Historische Tabus gab es in der jungen Bundesrepublik mehr als genug. Die Erinnerung an den Bombenkrieg wie auch an Flucht und Vertreibung aber gehörte ganz gewiss nicht dazu. Denn über nichts wurde, wenn an den Familientischen denn mal die Rede auf den Krieg kam, so oft und heißbäckig gesprochen wie über die "Nächte im Luftschutzkeller" und die "verlorene Heimat im Osten".

Doch das eigene Leid bestimmte nicht nur im Familiengespräch, sondern auch in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik die Erinnerung an die Kriegsjahre. Als noch in kaum einer Stadt der Opfer des deutschen Vernichtungskrieges und Völkermordens gedacht wurde, da entstanden schon überall, gern in zentral gelegenen, monumentalen Kirchenruinen, weithin sichtbare Male zur Erinnerung an die Bombenangriffe auf deutsche Städte.

Auch an Gedenkorten für die Opfer von Flucht und Vertreibung herrschte und herrscht in der Bundesrepublik kein Mangel. Dafür sorgten schon die einflussreichen Vertriebenenverbände, denen einst in Bonn ein eigenes Ministerium zur Seite stand. Dennoch verblüfft es, wenn man jetzt in einem Buch vor Augen geführt bekommt, welches propagandistische Ausmaß dieses Gedenken bis in die achtziger Jahre hinein annahm. Unter dem unscheinbaren und tonlosen Titel Vertriebenendenkmäler (Schöningh Verlag) hat der Oldenburger Historiker Stephan Scholz die Ergebnisse seiner Recherchen zusammengefasst.

Dabei wird deutlich, dass diese mehr als 1.500 (!) Stelen und Steine, Türme und Ehrenhaine nicht nur der Trauerarbeit dienten. Sondern als "Orte der Deutschlandpolitik" auch ganz unmissverständlich dem Zweck, die Forderung nach Rückgabe der "verlorenen Gebiete" und Revision der Grenzen hochzuhalten. Deutsche Schuld und deutsche Verbrechen, die Ursachen all des viel bebarmten deutschen Kriegsleids, fanden dort natürlich mit keiner Silbe Erwähnung.

Scholz beschreibt die zum Teil aberwitzigen Gedenkstrategien, nicht zuletzt den stillen Abwehrkampf der Verbände gegen die allerersten Versuche, auch die Opfer des Holocausts in die öffentliche Erinnerung einzubeziehen. Und wie man dann, als das nicht mehr zu verhindern war, alles daran setzte, mit dem eigenen Mahnmal weiterhin der erste Gedenkort am Platze zu bleiben.

Um so bizarrer mutet heute die Kampagne an, mit der die Verbandsfunktionäre und viele Rechte zu Beginn des neuen Jahrhunderts versuchten, das Thema als Tabu darzustellen. Selbst seriöse Medien waren eilfertig zu Diensten und vermissten geradezu choral Orte des Gedenkens. Mancher sprach gar von einer "zweiten, geistigen Vertreibung der Vertriebenen".

Scholz widerlegt eindrucksvoll all diese Machinationen. Es wird klar, was das erregte Gerede von dem "lange tabuisierten Vertreibungsthema" von Anfang an war: eine Manipulation der Öffentlichkeit, um geschichtspolitische Großprojekte wie das umstrittene "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin durchzudrücken. Insofern ist Scholz’ Lektion nicht nur eine Lehrstunde der Geschichtswissenschaft, sondern auch in Medienkunde.