Zeit: Jetzt haben Sie gesagt, wir verstünden nicht, wie ein Asylbewerber entsteht. Haben Sie eine Theorie?

Heinsohn: Die Frage lautet: Wie entwickelt sich ein Gebiet, in dem gestern noch die Waffen schwiegen, in ein Bürgerkriegsgebiet oder Kriegsgebiet? Ich verwende dafür einen simplen Kriegsindex. Er misst die Relation zwischen 55- und 59-jährigen Männern, die sich auf die Rente vorbereiten, und 15- bis 19-jährigen Jünglingen, die den Lebenskampf aufnehmen. Deutschland hat einen Kriegsindex von 0,66. Auf 1000 alte folgen 666 junge Männer. Der Kriegsindex im Gazastreifen ist zehnmal so hoch. Auf 1000 alte folgen über 6000 junge Männer. In Afghanistan ist es genauso. In Nigeria steht der Kriegsindex bei knapp 5. Europa hatte eine ähnliche Situation vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Immer gab es Personal ohne Ende für Krieg, Völkermord, Welteroberung und Auswanderung. In den dreißiger Jahren wurde der erste Jahrgang wehrfähig, in dem nachgeborene und deshalb als "Kanonenfutter" begehrte dritte oder vierte Brüder rar waren.

Zeit: Bleiben wir in der Gegenwart!

Heinsohn: In einem Land mit hohem Kriegsindex gehen 1000 Alte in Rente, und 5000 oder mehr Junge kämpfen um diese 1000 Plätze. Weil das aussichtslos ist, wollen sie Wirtschaftsflüchtling werden. Sie drängen raus aus ihrem Land, werden in andere aber nicht hereingelassen. Zu Hause realisieren sie schnell, dass fünf oder sechs Anwärter für eine Position zu viele sind. Viele Optionen haben sie nicht. Die einen entschließen sich zur Kriminalität, die intellektuelleren machen sich eine Theorie über eine "gerechte" Gesellschaft und rechtfertigen damit das Töten von Sündern und Ungerechten. Alsbald hören wir in unseren Nachrichten über einen neuen Bürgerkrieg. Nehmen wir ein Land wie Nigeria mit 170 Millionen Menschen. Da gibt es jetzt eine Gruppe, Boko Haram, "Bücher sind Sünde". Ihre Mitglieder schießen auf lokale Machthaber, um so an Positionen zu gelangen, die sie als Wirtschaftsflüchtlinge nicht erreichen konnten. Auf einen Schlag haben ein paar Tausend Schießende 170 Millionen Mitbürger in Schutzberechtigte verwandelt, deren Rücksendung in die Heimat ein Verbrechen wäre.

Zeit: Ist die Option, Krieger zu werden, nur weil es mit der Auswanderung nicht geklappt hat, wirklich so attraktiv?

Heinsohn: Keineswegs. Deshalb zielt der allererste Wunsch auf Auswanderung. Dann folgt die prekäre Beschäftigung, schließlich die leichte Kriminalität, denn die Gruppe, die militärisch losschlagen will, braucht viel: Strategen, körperlich fitte Leute, Sie können als Skelett kein Maschinengewehr durch den Dschungel schleppen.

Zeit: Ist Ihre demografische Erklärung von Gewalt nicht sehr monokausal?

Heinsohn: Sie brauchen – auch wenn das erst mal kontraintuitiv klingt – neben einem Kriegsindex zwischen 3 und 7 wirtschaftliche Entwicklung. Hungernde brechen Ihnen das Herz, sind aber militärisch keine Gefahr. Sie brauchen also relativ gut beschulte, ernährte und medizinisch versorgte Jünglinge. Die Ansicht, dass die Menschen aus Hunger schießen oder fliehen, ist mediale Grundnahrung, aber falsch. Hunger kann nicht laufen. Wenn es heute in irgendeinem afrikanischen Land losgeht, werden Sie fast immer einen vorherigen Anstieg der Pro-Kopf-Einkommen von ca. 300 Dollar auf ca. 1500 Dollar sehen. Ähnliches galt für Europa vor dem Ersten Weltkrieg, als man 10 Millionen junge Männer verbrannte – wie man sagt: aus der demografischen Portokasse. Auch da haben wir das Rätsel, dass von 1870 bis 1914 die Einkommen wuchsen, aber der Zorn auch, weil die Kinderzahlen immer noch bei 4 oder darüber liegen. Colmar von der Goltz konnte deshalb 1883 in Das Volk in Waffen empfehlen, die 17-Jährigen in die Feuerlinie zu stellen; denn "leicht trennt nur die Jugend sich vom Leben". Schon die 20-Jährigen denken an die Braut. Aber Sie können 17-Jährige nur in den Tod schicken, wenn schon die nächste Kohorte mit den Hufen scharrt. Wenn heute Angela Merkel Truppen nach Afghanistan mit den Worten verabschiedete "leicht trennt nur die Jugend sich vom Leben", hätte sie mehr Gegenwind als durch die Grenzöffnung.

Zeit: Das heißt, die europäischen Gesellschaften sind pazifiziert, weil sie vergreisen?

Heinsohn: Ja! Als wir bei der Griechenlandkrise die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa beobachteten, warnten renommierte Professoren: Das ist explosiv, das führt zu Gewalt! Ich habe dem widersprochen. Denn die zornigen jungen Griechen sind statistisch gesehen einzige Söhne oder einzige Kinder, die allemal im Hotel Mama unterkommen.