sich, meist mit gehörigem Lustekel, hineinwirft und mit seinem feinnervigen Wahrnehmungsapparat protokolliert, was es zu protokollieren gibt. Wenn man will, kann man dieses Buch doch als Roman über das Berlin eines Jahres verstehen – ein Frontbericht über abgelegene urbane Winkel und schillernde Nachtgestalten: "Später zu dritt in der Süppchenschlange. Dann im Auditorium der minimalistische Elektrokrachjapaner. Das Loopdröhnduo aus Peking, titankatzenhaft im Trockeneisnebel. Zuletzt: The Necks. Bier bitte draußen lassen, Hirn kommt nach."

Oft sind solche Begegnungen Stoff für Tiraden von beängstigender Klarheit, manchmal in mäandernden Gedankenreihen, in denen Goetz kurz seine Schatzkammer öffnet, sie aber auch rasch wieder schließt. Oft heißt es bloß lapidar: Dazu später mehr. Man taucht aus vielen dieser Tagebucheinträge mit einem Gedanken wieder auf, nach anderen fühlt man sich angemessen verprügelt. Wo Goetz hingeht und hinsieht: Verblödung, Blasiertheit, Hybris, denen er mit entsichertem Ich und rasendem Intellekt begegnet. Goetz verehrt Tocotronic, Niklas Luhmann, Thomas Bernhard, Harald Schmidt, Detlef Kuhlbrodt, Albert Oehlen. Und wer so glühend lieben kann wie Goetz, kann auch umso giftiger verachten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Der Berliner Alltagssoziologie in Klage steht die Zoologie des deutschen Feuilletons gegenüber, deren Exponenten er auf Vernissagen trifft, wo die "Sektchenkultur für Prösterchenprolls" gefeiert wird, oder die er bei seiner täglichen, manisch betriebenen Zeitungslektüre in den Blick nimmt. Es tritt allerhand Personal aus dem Kulturmilieu auf, mit dem Goetz nicht gerade zimperlich umspringt: Matthias Matussek ist stumpf und grob, Frank Schirrmacher eine "Angebertrompete" und Klaus Maria Brandauer der "scheußlichste Mensch auf Erden". Große Teile von Klage sind durchdrungen von gleißendem Hass, egal, ob es gegen die Weimarer Klassik geht, gegen Daniel Kehlmann ("Angestelltenliteratur"), gegen die "kaputte Müllwelt", die deutsche "Tiefenamputiertheit" oder die Gegenwartsliteratur an sich: "Es gibt keine nichtmuffige Sprache für einen heutigen Roman nach Art der großen Romane von früher." Und vielleicht muss man die Enge der Romanform überwinden, um so unvermufft und akkurat das Hier und Jetzt beschreiben zu können, mit ebendieser fotografischen Genauigkeit, wie sie Rainald Goetz beherrscht. Sein wütender Grundton hat dabei im Übrigen nichts Selbstverliebtes. Es spricht hier die verzweifelte Wut eines Autors, der es der Welt übelnimmt, dass er sich vor ihr ekeln muss.

Sie könnte ja schön sein. Denn immer wieder gibt es in wenigen Sätzen festgehaltene Idyllen: "Es war Sommer geworden in Berlin, die Linden blühten frisch, und schwer senkte sich ihr Duft auf die Straßen am Abend." Das Geschmatze des Schnees im Winter. Der Mond, die schnellen Wolken in einer Berliner Nacht. Am Hannoveraner Bahnhof kauft Goetz sich ein Eis, "After-Eight und Nuss mit Sahne", und sitzt da neben einem "wuschelköpfigen Anzugmann", eine "ganz schöne Szene", findet der Autor selbst, und das ist einer der wenigen Augenblicke in diesem mehr als 420-seitigen Gedankendauerfeuer, in denen das Beben und die Unruhe und der Krieg aufhören, kleine Epiphanien, Leuchtfeuer der Freude, die Feier des Lebens. Das Mönchische, das Frieren, die Morgen, an denen Goetz oder einer seiner Heteronyme in Klage (Bösor, Kyritz, Nervösor oder einfach Dr. Goethe) mit Wollmütze im Bett sitzen – auch das liest man in diesem Buch, in dem die Gegenwart so oft lärmt, dass es bisweilen kaum auszuhalten ist.

Rainald Goetz: "Klage". Suhrkamp Verlag 2008. 446 Seiten, 12 Euro.