Als 2007, vier Jahre nach dem Tod des Autors, der Roman 2666 von Roberto Bolaño erschien, hätte niemand gewettet, dass dieser tausend Seiten lange Wälzer die Bestsellerlisten stürmen würde. Dies war schließlich kein Thriller, allenfalls in einem sehr indirekten Sinne. Die Hauptfiguren sind Büchermenschen, auf der Suche nach einem deutschen Schriftsteller namens Benno von Archimboldi. Freilich: Sie rasen durch ihr Leben auf Du und Du mit Wahnsinn und Verzweiflung, und Gewalt ist ihr steter Begleiter. Frauen kommen häufig als Sexualobjekte vor, entweder lebendig, manchmal sehr selbstbewusst, oder als tote Frauen vom Rand der Gesellschaft, Prostituierte, ermordet in einer Stadt, die im Drogenkrieg an der Grenze zwischen Mexiko und den USA traurige Berühmtheit erlangt hat: Ciudad Juárez, wo seit Ende der achtziger Jahre Hunderte Frauen ermordet wurden und immer noch werden. Im Roman heißt diese Hölle Santa Teresa, und der Roman kehrt immer wieder dorthin zurück. Archimboldi selbst nimmt erst im letzten Teil Gestalt an. Man sieht ihn als Hans Reiter durch den Russlandfeldzug geistern, eine surreale Szenerie aus Mord und Totschlag. Am Ende ist Reiter alias Archimboldi ein Schriftsteller, der Weltkrieg ist aus, er fliegt nach Mexiko – nach Santa Teresa.

Zu diesem letzten Roman, an dem Bolaño bis unmittelbar vor seinem Tod schrieb, gibt es Vorstufen, an die man sich nochmals erinnern sollte, will man verstehen, warum ein solches Werk nicht vom Himmel gefallen ist, warum sein Autor am Ende seines kurzen Lebens es geradezu schreiben musste.

Roberto Bolaño ist 1953 in Chile geboren, in Mexiko aufgewachsen und 2003 in Spanien gestorben, wo er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte. Von Legenden war er schon zu Lebzeiten umgeben. Für alle, die ihn kennenlernen durften, blieb der Eindruck von einem leisen, feinen Menschen, dem auftrumpfende Gesten fremd waren. Er schrieb sein Leben lang mit einer bemerkenswert zielgerichteten, sich selbst gegenüber gnadenlosen Energie. Bekannt wurde er erst zehn Jahre vor seinem Tod, mit dem Roman Die Nazi-Literatur in Amerika, einer Sammlung fiktiver Biografien von Schriftstellern, Dichtern, rechtsradikal, rassistisch, gewalttätig, pervers, dem Wahnsinn verfallen, aber Schriftsteller, im emphatischen Sinne des Wortes, und ihnen, den Dichtern, das merkt der Leser in allen Büchern Bolaños, gehört die Zuneigung ihres Erfinders. Der Letzte in diesem Sammelsurium, ein literaturbesessener Folterknecht in Pinochets Chile, bildet den Übergang zur Hauptfigur in Bolaños nächstem Roman, Stern in der Ferne.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Der Weltruhm kam 1998 mit den Wilden Detektiven, einem experimentellen Roman, in dem es nicht nur vor selbst ernannten Ästheten, Dichtern, Scharlatanen wimmelt, sondern in dem diese auch zum ersten Mal auf die Suche gehen nach einer obskuren mexikanischen Dichterin. Die Suche endet in einer Stadt namens Santa Teresa. Nimmt man den kleinen Roman Amuleto hinzu, wo sich jene rätselhafte Chiffre 2666 findet, wird ersichtlich, dass Bolaño nicht Romane schrieb, sondern dass ein großer Roman seinem Leben als Schriftsteller zugrunde lag, zu dem er immer zurückkehrte. Auch in 2666 steht ein Dichter im Zentrum, jedoch in monströser Überhöhung. Nicht nur Archimboldi, auch die Freaks, die Forscher, die Journalisten, die hinter ihm her sind, hat Bolaño hier zu Denkmälern für jenen Dichter stilisiert, der in fast allen seinen Werken durch eine sexbesessene, gewalttätige Welt wandert, die er nicht verändern kann und nicht verändern will. Er wandert aber trotzdem. Ein Romantiker war Bolaño, ein Optimist war er nicht.

Man könnte meinen, ein solches Opus könne es dem Leser nur schwer machen. Aber oh Wunder: Bolaño lesen, das gilt auch für das von Christian Hansen bewunderungswürdig übersetzte 2666, ist ganz leicht. Er verzichtet auf hochtrabende Stilistik und geht seinen Lesern nie mit überlegener Besserwisserei auf die Nerven. Für politisierendes Predigen hatte dieser Schriftsteller, der sein Werk den Nöten von Schriftstellern gewidmet hat, nur Spott. Sein Stil ist glasklar, der Sound dieses Chilenen unverwechselbar.

Warum wird so ein Buch ein Bestseller? Für seine eigene Generation in Lateinamerika hat Bolaño die Leistung vollbracht, die politischen Auseinandersetzungen der siebziger und achtziger Jahre zu thematisieren, sie aber von allen verklärenden Ideologien zu befreien. Politik interessierte ihn eigentlich nicht. Denen aber, die in dieser Zeit zu Tausenden starben und verschwanden, hat er sein Werk als einen "Abschiedsbrief an meine Generation" gewidmet. Und ist 2666 nicht ein dunkler Spiegel unserer scheinbar noch intakten abendländischen Kultur? Wer es liest, wird sich identifizieren mit den melancholischen Helden, die in ihrem freien, getriebenen Leben zwischen Sex, Gewalt und elitärem Avantgardebewusstsein den Eitelkeiten westlicher Intelligenz entgegenkommen. Gleichzeitig aber wird jeder spüren, wie brüchig der Boden ist, auf dem man mit ihnen wandert. Darunter lauert die schlummernde Nachtseite, die man dieser Tage an vielen Enden der Welt Exzesse feiern sieht, nicht nur in Santa Teresa. Und noch etwas: Auch dieser Roman hat keine Pointe. Bolaño bietet viel, aber keine Welterklärung, kein gutes Ende, auch kein schlechtes. In unseren moralisch aufgeplusterten Zeiten ist die Tatsache, dass so viele Menschen dieses tief wahrhaftige Buch gelesen haben, ein gutes Zeichen.