DIE ZEIT: Herr Heinsohn, Sie sind eigentlich Pädagogik-Professor, wie wurden Sie zu einem Demografiebeobachter?

Gunnar Heinsohn: Durch meine Beschäftigung mit Kleinkindern und ihrer Entwicklung. Deutschland wurde 1972 global zum ersten Land, das unter 2,1 Kinder pro Frauenleben fiel. 2,1 Kinder sind ja erforderlich, um die Bevölkerung stabil zu halten. Gleichzeitig sah ich natürlich, wie in der übrigen Welt die Vermehrung munter weiterging. Deshalb dachte ich damals: Kein Problem, die Menschheit hat so viel Nachwuchs, dass ein Land mit der deutschen Infrastruktur automatisch immer mit Menschen voll sein wird. Sie finden schon heraus, wo sie unterkommen können.

Zeit: Migration als Kompensation für eine negative demografische Entwicklung.

Heinsohn: Ja, allerdings habe ich die Möglichkeiten der Pädagogik überschätzt. Ich war damals überzeugt, dass die Kinder der Zuwanderer durch kostenlose Erziehung von der Krippe bis zur Uni aufblühen würden. Heute wissen wir, dass über die Hälfte der zweiten Generation in Rechnen mangelhaft und ungenügend abschneidet. Die Pädagogik kennt noch kein Mittel, das einen Matheversager in ein Mathe-Ass verwandelt. Das war bis in die 1960er Jahre kein großes Problem, weil über 50 Prozent aller Arbeiten durch Un- oder Angelernte erledigt werden konnten. Viele, die damals Anstellungen fanden, wären heute nicht vermittelbar, weil die Anforderungen gestiegen sind.

Zeit: Es geht also um die Frage, wen man bekommt?

Heinsohn: Wir haben in Deutschland das schöne Beispiel: Iraner und Türken. Aus dem Iran kam nach der Revolution 1978 eine Elite nach Deutschland. Deren Kinder schneiden hier beim Abitur besser ab als Einheimische. Hätten wir 1978 eine Revolution in Istanbul gehabt und die türkischen Besten wären hierher geflohen, dann hätten die auch ein besseres Durchschnittsabitur als die Deutschen, weil eben eine Auswahl der Türkei sich messen würde mit dem Gesamtdurchschnitt der Deutschen. Selektion, nicht Religion ist da entscheidend.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Zeit: Weiß man denn etwas über die Faktoren, die den Bildungserfolg begünstigen?

Heinsohn: Nach der im Westen gelehrten Ansicht ist das Lebensmilieu, das Umfeld, in dem Kinder aufwachsen, der entscheidende Faktor. Nun haben wir aber die Möglichkeit, diese Theorie zu prüfen. Schauen wir uns die bestversorgten Kinder der Menschheitsgeschichte an. Das sind die amerikanischen und kanadischen Mittelschichtskinder. Sie schlagen sich auch tüchtig. Aber dann kommen Kinder zu ihnen in die Klasse aus Ländern wie Korea oder China. Das war bis 1980 ein bettelarmes Land, weshalb man auf Schulversager en masse gefasst sein musste. Doch dann sind die ruckzuck die Besten in Mathe und Physik, obwohl sie nicht einmal richtig Englisch können. Wir aber halten den Spracherwerb für den Schlüssel zum Erfolg. Warum die Ostasiaten besser abschneiden, kann keiner unterm Mikroskop zeigen. Es gibt nur Plattitüden über eine intensivere Lernkultur.

Zeit: Konfuzius wird dann gerne genannt!

Heinsohn: Schön wärs! Dann bekämen unsere Pädagogen ein Konfuzius-Training, und die Ostasiaten hätten bei Pisa ab morgen das Nachsehen.

Zeit: Was ist Ihnen aufgefallen an den deutschen Debatten der letzten Wochen über Zuwanderung?

Heinsohn: Es wird immer gesagt: Wirtschaftsflüchtlinge nein, Asylbewerber ja. An dieser Rede fällt zweierlei auf. Erstens: Die Diskutanten wissen nicht, wie ein Asylbewerber entsteht. Und zweitens frage ich: Was um Himmels willen habt ihr bloß gegen einen Wirtschaftsflüchtling? Der klopft an, dann könnt ihr ihn von oben bis unten durchchecken und fragen, wer er ist und was er kann. Danach darf freiheraus gesagt werden: Dich brauchen wir. Oder: Tut uns leid, klopf woanders an. Der Wirtschaftsflüchtling ist die einzige Hoffnung, die Länder mit schrumpfender Bevölkerung überhaupt haben. Wenn wir jetzt sagen, Wirtschaftsflüchtlinge raus, Asylbewerber rein, dann ist das ökonomisch aberwitzig. Denn ein Schutz- oder gar Asylberechtigter (die Nuancen sind juristisch winzig) darf nicht gefragt werden, was er kann. Ein Analphabet hat dieselbe Menschenwürde wie ein Nobelpreisträger.