Das zweite Ergebnis aber war erstaunlich: Die Aktivität in drei Hirnarealen veränderte sich nicht im Lauf des Experiments, es gab aber dort von vornherein große Unterschiede zwischen den einzelnen Probanden, und diese Unterschiede ließen sich mit dem Lerntempo korrelieren. Es handelte sich um den Hippocampus, der vor allem für die Verarbeitung und Speicherung von Stimuli zuständig ist, um den prämotorischen Cortex und den Nucleus caudatus, dort werden Bewegungsmuster erzeugt und gelernt. Bei den besseren Lernern waren diese Regionen schon vor dem Kurs aktiver. Waren sie geborene Pianisten?

Sibylle Herholz benutzt den Begriff "Talent" nur zögerlich, lieber spricht sie von "Prädisposition". Schließlich handelte es sich in ihrem Versuch um erwachsene Personen mit unterschiedlichen Biografien – ihre größere oder geringere Lernfähigkeit musste nicht angeboren sein. "Es kann gut sein, dass alles, was wir jetzt als Prädisposition messen, eigentlich das Resultat einer anderen Lernerfahrung ist", sagt Herholz. Etwa einer Sportart, bei der es auf motorische Geschicklichkeit ankommt. Generell kann frühe Förderung in allen möglichen Bereichen die Lernfähigkeit trainieren, betont Eckart Altenmüller von der Musikhochschule Hannover, der schon lange die Wirkung des Musizierens auf das Gehirn erforscht. "Wenn ich früh gelernt habe, zu lernen, dann geht es später auch sehr viel besser."

Ob die besseren Probanden nun wirklich aufgrund ihres angeborenen Talents überlegen waren oder weil sie schon gewisse Grundfähigkeiten besaßen, kann die aktuelle Studie also nicht beantworten. Sibylle Herholz betont auch, dass sie aus ihren Ergebnissen keinen Test für die musikalische Prädisposition ableiten könne oder auch nur wolle. Dagegen halte sie es durchaus für möglich, dass ihre Erkenntnisse Anwendung bei der Auswahl der richtigen Therapie für Schlaganfallpatienten finden – die einen lernen schneller mit akustischen Stimuli, die anderen mit optischen Reizen.

Können aufgrund ihrer Ergebnisse bald Eltern ihre Vierjährigen in den Hirnscanner schieben lassen, um zu schauen, ob ein kleiner Mozart in ihnen schlummert? Bei dem Gedanken schaudert es die Forscherin. "Wir sind nicht daran interessiert, jemanden auszusortieren." Schließlich hätten alle Teilnehmer etwas gelernt, die einen schneller, die anderen langsamer. "Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass jeder mit genug Übung alles lernen kann. Aber es gibt diese individuellen Unterschiede im Lerntempo, und die sind bisher nicht genug beachtet worden."

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