Als Clemens Tönnies beschließt, ein guter Mensch zu werden, ist er umgeben von sterbenden Schweinen. Mit schnellen Schritten läuft er durch seinen Schlachthof in der ostwestfälischen Stadt Rheda-Wiedenbrück, während in einer der Hallen die Tiere getötet werden. Hunderte Schweinehälften schieben sich auf Bändern an ihm vorbei. Aber Tönnies hat nur Augen für Sigmar Gabriel, den Bundeswirtschaftsminister. Tönnies packt Gabriels Arm und zieht den Minister hinein in sein Lebenswerk, in die Fabrik, die Tönnies reich gemacht hat. Beide Männer haben sich weiße Schutzanzüge übergezogen, von Weitem sehen sie aus wie Astronauten.

Clemens Tönnies ist 59 Jahre alt und der größte Schweineschlachter Deutschlands. Weltweit beschäftigt er rund 10.000 Menschen. Das Fleisch lässt er nach China und Korea exportieren, in die USA, in 80 Länder. Sein Vermögen wird auf eine Milliarde Euro geschätzt. Tönnies steht auch an der Spitze des Aufsichtsrates von Schalke 04, er ist der Boss des Vereins. Es war Tönnies, der den Fußballclub an den Sponsor Gazprom gebunden hat, den russischen Energiekonzern, den Wladimir Putin als Waffe seiner Außenpolitik einsetzt.

Seit Kurzem aber hat Tönnies ein Problem, das größer und größer wurde und nicht mehr zu vertuschen ist. Dieses Problem ist der Grund, weshalb an einem verschneiten Februarmorgen dieses Jahres der Wirtschaftsminister in seine Dienstlimousine stieg und sich zum Schlachthof fahren ließ.

Das Problem sind die Tausenden Arbeiter aus Polen, Rumänien und Ungarn, die an den Bändern in der Fabrik stehen und Schweine aufschneiden. Sie arbeiten bei knapp über null Grad, sie frieren, und sie verdienen in der Stunde nur wenige Euro. Diese Menschen haben Tönnies reich gemacht.

"Eine Schande für Deutschland" nennt Sigmar Gabriel das System der Ausbeutung. Die Arbeiter müssten ordentlich bezahlt und untergebracht werden. Gabriel will, dass in der Fleischindustrie eine Bewegung des Anstands entsteht, und er sucht dafür Unternehmer, die mitziehen. "Wenn ich einen Schwachpunkt habe, gehe ich da dran. Dafür ist Tönnies bekannt. Aus. Punkt. Ende", sagt Tönnies zum Minister.

Wenige Tage zuvor hat der Schlachter eine ehrenamtliche Ombudsfrau damit beauftragt, sich um die Nöte seiner ausländischen Arbeiter zu kümmern. Sie ist rothaarig, sie ist deutsch, und sie hält sich pausenlos in Tönnies’ Nähe auf. Wie die Arbeiter untergebracht sind, habe sie sich noch nicht angesehen, sagt sie, aber das werde sie noch heute ändern. Tönnies patscht ihr jovial auf den Arm.

Zusammen mit dem Minister betritt Tönnies die Kantine, in der sich Hunderte Arbeiter aus Osteuropa versammelt haben. Er ruft: "Ich lade Sie ein, bleiben Sie bei uns! Bewerben Sie sich um feste Stellen!" Die Arbeiter applaudieren ihm, obwohl sie ihn nicht verstehen.

Danach steigen Gabriel und Tönnies aus ihren Schutzanzügen und stellen sich in einem Raum auf, in dem schon die bestellten Journalisten warten. Noch wurde nichts mit dem Minister offiziell vereinbart. Aber Tönnies erklärt, die Fleischindustrie werde sich bessern. Gabriel erklärt, Tönnies werde die Bewegung der Sauberkeit anführen. Die Bild-Zeitung wird am nächsten Morgen titeln: Bündnis gegen Dumping-Löhne.

