Vereidigung von Bundeswehrsoldaten in Berlin © Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

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Auf der einen Seite: Hunderttausende junge Männer, die sich ungebraucht fühlen und deren Frust in Flüchtlingsheimen schon jetzt gelegentlich in Wut umschlägt. Auf der anderen Seite: eine Bundeswehr, die seit Aussetzung der Wehrpflicht ein Rekrutierungsproblem hat.

Wie viel Fantasie braucht es, um A und B in eine Win-win-Situation zu verwandeln? Gar keine. Es verlangt nur etwas Realitätssinn, ein Quäntchen Mut und ein paar Änderungen im Wehrrecht, um aus der Bundeswehr eine Armee zu machen, die ein Einwanderungsland brauchte, damit sie beiden dient: den Einwanderern und dem Land.

Deutsche Gründlichkeit ist super, jetzt aber sei deutsche Flexibilität gefragt, gab Angela Merkel zu Beginn des großen Flüchtlingszustroms als Programmsatz aus. So richtig gründlich flexibel ist Deutschland seither nicht geworden. Gerade im Militärischen darf man daher nicht zu viel Beweglichkeit erwarten. Beginnen ließe sich mit einem eher bescheidenen Projekt, mit, sagen wir, einer deutsch-syrischen Brigade.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Ein paar Tausend geeignete Anwärter für sie dürften sich unter den bereits anerkannten Flüchtlingen ohne Weiteres finden: Syrer und Syrerinnen, die neben einem Aufenthaltstitel genug Englisch und Motivation mitbringen, um zusammen mit deutschen Soldatinnen und Soldaten einen multinützlichen Verband zu bilden. Man muss nicht als Erstes an Kampfeinheiten denken. Aber womöglich an Brücken- und Feldlagerbauer, an Logistiker, Nachschub- und Instandsetzungseinheiten, Sanitäter und Kommunikationstechniker? Aus Hilfsbedürftigen könnten auf diese Art schnell Helfer werden. Genauso dringend, wie Pionierarbeit gerade in deutschen Städten und Gemeinden gefragt ist, wird sie es eines Tages in Syrien sein, wenn es gilt, die Heimat wieder aufzubauen. Viele der heutigen Flüchtlinge werden genau dies wollen, und zwar aus ganzem Herzen.

Was, wenn sie Islamisten sind?

Deutschland würde ihnen – und sich selbst – einen großen Gefallen tun, wenn es schon jetzt für den Friedensfall rüstete. Wenn Arbeit integriert – wie gut integriert dann erst eine Arbeit aus Berufung und mit Bedeutung?

Die Armee ist nicht die Schule der Nation (das ist die Schule), aber eine Schule ist sie sehr wohl. Deutsch- und Integrationskurse brauchen die Syrer ohnehin. Warum nicht gleich Staatsbürgerkunde, Außenpolitikseminare und Führerscheine Klasse A bis D dranhängen?

Ja wie, soll man potenziellen Islamisten jetzt auch noch Gewehre in die Hände drücken!? Dass IS-Anhänger die Gelegenheit nutzen könnten, sich als Schläfer in die Truppe einzuschleichen, bliebe sehr wohl ein Risiko. Aber die Waffenausbildung müsste nicht am Anfang, sie könnte am Ende einer verlängerten Grundausbildung stehen, während der sich die Freiwilligen kennenlernen und sicherheitsüberprüfen ließen. Überwiegen würden am Ende wahrscheinlich vertrauensbildende Lerneffekte, auch deutscherseits. Mancher sächsische Rekrut würde womöglich zum ersten Mal in seinem Leben einem leibhaftigen Muslim begegnen – und zwar als, hoppla, ganz unlandesverräterischem Stubenkameraden.

Das alles geht natürlich nicht, solange Ausländer in Deutschland Kasernenverbot haben. Man muss sich diese Absurdität, diesen Anachronismus einmal klarmachen: Eine Truppe, zu deren Aufgabe das Nation-Building in fremden Ländern zählt, sperrt just deren Staatsangehörige aus dem Soldatendienst aus.

Im Urmodell aller Einwanderungsländer, den Vereinigten Staaten, ist das anders. Dort können auch Nicht-Staatsbürger der Armee beitreten. Tun sie es, beschleunigen sie damit ihre Einbürgerung. Am Ende der Ausbildung fällt die Vereidigung als Soldat praktisch mit dem staatsbürgerlichen Treueschwur in eins. Seit 2001 seien auf diese Art knapp 110.000 Menschen aus 34 Ländern eingebürgert worden, zählt die US-Armee auf; aus Afghanistan, Bahrain oder Libyen. Vielleicht war das, angesichts der Bilanzen der US-Militärmissionen seither, too little too late.

Die Bundeswehr jedenfalls bekäme mit einer Öffnung für Flüchtlinge die Chance, die kulturell kompetenteste Truppe für die Dauerkrisenregion des Mittleren Ostens zu werden: mit nicht nur den meisten regionskundigen Soldaten, Übersetzern und Aufklärern, sondern auch mit dem besten Frühwarngefühl für falsche Wege.