Neulich, in einem Fernsehgespräch mit Anne Will über die Flüchtlingskrise und die offenen Grenzen Europas, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Mit Zäunen werden wir das Problem nicht lösen." Ungarns Regierungschef Viktor Orbán widerspricht und zeigt auf sein Land, um das Flüchtlinge einen Bogen machen, seit Zäune ihnen den Weg versperren. Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft sieht es ähnlich: "Wenn wir ernst gemeinte Grenzkontrollen durchführen wollen", sagt Rainer Wendt in der Welt am Sonntag, "müssen wir einen Zaun entlang der deutschen Grenze bauen."

Das Kalkül: Baut Deutschland einen Schutzwall, werden Österreich, Slowenien, Kroatien und alle anderen folgen. In einer Kettenreaktion breiten sich die Zäune nach Süden und Osten aus und riegeln irgendwann die Außengrenzen der Europäischen Union ab. Wendt gefällt dieses Szenario selbst nicht. "Niemand kann sich Zäune wünschen", sagt er zur ZEIT. Doch er wollte darauf aufmerksam machen, dass die Vorschläge von "Transitzonen" an der deutschen bis zu "Hotspots" an der griechischen und italienischen Außengrenze kaum ohne Zäune funktionieren.

Da hat er einen Punkt. Denn die Idee von den ausgewählten Grenzübergängen, an denen sich sämtliche Flüchtlinge registrieren lassen und brav ausharren, bis im Schnellverfahren entschieden wird, wem Schutz zuteil wird und wer unverzüglich in die Heimat abgeschoben wird, funktioniert nur unter einer Voraussetzung: dass die Flüchtlinge zu den Sammelstellen gehen. Doch wer mit Schwierigkeiten bei der Anerkennung rechnet oder fürchtet, in ein EU-Land abgeschoben zu werden, in das er nicht will, wird nicht haltmachen, sondern den Weg über die grüne Grenze suchen. Es sei denn, Zäune hindern ihn und bugsieren ihn zwangsweise zum Eingangstor. "Einfach in die Landschaft gesetzte Transitzonen und Hotspots", sagt Wendt, "machen ohne Grenzsicherungen keinen Sinn."

Zäune, Mauer und Stacheldraht – man dachte, das seien Erscheinungen des 20. Jahrhunderts, die mit dem Kalten Krieg überwunden wären. Die neue globalisierte Welt, so die Vision, braucht keine Schutzwälle gegen Menschen. Ein Trugschluss, das Gegenteil ist eingetreten. Überall, in Europa, Asien und Amerika, werden neue Mauern gezogen oder bestehende erhöht. Angesichts von Abermillionen von Flüchtlingen versuchen sich wohlhabende Länder gegen die Anrückenden zu wappnen. Mangels Mut, Kraft, Willen oder Fantasie zu Alternativlösungen werden Grenzen wieder renationalisiert und hochgerüstet, denn kein Land möchte seine Staatlichkeit preisgeben. Das 21. Jahrhundert scheint eine Hochzeit der Zäune zu werden – und die Idee vom grenzenlosen Europa verblasst.

Der Unterschied zu früher: Anders als die Berliner Mauer sind die meisten Zäune heute nicht vermint, sie sperren die eigenen Bürger nicht ein, sondern Fremde aus. "Wir werden unsere heutige Offenheit nicht erhalten können", mahnte Bundespräsident Joachim Gauck zum 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, "es sei denn, wir entschließen uns alle gemeinsam zu einer besseren Sicherung der europäischen Außengrenzen."

Wie steht es nun mit der Behauptung, Zäune könnten zur Flucht Entschlossene nicht fernhalten, sondern bestenfalls umleiten? Kritiker monieren, selbst der Grenzwall der USA gegen illegale Einwanderer aus dem Süden habe nichts bewirkt, sondern bloß horrend viel Geld gekostet. So uneingeschränkt stimmt das nicht. Einige Beispiele zeigen, dass sich mit einem massiven Ausbau von Grenzanlagen illegale Migranten durchaus aufhalten lassen. Jedenfalls für eine Weile. Die Frage kann aber nicht allein lauten: Helfen Zäune? – Sondern: Um welchen Preis? Was lässt sich von den Grenzwällen dieser Welt lernen, was auf Europa übertragen und was nicht, weil das Recht dagegen steht, die Ethik oder auch bloß die Geografie.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

USA: In den vergangenen 15 Jahren hat Amerika seine 3.144 Kilometer lange Grenze zum südlichen Nachbarn Mexiko massiv aufgerüstet, vor allem in den Städten und ihrem Umland. Inzwischen trennen auf 1.050 Kilometern bis zu sieben Meter hohe Zäune die beiden Staaten. Mit Hubschraubern, Geländewagen, Kameras, Drohnen und Nachtsichtgeräten spüren an die 18.000 Polizisten illegale Einwanderer auf – das sind 90 Prozent aller US-Grenzbeamten. Knapp 13 Milliarden Dollar geben die Vereinigten Staaten dieses Jahr allein für Grenzkontrollen aus, den größten Batzen kostet der Süden.

Zwölf Millionen illegale Einwanderer aus Lateinamerika leben heute in den USA. Wie sehr die immer undurchlässigere Grenze Flüchtlinge inzwischen abschreckt, lässt sich nur vermuten. Ein Anhaltspunkt ist die Zahl der Verhaftungen. Im Jahr 2000 wurden nach Auskunft des angesehenen Washingtoner Migration Policy Institute (MPI) noch 1,6 Millionen Menschen wegen illegalen Grenzübertritts festgenommen. 2014 waren es nur noch 480.000. Ein Rückgang von 70 Prozent. War das der Zaun?

Für Marc Rosenblum, Migrationsforscher beim MPI und Berichterstatter im amerikanischen Kongress, wirken vor allem ökonomische Faktoren: die hohe Arbeitslosigkeit in den USA nach der Finanzkrise sowie die bessere Wirtschaftslage und geringere Geburtenrate in Mexiko. Aber er sagt auch: "Hohe Zäune und schärfere Grenzkontrollen haben durchaus den Weg in die Vereinigten Staaten erschwert und die Zahl der Migranten verringert." Die Kehrseite: Wer es dennoch in den Norden wagt, muss heute weit entfernt von den Grenzstädten auf den lebensgefährlichen Weg durch die Wüste ausweichen. Immer wieder werden Verdurstete aufgefunden. Über 300 starben im vergangenen Jahr beim Versuch, nach Amerika zu gelangen.