Plötzlich begann der Schriftsteller dort vorn auf der Bühne des Theaters zur Überraschung des Publikums zu singen. Es war der eigenwillige, durch langes Üben erlernbare Obertongesang, den der Autor Clemens J. Setz anstimmte: ein einzelner Ton, den er mit einer speziellen Technik zerlegte und scheinbar mehrstimmig hinauf und hinab wandern ließ. So überraschte der 33-jährige Österreicher das Braunschweiger Publikum mit einer seiner vielen Begabungen, als er am vergangenen Wochenende den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis für seinen tausendseitigen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre erhielt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ein paar Hundert Kilometer südwestlich bereits ein anderer großer Autor gesungen. In Darmstadt stimmte Rainald Goetz auf der Theaterbühne am Ende seiner Dankrede zur Verleihung des Büchnerpreises leise Gesang an: "Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!" Die Zeile stammt aus dem Lied Bologna der österreichischen Band Wanda, und natürlich erzeugte diese Intonierung einmal mehr jenen faszinierend mehrstimmigen Goetz-Ton, wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten, zur immerwährenden Freude geübter Exegeten. Pop als Leitmotiv, selbstverständlich – aber was hört man genau darin? Wie viel Rebellion klingt da mit, wie viel Regression? Ist Amore die Antwort auf alle ästhetisch-moralischen Standortfragen?

Rainald Goetz erhielt den Büchnerpreis: So zwangsläufig dieser Moment seit einigen Jahren heranrückte, so blieb genau diese Unausweichlichkeit eine Herausforderung für den 61-jährigen Schriftsteller, dessen stets hellwache, sprachlich virtuose Aufnahmebereitschaft für die Gegenwart vermeintlich jenem Klassikerstatus zuwiderläuft, den der Büchnerpreis unweigerlich verleiht. Zudem gab es schon immer Fans, die seit seiner blutigen Klagenfurter Stirnaufritzszene 1983 in Goetz eine ideale Projektionsfläche für unausgelebte Widerstandsträume sahen. Doch dieser Nichtfestlegbare beherrscht perfekt die Kunst, solche und andere Erwartungen zu unterlaufen, maximale Zeitgenossenschaft und heftige Distanz zusammenklingen zu lassen, gleichzeitig Kritik und Affirmation der Gegenwart zu betreiben.

Also las er in Darmstadt nicht wie üblich am Vorabend aus seinem Werk, seine Rede bekamen die Journalisten auch nicht wie gewohnt in die Hand. Und der ewig jung wirkende Goetz, der in Michael Rutschkys gerade erschienenen Tagebuch der Jahre 1981 bis 1984 (Mitgeschrieben, Berenberg Verlag) schon nachlesen kann, wie er heute als Figur der deutschen Kulturgeschichte jener fernen Jahre wirkt, beantwortete das Klassikerproblem in seiner Rede offensiv: "Jeden Herbst neu kann man sich daran freuen, dass Georg Büchner 'Jugend' heißt und der Georg-Büchner-Preis in Widerspruch dazu 'Akademie'." Und die damit verbundene Sorge quittierte er mit der Formulierung: "Das Schreiben altert nicht gut, man sieht es an sich selbst."

Doch das Feuer lodert, wenn er politisch trivial draufloslabernde Autorenkollegen attackiert: "Auftrag der Sprache, der Schrift, der Literatur verfehlt, Sprechakt eitel, unpolitische Aktion." Wut und Leidenschaft: Danach klingt immer noch das Liebeslied von Rainald Goetz.