Es ist so ruhig im Kinderzimmer. Kein Ball schlägt gegen die Wand. Seit Längerem hört man weder Musik noch die üblichen Kabbeleien. Verdächtig. Sie werden doch nicht wieder ... obwohl die offizielle Medienzeit doch schon lange ... Also runter vom Sofa, rüber zu den Jungs, tief Luft geholt und tatsächlich: Während der jüngere Sohn ein Buch liest, liegt der ältere auf dem Bett mit seinem Smartphone in der Hand. Ertappt!

Doch wobei eigentlich? Daddelte er heimlich das Computerspiel weiter, das er nach diversen Ermahnungen erst beendet hatte (schlimm)? Sah er sich ein YouTube-Filmchen an, das ihm ein Kumpel per WhatsApp geschickt hatte (muss auch nicht immer sein)? Recherchierte er gerade bei Wikipedia (in Ordnung), oder schaute er nur auf die Uhr (egal)? Es folgte ein Pingpong aus Vorwürfen und Rechtfertigungen, Drohungen ("Ich nehme dir das Ding für eine Woche weg!") und Beschimpfungen ("Du bist scheiße!"). Am Ende ließ sich der Casus nicht aufklären – die Sonntagsharmonie freilich war perdu.

Da war er wieder: der Störenfried Smartphone. Der Eltern zu Schnüfflern macht und Kinder zu Schwindlern. Der sich dreist ins Familiengeschehen drängelt und andauernd alle Regeln des Zusammenlebens infrage stellt. Wir haben uns den Plagegeist selbst ins Haus geholt. Dachten, wir könnten ihn bändigen. Haben extra mit jedem Kind einen Vertrag aufgesetzt. Doch so ein Gerät lässt sich nicht einfach in Schach halten. Es lockt mit seinen Möglichkeiten, prahlt mit seinem Fähigkeiten, will Aufmerksamkeit. Es will unsere Kinder.

Kein anderes Thema – weder Hausaufgaben noch Fernsehkonsum oder Zimmeraufräumen – sorgt in heutigen Familien so oft für Streit wie der Gebrauch von Smartphones oder Tablets. Sind es bei Kindern meist Computerspiele, die immer neue Welche-wann-wie-lange-Diskussionen provozieren, ist es bei Jugendlichen das permanente Pling-pling von WhatsApp, Facebook und Instagram, das daheim die Stimmung verpestet.

Laut dem Branchenverband Bitkom besitzt bei den Sechs- bis Siebenjährigen bereits jeder fünfte ein Smartphone, bei den Zwölfjährigen haben so gut wie alle eins. Vom zehnten Lebensjahr an sind die Kinder (zu 94 Prozent) täglich im Netz, die Kleinen nur ein paar Minuten am Tag, die Großen (16- bis 18-Jährigen) rund drei Stunden. Da braucht es nicht viel Fantasie, um vorauszusagen, dass ein Computerhandy auch für Grundschüler bald zur Grundversorgung gehören wird, so wie ein Fahrrad oder ein Kuscheltier. Sind sie etwas älter, wird online ihr Normalzustand sein und offline eine Art Notsituation.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Wie viel Bildschirm tut dem Nachwuchs gut? Was machen Computer mit unseren Kindern? Diese Fragen sind alles andere als neu, mit dem Smartphone aber stellen sie sich heute schärfer denn je. Denn einen Fernseher musste man anschalten, einen Computer hochfahren. Beide Geräte haben einen festen Platz, der, wenn Eltern klug waren, möglichst lange nicht das Kinderzimmer war.

Ein Smartphone oder Tablet braucht keinen festen Ort mehr. Es ist überall dabei, wird quasi zum Kleidungsstück, ohne das man sich nackt fühlt. Für Smartphonebesitzer – also uns alle – ist das keine Neuigkeit. Für Eltern aber bedeutet die Allgegenwart internetfähiger Geräte einen nie da gewesenen Kontrollverlust. Früher waren sie halbwegs informiert, was ihre Kinder außerhalb des Hauses machten, heute wissen sie nicht einmal innerhalb der eigenen vier Wände Bescheid.

"Kontrollverlust, Machtlosigkeit und Überforderung": alle drei Reaktionen diagnostizierten Forscher der Universität Mannheim bei Eltern, als sie kürzlich 500 Familien mit Kindern zwischen 8 und 14 Jahren zur "Handyerziehung" befragten. Nur 30 Prozent der interviewten Eltern meinten, das Handy würde für ihr Kind eher Vor- als Nachteile bringen.

Ich gehöre nicht zu den 30 Prozent. Dabei machen mir weniger die Pathologien der digitalen Medien – Cybermobbing oder Pornoseiten – Sorgen. Ich habe auch keine Angst, dass meine Kinder zu Bildschirmjunkies werden. Gewaltspiele jeder Art finde ich abstoßend, aber nicht in dem Sinn gefährlich, dass aus virtuellen Egoshootern zwangsläufig echte Brutalokids werden.