Welches ist die schönste lange Romanreise der Weltliteratur? Für einen Engländer mit feinerem Geschmack ist die Antwort klar: Nicht Proust und seine siebenbändige Suche nach der verlorenen Zeit. Die ist überfrachtet mit Essayismus, durchwabert von metaphysischem Gewese, qualvoll durch die endlos wiedergekäute Eifersucht. Schon gar nicht Knausgårds sechsbändige Folge Min Kamp – lauter Sätze ohne Musik, Metaphern von lebensbedrohlicher Schiefheit und ein geschmackloser Exhibitionismus. Tut da nicht einer in einem fort, was ein englischer Gentleman nie tut: von sich reden? Nein, die feinste lange Romanfolge der Welt ist für einen kultivierten Engländer fraglos Anthony Powells zwölfbändiger Tanz zur Musik der Zeit, für manche der bedeutendste englische Roman der Nachkriegszeit.

Hier ist es nun am kultivierten Deutschen, erstaunt zu sein. 98 von 100 haben von Powell noch nie gehört. Und die restlichen zwei Prozent sprechen seinen Namen aus wie towel, obwohl doch jeder, also jeder kultivierte Engländer, weiß, dass er sich ausspricht wie Nordpol, also pole. Anthony Powell war vom Scheitel bis zur Sohle und von der Wiege, 1905, bis zur Bahre, 2000, ein britischer Tory. Schule in Eaton, Studium in Oxford, nach einiger Zeit im Verlagswesen und in der Londoner Boheme, mehreren damals gelobten und heute zu Unrecht vergessenen Romanen, heiratete Powell 1934 Lady Violet Pakenham, diente im Zweiten Weltkrieg und war 1952 nach dem Erwerb des kleinen, mit See und Grund versehenen Landsitzes The Chantry in Somerset am Ziel seiner Wünsche: "a wife with a title and a house with a drive". Die Vorfahrt war freilich recht zugewachsen. Auf den Titel seiner Gattin hielt Powell aber doch so viel, dass er 1974 den Titel eines Knight ablehnte, weil seine Frau dann von allen Unbewanderten als Lady Powell angesprochen worden wäre, wo sie doch als Tochter eines Earl als Lady Violet, allenfalls Lady Violet Powell anzusprechen wäre.

Auf dem Land vor allem schrieb Powell die zwölf Bände seines roman-fleuve A Dance to the Music of Time, die zwischen 1951 und 1975 herauskamen und in denen Powells alter ego, der 1906 geborene Erzähler Nick Jenkins, das Leben einer Gruppe englischer Upperclass-Angehöriger zwischen 1914 und 1971 beschreibt – Eton, Oxford, London, Krieg, Landsitz eben, inklusive des Endes des Empires.

Ja, es sind 2948 Seiten in Fiktion verwandelte englische Upperclass-Memoiren. Es ist vieles in sie eingegangen, was Powell selber erlebt hat. Und in der Art, wie der Autor seinen Nick Jenkins in der ersten Person erzählen lässt – "die Geschichte über den Esstisch erzählen", nannte er sein Ideal – ist Powells eigene Stimme zu erkennen, wie sie auch in den vier Bänden seiner Memoiren, den drei Bänden seiner Tagebücher und den zwei Bänden seiner Kritiken und Essays zum Ausdruck kommt. Es ist beste englische Club-Konversation: anekdotisch, diskret, aber spitz, von Witz gesprenkelt und stets von feinster, manchmal fast unhörbarer Ironie durchrieselt, vieles über andere, fast nichts über den Sprecher sagend.

Aber das Wesentliche ist mit dieser Beschreibung nicht getroffen. Dieses Buch eines gehobenen Torys über seine Klassengenossen mag ein konservatives Buch sein – mehr noch ist es ein revolutionäres, Ausdruck einer unhörbaren literarischen Revolution. Powells Dance hat den englischen Roman, und nicht nur ihn, radikaler als irgendein anderes Buch aus dem Korsett von Handlung, Handlungsauflösung und geordneter Struktur befreit. All das muss für Powell vulgärer, künstlicher, lebensferner Mist gewesen sein, unbrauchbar für jemanden, der wie er die Irrungen und Wirrungen des Lebens in der longue durée erlebter sechzig Jahre beschreiben will. So hat Powell seinen Roman im Großen wie im Kleinen statt durch eine sinnvolle Handlung mit Anfang und Ende ganz einfach durch den Zufall strukturiert, genauer: durch eine Folge von Zufallswolken, in denen sich eine Gruppe von Figuren immer wieder begegnet. Es ist ein Zufall, dass im ersten Band, Eine Frage der Erziehung, Nick Jenkins, Charles Stringham und Peter Templer 1921 Zimmergenossen im Internat sind (das nie Eton heißt, aber doch nach ihm gebildet ist und ein herausforderungsreicher Hauptspaß gewesen sein muss), ein Zufall auch, dass dort auch dieser merkwürdige Außenseiter Kenneth Widmerpool zur Schule geht. Es ist wieder Zufall, dass im zweiten Band, Tendenz steigend, 1928 Nick und Widmerpool Stringham wiedertreffen, nachts in London an einem Kaffeestand, und alle zusammen samt dem Maler Deacon, in den sie reingerannt sind, und der Politaktivistin Gipsy Jones auf eine sehr gehobene Boheme-Party weiterziehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

In einem normalen Roman hätte ein solches Zusammentreffen einen Sinn, der sich dann im weiteren Handlungsverlauf enthüllen würde. Nichts dergleichen bei Powell. Klar will der diese und ein anderer jene Frau, und der eine oder andere kriegt sie auch, bis er sie oder sie ihn beim nächsten oder übernächsten zufälligen Zusammentreffen an andere, den Alkohol oder den Tod verliert. Aber die Hauptsache sind nicht diese meist eher lächerlichen und in der Regel ohnehin scheiternden Willensbestrebungen, sondern die großen, meist auf Partys oder bei Abendessen, Landausflügen und dergleichen sich zutragenden zufälligen und hochverwickelten Zusammentreffen zahlreicher Figuren. Powells Romanfolge lässt solche Großarrangements wie vielstufige Wolkengebilde eines ums andere am Horizont vor uns vorüberziehen.

Aber auch im Kleinen der einzelnen Szenen regiert der Zufall das Erzählgeschehen des Dance. Nicks Bericht ist auch hier nicht zielgesteuert wie etwa in einem Bildungsroman, Nick berichtet einfach, was ihm zufällt, was er sieht, hört, vermutet und bei all dem denkt. Es kann sein, dass ihm Jahre und Bände später, im Zusammenhang eines ganz anderen Berichts, eine Merkwürdigkeit in einem früheren klar wird; manches Dunkle aber bleibt, auch das Leben soll ja lose Enden kennen. Nicks Erzähltätigkeit gleicht mehr der eines Malers, der mit seinem Pinsel Strich für Strich den Raum einer Großleinwand ausfüllt, als der eines Filmers, der sich dem Fluss der Zeit überlässt.