Es ist ein vielversprechender Tag für den Schlachter, sogar den Wirtschaftsminister hat er auf seiner Seite. Clemens Tönnies, König der Schweine, als Vorkämpfer für eine anständige Arbeitswelt – das wird ein interessantes Experiment.

Die Rumänin Mihaela C. hat vom Besuch des Ministers an diesem Februarmorgen nichts mitbekommen, sie hatte Nachtschicht. Als Gabriel in einen Hubschrauber klettert und sich zurück nach Berlin fliegen lässt, schläft sie noch. Erst um fünf Uhr früh war sie von der Arbeit zurückgekommen. Ihr Bett steht hinten links in einem Zimmer, das sie sich mit drei anderen Frauen teilt. Die Schaumstoffmatratze ist durchgelegen, es riecht muffig. Mihaela C. schläft unruhig, wie so oft. Dauernd hört sie das Schlagen von Türen im Korridor, ihre Mitbewohnerinnen arbeiten in unterschiedlichen Schichten.

Nach ein paar Stunden steht Mihaela C. auf und wartet, bis sie an der Reihe ist, ins Bad zu gehen. Sie wäscht sich schnell, draußen vor der Tür wartet schon die Nächste. Für ein Frühstück bleibt kaum Zeit. Acht Frauen leben in der Zweizimmerwohnung, sie teilen sich fast alles, auch den Kühlschrank, und alle schneiden Fleisch für Tönnies. Die Frauen streiten oft, das bleibt nicht aus, es ist viel zu eng.

Mihaela C. blieb keine Wahl. Ihr Arbeitgeber hat diese Wohnung im Hinterhof einer Durchgangsstraße in Gütersloh für sie ausgesucht, sie musste dort einziehen. Das ist das übliche Verfahren. Bei anderen Arbeitern, die in der Fleischfabrik anfangen, läuft es ähnlich ab: Den Job und die Unterkunft, das gibt es für viele Arbeiter nur zusammen.

Mihaela C. ist 39 Jahre alt, eine zierliche Frau mit feinen, mädchenhaften Gesichtszügen. In mehreren Gesprächen, die meist in der Kanzlei ihres Anwalts Knut Recksiek in Bielefeld stattfinden, erzählt sie der ZEIT nach und nach ihre Geschichte. Stockend gibt sie Auskunft, in knappen Sätzen, immer wieder bricht sie in Tränen aus. Es dauert eine Weile, bis sie ihre Angst davor überwindet, über die vergangenen Monate zu sprechen.

"Verdienen kommt von dienen"

Wenn sie Nachtschicht hat, geht Mihaela C. nachmittags um halb fünf aus dem Haus und steigt gegenüber in einen weißen Bus, der sie zur Arbeit bringt. Er trägt keine Aufschrift, aber die Arbeiter haben gelernt, dass es ihr Bus ist. Er hält oft, weil er viele Wartende einsammeln muss. An manchen Nachmittagen sitzt Mihaela C. eine Stunde lang im Bus und starrt aus dem Fenster. Sie lebt zurückgezogen und beteiligt sich kaum an den Gesprächen der anderen. Geredet wird auf der Fahrt ohnehin nicht viel.

Wegen Tönnies ist sie nach Deutschland gekommen. In den ländlichen Gegenden Rumäniens klingt der Name so verheißungsvoll wie Coca-Cola. Im rumänischen Fernsehen laufen Werbefilme, die Bilder zu diesem Versprechen liefern: Tönnies, eine saubere Fabrik, geräumige Unterkünfte, schönes Fachwerk, gute Arbeit.

Im Sommer des Jahres 2013 beschließt Mihaela C., ihr Dorf nahe der Stadt Moreni in der Walachei zu verlassen. Diese Region, sagt sie, sei arm, die Felder seien voller Steine. Ihren Job als Putzfrau, mit dem sie ihre Familie nur schlecht ernähren konnte, gibt sie auf. Ihren 16-jährigen Sohn lässt Mihaela C. in der Obhut ihrer 60-jährigen Mutter zurück, die 19-jährige Tochter ist bereits verheiratet. Einen Mann hat Mihaela C. nicht mehr, die beiden leben getrennt.

