Die moderne Klimaforschung beginnt mit einem tiefen Blick ins Glas. Die französische Antarktis-Station Dumont d’Urville, 1965: Eines Abends betrachtet Claude Lorius seinen Whisky, den er mit ein paar Brocken Tausende Jahre alten Eises von draußen angereichert hat. Da kommt dem Forscher plötzlich die Eingebung seines Leben: Die kleinen Bläschen in den Eiswürfeln, sie müssen aus der Zeit stammen, zu der das Wasser gefror. Das Eis hat die Luft jener Epoche konserviert. Und die in ihm eingeschlossenen Bläschen verraten, aus welchen Gasen sich die Atmosphäre vor Zehntausenden Jahren zusammensetzte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015.

Hunderte Eisproben wird der Glaziologe bei seinen folgenden Antarktis-Expeditionen untersuchen. Und schließlich Mitte der achtziger Jahre bahnbrechende Resultate veröffentlichen: Erstens weist er nach, dass Treibhausgase in der Atmosphäre wie Kohlendioxid oder Methan das Klima auf der Erde seit Hunderttausenden Jahren beeinflussen. Zweitens findet Lorius heraus, dass der Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre seit 200 Jahren drastisch ansteigt: also seit Beginn der Industrialisierung. Zusammen legen seine beiden Entdeckungen nahe: Der Mensch verändert das Klima durch das Verbrennen fossiler Rohstoffe wie Kohle, Erdöl und Gas. Jahre später beweisen andere Forscher diese These. Lorius sei "einer der ganz Großen der Klimaforschung", sagt Mojib Latif, Deutschlands bekanntester Klimatologe.

50 Jahre nach dem Heureka-Moment widmet der französische Regisseur Luc Jacquet (Die Reise der Pinguine) Claude Lorius einen Kinofilm. Zwischen Himmel und Eis erzählt die Lebensgeschichte des Wissenschaftlers: von dessen erster Antarktis-Expedition mit Mitte 20 über seine große Entdeckung im Whiskyglas bis heute, da Lorius 83 Jahre alt ist.

Der Film, der am 26. November in die deutschen Kinos kommt, zeigt neben den obligatorischen Aufnahmen der Antarktis spektakuläre Archivszenen, die Lorius einst zum Teil selbst drehte. Sie zeigen den Wagemut und die Entbehrungen, welche die Polarforscher aufbrachten. So schlug sich der junge Abenteurer bei seinem Südpol-Debüt 1956 drei Wochen lang in einer Art Traktor durch Schneestürme zu seiner entlegenen Forschungsstation durch – um dann mit zwei Kollegen ein Jahr lang in einer etwa 20 Quadratmeter großen Kabine zu leben, wochenlang ohne Kontakt zur Außenwelt, während es draußen bis zu minus 60 Grad kalt war. Mehr als 20 Mal kehrte Lorius zurück auf den kältesten aller Kontinente – und kam dem Klimawandel auf die Spur.

Lorius selbst spricht im aktuellen Teil des Films nicht, weil er gesundheitlich angeschlagen ist – und auch weil er große Worte ohnehin scheut. "Claude war ein reiner Wissenschaftler, der nur seine Ergebnisse für sich sprechen ließ", sagt Regisseur Jacquet. "Er ist nie politisch aufgetreten." Dennoch sei Lorius enttäuscht, dass die Mächtigen der Welt all die Jahre so wenig gegen den Klimawandel getan haben. Er gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass sie doch noch die Wende einleiten. Vielleicht ringen sie sich ja beim Gipfel in Claude Lorius’ Heimat dazu durch.