Sägespäne fliegen durch die Luft, als die Maus in ihr Versteck flitzt. Doch die Laborantin ist schneller: Sie packt das Tier am Schwanz, hebt es aus seiner Plastikbox und setzt es auf den Labortisch. Mit geübten Griffen schraubt sie ein Gestell an das metallene Implantat, das mit Zahnzement und kleinen Schrauben in der Schädeldecke des Nagers fixiert ist. Die Maus strampelt, doch ihr Kopf rührt sich keinen Millimeter. Sie kann nicht weg.

Tierversuche sind manchmal ein brutaler Anblick. Deshalb darf man in den Laboren des Centrums für Integrative Neurowissenschaften auch nicht fotografieren. "Wir können Ton- und Bildaufnahmen während der Experimente leider nicht gestatten", hatte die Pressesprecherin Antje Karbe der Universität Tübingen schon vor dem Laborbesuch klargemacht. Nein, zu verbergen gebe es nichts, man lege sogar großen Wert auf Transparenz, aber: "Wir sind vorsichtig geworden."

Vor rund einem Jahr hatte stern TV Aufnahmen veröffentlicht, die aus dem Labor des Tübinger Hirnforschers Nikos Logothetis stammen, Direktor am dortigen Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik. Mit versteckter Kamera hatte ein Mitglied der Organisation Soko-Tierschutz einen Affen mit blutverschmiertem Kopf gefilmt. Offenbar war die Wunde um sein Gehirnimplantat aufgerissen. Ob Missstände in Logothetis’ Labor für die Verletzung verantwortlich waren, ist bis heute nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch. Doch die schiere Anklage genügte: Logothetis wurde öffentlich angefeindet und beleidigt, er erhielt Morddrohungen. Logothetis kapitulierte schließlich, indem er seine Arbeit an Affen einstellte.

Ob Menschen Tiere benutzen, ihnen Leid zufügen und sie töten dürfen, ist eine Grundsatzfrage unserer Zeit. Antwortversuche füllen ganze Bücher. In diesem Artikel geht es um die Frage, wer sich in dieser gesellschaftlichen Debatte engagiert, aber auch: wie sie geführt werden sollte.

Denn der Fall Logothetis steht für ein Ungleichgewicht im Diskurs: Im Streit um Tierversuche geben die Tierschützer den Ton an – während die Forscher schweigen.

Seit rund 70 Jahren finden in deutschen Laboren Experimente an Tieren in größerem Umfang statt. Allein hierzulande sind Millionen von Mäusen und Meerschweinchen, im geringeren Ausmaß auch Hunde und Affen für den Erkenntnisgewinn gestorben. Jetzt erst erkennt man in der Wissenschaft die Notwendigkeit, sich zu erklären, ja zu rechtfertigen? Wieso hat das so lange gedauert?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Man könnte gelehrte Abgehobenheit unterstellen. Aber verfügt nicht jede Hochschule, jedes Forschungsinstitut über eine PR-Abteilung voller Kommunikationsexperten? Ist nicht die Kunst der Wissenschaftsvermittlung längst selbst Gegenstand von Forschung und Lehre? In der Praxis beschränkt sie sich zumeist auf Werbung, klar: Forschungserfolge zu verkünden ist gut für den Ruf. Über die nötigen Experimente zu sprechen macht angreifbar. Transparenz gilt als riskant – zumindest in Deutschland. Die European Animal Research Association, die auf EU-Ebene Lobbyarbeit für Tierversuche betreibt, hat nachgezählt, dass hierzulande gerade einmal elf Prozent der Universitäten auf ihrer Website über Tierversuche aufklären – hingegen mehr als 90 Prozent der britischen Unis.

Wenn es um Experimente mit Tieren geht, sind die Deutschen unentschlossen

Auch Nikos Logothetis ist nie als offensiver Verfechter von Tierversuchen aufgetreten, obwohl seine Forschung darauf basiert. Heute sieht er die öffentliche Zurückhaltung der meisten Wissenschaftler kritisch. Bei "mehr Rückendeckung" hätte er seine Primatenexperimente auch nicht beendet, sagt er. Tatsächlich dominieren die Gegner von Tierversuchen die öffentliche Wahrnehmung. "Wenn diese Gruppen Wissenschaftler und Politiker unter Druck setzen", glaubt Logothetis, "kann es im schlimmsten Fall passieren, dass die Grundlagenforschung irgendwann vollständig auf Experimente ohne Tiere beschränkt wird."