Noch hat sie nicht gehört, wie einige der rumänischen Arbeiter in Ostwestfalen über die Fleischfabrik sprechen. "Alcatraz" nennen sie diesen Ort. Andere sagen bloß "das Gefängnis". Mihaela C. weiß nicht einmal, dass Tönnies mehr als eine Fabrik ist, nämlich ein Mensch, Clemens Tönnies. Stünde er ihr auf der Straße gegenüber, würde sie ihn nicht erkennen.

"Tonnies" sagt Mihaela C., ein Wort ohne Umlaut. Nacken, Schnitzel, Arbeit, Tonnies – das sind die deutschen Wörter, die sie nach anderthalb Jahren in Ostwestfalen kennt.

Acht, manchmal auch neun oder zehn Stunden steht sie täglich in der Fabrik. Ständig rollen am Fließband neue Nackenstücke heran. Sie verpackt Fleischstücke, 20 Zentimeter groß. Dafür bekommt sie im Monat mal 820, mal 1.050 Euro ausgezahlt – je nachdem wie viel sie arbeitet. Das meiste Geld, etwa 700 Euro im Monat, schickt sie der Mutter in Rumänien. Mihaela C. kauft sich selbst nur das Nötigste, billige Sweatshirts und Hosen, und sie lernt ein neues Wort, den Namen eines Discounters, Kaufland.

Im März dieses Jahres spürt Mihaela C., dass etwas anders ist als gewöhnlich, und sie kann dieses Gefühl nicht lange ignorieren. Ihre Blutungen bleiben seit Monaten aus. Ist sie schwanger? Etwa von jenem Mann, den sie seit dieser einen Nacht nicht wiedergesehen hat? Der danach einfach verschwunden ist? Sie versucht, diese Vorstellung zu unterdrücken. Sie darf nicht schwanger sein, auf keinen Fall. Der Vater würde sich zu dem Kind niemals bekennen. Mihaela C. überlegt. Eine 39-jährige Frau wird nicht mehr so leicht schwanger. Nein, sie ist bestimmt nicht schwanger.

Tonnies, haben Kolleginnen ihr gesagt, sei so mächtig, er könne sogar unbrauchbare Arbeiter zurück nach Rumänien abschieben. Wer ist dieser Tonnies?

Die Lebensgeschichte des Clemens Tönnies begann in einer Schlachterei, und wahrscheinlich wird sie auch dort enden. Es ist ein Leben, das von Gehorsam gezeichnet ist und dem unbedingten Willen, es nach oben zu schaffen.

Clemens Tönnies musste schon als Kind in der Metzgerei seines Vaters aushelfen. "Verdienen kommt von dienen", das lernte Clemens dort. Im westfälischen Rheda stand er frühmorgens neben dem Vater im Laden, schnitt Brötchen und Koteletts. Auf dem Schulweg hatte er Passanten freundlich zu grüßen. Denn jeder Mensch, der ihm begegnete, konnte ein Kunde des Vaters sein. Nur einmal handelte sich Clemens eine Ohrfeige ein. Das war, als der Vater den Jungen fragte, was er werden wolle. "Radio- und Fernsehtechniker", antwortete Clemens, und der Vater schlug zu. Noch einmal fragte er: Junge, was willst du werden? Da antwortete Clemens: "Ich will Metzger werden, Papa." Er begehrte nicht auf. Er fügte sich dem autoritären Mann und lauerte auf die Chance, irgendwann einmal an dessen Stelle zu treten.

Seinen vier Jahre älteren Bruder Bernd verehrte Clemens Tönnies. Betrat Bernd einen Raum, war von Clemens nichts mehr zu sehen. Bernd lief in feinen Anzügen durch die Welt, hielt eindrucksvolle Reden, gründete 1971 eine eigene Fleischfabrik in Rheda, übernahm in der kollabierten DDR eine marode Schlachterei, ließ die Maschinen schneller laufen, stauchte Arbeiter zusammen. Er formte ein kleines Imperium.

