Das Fach Elektrotechnik hat eine Abbrecherquote von 40 Prozent. Warum ist das so, und was lässt sich dagegen tun? Ein Interview mit Thilo Weber vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau

DIE ZEIT: Herr Weber, 100 Studenten beginnen im Fach Elektrotechnik, 40 brechen ab. Ist Elektrotechnik das Killerfach schlechthin?

Thilo Weber: Ein Killerfach nicht. Es ist aber sicherlich richtig, dass die hohen Abbruchquoten ein Problem sind.

ZEIT: Wie kommt es dazu?

Weber: Da kommen viele verschiedene Faktoren zusammen. Dazu zählen die Motivation für das Studium, die Vorkenntnisse in Mathe oder Physik, ob man sich ganz auf das Studium konzentrieren kann oder nebenbei jobben muss. Aus unseren Studien wissen wir, dass einige abbrechen, weil sie falsche Vorstellungen vom Studium haben und auch davon, was sie selbst können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

ZEIT: Das heißt, es liegt nur an den Studenten?

Weber: Nein, ein Problem ist auch, dass die meisten Hochschulen am Studienbeginn sehr geballt die theoretischen Grundlagen vermitteln. Überspitzt: Die Leute wollen Autos bauen und Maschinen konstruieren, aber sie bekommen Physik-, Mechanik- und Mathe-Kurse.

ZEIT: Sollte der Stoff leichter werden?

Weber: Die Industrie ist mit der Qualität der Absolventen sehr zufrieden. Sie sagen zwar: Wir brauchen mehr Ingenieure, aber wir wollen keine Abstriche bei der Qualität machen. Allerdings könnte man die Art der Vermittlung verbessern und sie anwendungsbezogener gestalten.

ZEIT: Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung stellte bei Elektrotechnik eine "überdurchschnittlich kritische Haltung der Lehrenden gegenüber den Studierenden" fest. Werden die Studenten rausgeprüft?

Weber: Es gibt sicherlich einzelne Professorinnen und Professoren, die sehr hohe Standards anlegen und gezielt Hürden aufbauen, aber das kann man nicht generalisieren.

ZEIT: Lässt sich die Abbrecherquote senken?

Weber: Die Studierenden müssen sich gut informieren. Man kann zum Beispiel an vielen Hochschulen einen Selbsttest machen. So sieht man, wo man noch Lücken hat. Die Hochschulen müssen über ihr Studienfach aufklären und dann das Studium so gestalten, dass die Studierenden motiviert sind. Sie müssen Mathe-Tutorien, Nachholkurse anbieten und Lerngruppen initiieren.

ZEIT: Können die Hochschulen das?

Weber: Die politischen Rahmenbedingungen sollten angepasst werden. Für Sonderkurse und Mathe-Tutorien braucht es Geld. Bisher bekommen die Hochschulen Geld für die Masse der Studierenden. Sinnvoller wäre es, wenn dieses Geld daran gekoppelt wäre, dass sie ein gutes Studium anbieten und die Studierenden erfolgreich zum Abschluss führen.

ZEIT: Männer brechen das Studium häufiger ab als Frauen. Ließe sich die Abbrecherquote senken, wenn mehr Frauen Elektrotechnik studieren würden?

Weber: Die wenigen Frauen, die ein ingenieurwissenschaftliches Fach studieren, haben es sehr bewusst gewählt. Sie wissen, worauf sie sich einlassen, haben eine hohe Technikorientierung und eine technische Sozialisation. Das heißt, sie kommen nicht besser durch, weil sie Frauen sind, sondern weil sie sich damit auseinandergesetzt haben. Generell wäre es aber natürlich schön, wenn sich mehr Frauen für das Studium entscheiden würden.