Beim Ringen um die richtige Flüchtlingspolitik verliert die Bundesregierung ein entscheidendes Schlachtfeld aus dem Auge: Nicht nur Bayern und Osteuropäer drohen ihr den Rückhalt zu entziehen, sondern auch die Franzosen. Die Folgen könnten gravierend sein. Vor dem sozioökonomisch bedingten Hintergrund deutscher Aufnahmebereitschaft und französischer Ablehnung gegenüber den Flüchtlingen droht ein politischer Flächenbrand, der in Frankreich Marine Le Pen an die Macht spülen und die Europäische Union zerreißen könnte.

Aus deutscher Sicht erklärt sich das nicht von selbst. In Frankreich brennen keine Flüchtlingsheime. Niemand demonstriert hier gegen die islamischen Straßennachbarn. Die Franzosen sind in der Regel keine Rassisten oder Ausländerfeinde, aber ihre Grundstimmung ist miserabel. Sie empfinden in der Flüchtlingsfrage heute anders als die Deutschen. Sie fühlen sich aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise und der vielen sozialen und kulturellen Konflikte im eigenen Land überfordert.

Massenarbeitslosigkeit, Streiks, Ghettoisierung der arabischstämmigen Jugend, islamischer Terror: All das bewegt die Franzosen im Alltag mehr als die Deutschen. Sie leben in einer ethnisch weitaus stärker durchmischten Bevölkerung als die Deutschen und schrecken davor zurück, mehr Fremde aufzunehmen. Das mag man als guter Deutscher rückwärtsgewandt oder unmoralisch finden, ändern kann man es damit nicht.

Die Politik trägt dem Rechnung: Eine Million Flüchtlinge für Deutschland, 60.000 für Frankreich, so lautet der Verteilschlüssel für das Jahr 2015. Die Flüchtlinge kommen also gar nicht in großer Zahl nach Frankreich. Dennoch machen sie den Franzosen Angst. Und diese Angst macht Marine Le Pen immer stärker.

Die Berliner Akteure sind sich der Gefahr offenbar nicht ausreichend bewusst. Vergangene Woche verbrachten die deutsche Kanzlerin und ihr Vizekanzler inmitten der Flüchtlingskrise einen ganzen Tag im Pariser Élysée-Palast. Alle Augen der französischen Nation richteten sich auf Merkel und Gabriel. Sie wohnten einer seit Langem geplanten deutsch-französischen Konferenz zur digitalen Wirtschaft bei. Gut so! Beide Länder müssen bessere Rahmenbedingungen für Europas digitale Aufholjagd schaffen, weil wirtschaftlicher Erfolg Voraussetzung für soziale und kulturelle Integrationsfähigkeit bleibt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Aber das reicht nicht. Deutsche und Franzosen müssen sich auch über die Flüchtlinge aussprechen. Stattdessen ließ sich Merkel in Paris auf einen Streit mit dem französischen Wirtschaftsminister Emmanuel Macron ein, wer denn nun die meisten Start-up-Unternehmen habe, Berlin oder Paris. Und Vizekanzler Gabriel verzichtete gleich ganz auf eine vorgesehene Rede. So verpasste die Berliner Spitze die Chance, den Franzosen ihre Flüchtlingspolitik zu erklären.

Die deutsche Sprachlosigkeit gegenüber dem wichtigsten Partnerland ist erschreckend. Nicht etwa, dass Kanzlerin und Präsident nicht ständig miteinander redeten. Auch die Wirtschaftsminister Gabriel und Macron sehen sich häufig. Aber Frankreichs letzte aufrechte Europäer wie Hollande und Macron sind die falschen Adressaten. Sie würden der deutschen Position womöglich auch dann noch folgen, wenn ihr Land Le Pen zu Füßen liegt. Das nützt dann nur nichts mehr.

Immer mehr Franzosen wenden sich enttäuscht von der deutsch-französischen Staatsräson ab. Schon die deutsche Griechenlandpolitik verscheuchte in diesem Jahr einen großen Teil der Regierungslinken ins Lager der Europa-Gegner und potenziellen Le-Pen-Wähler. Die deutsche Flüchtlingspolitik hat eine ähnliche, aber noch stärkere Wirkung auf die französischen Konservativen. Viele Galionsfiguren der bürgerlichen Rechten samt ihrer katholischen Wählerstämme protestieren heute entschieden gegen Merkels Europa der offenen Grenzen – und werfen ihrer eigenen Regierung vor, der deutschen Politik leichtsinnig zu folgen. Das stärkt wiederum Le Pen. Ihre Umfragewerte erreichen in diesem Herbst beängstigende Höhen. Es fehlt nicht mehr viel, dann kann sie sich bei den Präsidentschaftswahlen 2017 echte Siegeschancen ausrechnen.

Schon hat die Chefin des Front National ihre radikale Europa-Politik im Laufe der Flüchtlingskrise zu einer nicht weniger radikalen Deutschland-Kritik zugespitzt. "Europa liegt an der Kandare. In allen Bereichen setzt sich Deutschland durch", klagt sie an – und findet immer öfter Gehör. Tatsächlich plagt viele Franzosen das Gefühl: Wenn es wirklich darauf ankommt, entscheidet nicht ihr Präsident, sondern die deutsche Kanzlerin.

Berlin tut bislang wenig gegen diesen Eindruck. Merkel müsste Hollande an ihrer Seite glänzen lassen. Stattdessen lässt sie ihn meist wie einen Schuljungen aussehen – wie zuletzt bei ihrer mit ihm unzureichend abgestimmten "Wir schaffen das"-Erklärung.

Was nützt die neue deutsche Weltoffenheit, wenn das Land der Menschenrechte nicht mitzieht? 40 Prozent der Franzosen wünschen sich heute eine "autoritäre Regierung". Schon aus den anstehenden Regionalwahlen im Dezember könnte Le Pen als die strahlende Siegerin hervorgehen. Spätestens dann müssten in Berlin die Alarmglocken läuten. Noch wird Europa von der deutsch-französischen Allianz regiert. Und fast nichts ist es wert, sie aufs Spiel zu setzen.