Warum muss das Uni-Deutsch so unverständlich sein?

Das Erlernen eines möglichst unverständlichen Jargons gehört zu den Initiationsritualen der Wissenschaft. Als Studenten der Philologie lernten wir als Erstes Fachbegriffe und warfen damit im Alltag um uns. Es galt, die Zugehörigkeit zu einer Kaste unter Beweis zu stellen – nach außen durch Unverständlichkeit, nach innen durch Fachlichkeit. Besonders oft sprach ich von einer "pejorativen Konnotation". Erst als mir eine resolute ältere Oberschullehrerin entgegenhielt, das sei doch nichts anderes als "negativer Beigeschmack" – warum ich denn so geschraubt spräche! –, setzte ein heilsamer Ernüchterungsprozess ein.

Mein schwer verständlicher Jargon lenkte mich davon ab, wie einfach, schön und genial das Deutsche eigentlich ist. Mark Twain war zwar der Meinung, das Leben sei zu kurz, um Deutsch zu lernen; in Wirklichkeit hat Deutsch aber viele Vorzüge. Etwa der elastische Satzbau. Wir können die Wörter im Satz leicht umstellen und gewinnen jedes Mal eine neue Bedeutungsnuance: Ich habe ihr mein Wort gegeben; ihr habe ich mein Wort gegeben; mein Wort habe ich ihr gegeben. Außergewöhnlich ist auch die Genauigkeit im Raum (angehen, ausgehen, weggehen, entgegengehen, abgehen, untergehen) – das vermeidet Missverständnisse. Und wer hätte es gedacht: Das Deutsche fördert Beziehungen! Es hat viele kleine Wörter, die den Kontakt zu anderen färben helfen: Mach’s halt! Gib mir das mal! Wie heißt du denn?

Auch Vokabeln zu lernen ist im Deutschen nicht schwer. Nehmen wir den Arzt. Kennt man das Wort und ein paar andere, findet man sich zurecht: Kinderarzt, Zahnarzt, Hautarzt. Eben weil sich Wörter so leicht kombinieren lassen, hat Deutsch einen riesigen Wortschatz von fünf Millionen Wörtern. Das ist ein großer Vorzug für wissenschaftliche Terminologien.

Das Deutsche macht es uns leicht, sich klar und verständlich auszudrücken und dabei auf den anderen einzugehen. Das könnte auch den Wissenschaften nützen. Fünf Entwicklungen haben indes dazu geführt, dass die Hochschulen die deutsche Sprache verdrängt und vernachlässigt haben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

1. Die Tradition der Schwerverständlichkeit

Dass Wissenschaft unverständlich ist, ist eine deutsche Tradition. In der Geschichte der deutschen Wissenschaftssprachen gab es immer wieder die Neigung, Klarheit, Stil und Rhetorik geringzuschätzen; der Inhalt sei ja viel wichtiger! Der Sprachbeobachter Carl Gustav Jochmann wetterte schon 1828: "Anderswo erfordert ein philosophisches Werk die angestrengte Aufmerksamkeit seiner Leser doch nur für den Gegenstand; in Deutschland gibt es fast keines, dessen Verfasser nicht unverschämt genug wäre, ihnen auch noch die Mühe des Erlernens einer neuen Sprache zuzumuten, seiner eigenen nemlich." Daran hat sich nichts geändert. Ausgerechnet revolutionär oder emanzipatorisch gesinnte Theoretiker der 1970er Jahre trieben die sprachliche Unzugänglichkeit bis zum Exzess und erfanden Blähwörter wie Strukturierungszusammenhang, Metastruktur, Interaktionsproblematik, die die Hochschulen bis heute prägen.

2. Das Imponierdeutsch von Bologna

Nicht besser als der Jargon der Revoluzzer ist der Bologna-Jargon, den die Hochschulen aus der Sprache der Unternehmensberater übernommen haben. Schlüsselwörter des akademischen Betriebs sind heute Modularisierung, Zertifizierung, Akkreditierung und Evaluation; jedes Leitbild einer Hochschule handelt von Vision, Innovation und Transparenz; Creditpoints, Assessment, Rankings, Peer-Review gehören zum Alltagswortschatz von Studenten und Wissenschaftlern. Hat dieses Imponierdeutsch oder Imponierenglisch eigentlich etwas mit Bildung und Wissenschaft zu tun? Wohl eher mit einer verwalteten Welt in neuem Gewand.

3. Die Übermacht des Englischen

Dazu passt, dass es an den Hochschulen immer stärkere Neigungen gibt, Deutsch als Sprache zu verbannen. In nur noch wenigen Fächern publizieren Forscher in nennenswertem Umfang auf Deutsch. In den Naturwissenschaften wird in deutscher Sprache kaum noch etwas von Bedeutung veröffentlicht; die deutsche Fachterminologie verschwindet.