Bernd Tönnies starb 1994 überraschend nach einer Nierentransplantation. Plötzlich hatte sein Bruder das Reich zu regieren, zu dem auch Bernds Verein gehörte, der FC Schalke 04. "Der Bernd war mein Leitwolf", sagt Clemens Tönnies. "Früher war ich butterweich, heute bin ich härter geworden." In das karge Leben seiner Kindheit, das Leben eines "Seitenstraßenmetzgers", wolle er nie mehr zurück.

"Ich bin nicht der Putin-Versteher, aber ..."

Das alles erzählt Tönnies Ende März in seiner Fabrik im sächsischen Weißenfels. Er führt die Reporter der ZEIT durch sein Unternehmen, berichtet begeistert von Chinesen, die auf seine Schweineohren scharf seien, von Japanern, die sich Schweinebäuche wünschten, und vom ungeheuren Fleischbedarf der Griechen.

Etwas irritierend ist, dass er schon nach einer halben Stunde auf den dauererigierten Penis seines todkranken Bruders Bernd zu sprechen kommt, der in einem Krankenhaus ein ungeeignetes Medikament erhielt. Vor der Amputation des Penis habe Clemens Tönnies ihn bewahrt. Später spricht er von einem Labrador, den man keinesfalls kastrieren dürfe, und er scherzt über verheiratete Männer, die mit 50 keinen Sex mehr hätten. Es scheint so, als lasse Tönnies die ganze Zeit einen zweiten Film laufen, der den Titel trägt: Wer ist hier der mächtigste Mann?

So kommt er auf Wladimir Putin, den er zuletzt bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi getroffen habe. Mit Putin verbindet Tönnies eine männerbündische Art von Sympathie, die auf gegenseitigen Interessen beruht. Der Fußballverein Schalke 04 wurde von Tönnies in ein Maskottchen der russischen Staatsfirma Gazprom verwandelt. Bis zum russischen Embargo für Lebensmittel aus der Europäischen Union lieferte Tönnies viel Fleisch nach Russland. Nahe der russischen Stadt Belgorod an der Grenze zur Ukraine baut er im Moment einen gigantischen Mastbetrieb für Schweine auf. Fährt eine schwarze Staatslimousine durch Rheda-Wiedenbrück, erzählen sich Passanten, Putin sei auf dem Weg zu Tönnies, aber das ist bloß ein Gerücht. Putin und Tönnies, das bleibt eine sehr ungleiche Beziehung. In den großspurigen Erzählungen des Clemens Tönnies jedoch ist Putin "ein kleiner Mann", der "in den Arm genommen werden will".

"Ich bin nicht der Putin-Versteher, aber ...", sagt Tönnies gern. "Aber was ich nicht verstehe, verstehen die anderen auch nicht. Ich bin weder besonders schlau noch besonders dumm." Er habe, sagt er, Wladimir Putin versprochen, mitzuhelfen, in Russland eine funktionierende Landwirtschaft aufzubauen. Er habe Putin auch empfohlen, den Mittelstand zu stärken. Putin habe "eins zu eins umgesetzt, was ich ihm aufgeschrieben habe". Und: "Ich glaube nicht an die Expansionsgelüste von Putin." So spricht Clemens Tönnies, als Putins Truppen die Krim annektiert haben.

Nach dem Termin in der sächsischen Fabrik setzt sich Tönnies in einen schwarzen SUV und lässt sich von einem seiner Angestellten nach Hessen fahren. Im Auto ist er bester Laune, schwärmt von Gerhard Schröder, diesem Pfundskerl, und berichtet vom Kampf gegen seinen Neffen Robert um das Familienunternehmen. Tönnies erzählt vom Klavierspiel seiner Tochter, von seinen ersten Annäherungsversuchen an Margit, seine spätere Frau, und er stimmt fröhlich ein Lied an: "Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt." Tönnies erzählt von seinen Jagdrevieren auf dem Darß und im Salzburger Land. In Österreich habe er das Revier des verstorbenen Krupp-Managers Berthold Beitz übernommen und einen kapitalen Hirsch erlegt, dessen Abschuss dem altersschwachen Beitz versagt geblieben sei. Putin, Schröder, Beitz – in dieser Sphäre wähnt er sich.

Danach berichtet er, dass er sich die Unterkünfte seiner ausländischen Fabrikarbeiter einmal angesehen habe, vor zwei Jahren, "alles vernünftig". Er sagt: "Wer diskriminiert, ist ein Schwein." Er sagt: "Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass man sozial Schwächere nicht unter Druck setzt." Er sagt: "Die größte Schweinerei in der Geschichte war die Sklaverei."

Am Abend besucht er die Party in der neu eröffneten McDonald’s-Filiale am Frankfurter Flughafen, zieht sich zuerst in den VIP-Bereich zurück und tanzt danach so ausgelassen, als habe er sich gerade in sich selbst verliebt. Am Ende dieses Tages im März konnte man glauben, dass es in der deutschen Fleischindustrie nur eine aufrechte Persönlichkeit gebe – Clemens Tönnies.

Im April dieses Jahres ist sich Mihaela C. sicher, dass sie schwanger ist. Sie spürt die Bewegungen im Bauch, traut sich jedoch nicht zum Arzt. Sie fragt sich, was sie tun soll, aber ihr fällt nichts ein. Es gibt niemanden, dem sie sich anvertrauen will, weder ihren Kolleginnen noch ihren Kindern oder ihrer Mutter. Steht sie nachts bei Tönnies am Band, will niemand ihren Bauch bemerken. Ihre Kolleginnen schauen zur Seite.

Bald passt Mihaela C. die Kleidung nicht mehr. Wenn sie sich umzieht, geht sie ins Bad. Sie ist davon überzeugt, dass sie zurück nach Rumänien geschickt wird, falls jemand sie bei einem Vorarbeiter verpfeifen sollte.

Das Kuriose an der Situation ist, dass Clemens Tönnies zu Recht behaupten kann, von all diesen Dingen nichts zu wissen. Denn er hat in seinen Fabriken ein System installiert, das es ihm erlaubt, wegzuschauen – und unbeteiligt zu bleiben, sobald unangenehme Fragen auftauchen. Es ist ein System, das völlig legal ist.

"Das Werk ist da, wo die Schweine sind"

Auf seinen Fabrikhallen steht in großen Buchstaben "Tönnies", aber es ist nicht die Firma Tönnies, die dort die Schweine schlachtet, zerlegt und verpackt. Es sind Subunternehmer, die Menschen wie Mihaela C. beschäftigen. Die Arbeiter sind bei den Subunternehmern angestellt, nicht bei Tönnies. Viele der Arbeiter stammen aus Osteuropa. In der Fabrik bilden sie die prekäre Unterschicht. Über ihnen stehen die Vorarbeiter, die auch oft aus Osteuropa stammen und ihnen in der Muttersprache Anweisungen erteilen. Das sind die Antreiber.

Mithilfe dieses Systems schafft es Clemens Tönnies, die billigen osteuropäischen Arbeiter zu den Schweinen zu bringen, statt umgekehrt. Er sagt: "Das Werk ist da, wo die Schweine sind."

Tag für Tag schaffen Lastwagen neue Schweine in die Fabriken des Clemens Tönnies. Und Woche für Woche schaffen Kleinbusse neue Arbeiter herbei. Ihre Zahl schwankt, es ist ein ewiges Hin und Her, und deswegen kann niemand genau sagen, wie viele es gerade sind. Die Firma Tönnies behauptet, ungefähr 5200 Arbeiter von Subunternehmen verteilten sich auf ihre Fleischfabriken in Deutschland, etwa 2.700 Menschen seien direkt bei Tönnies angestellt. Gewerkschaftsnahe Kritiker des Schlachters schätzen die Zahl der regulär Beschäftigten auf 1.200 bis höchstens 1.500, die vor allem in der Verwaltung und in der Logistik arbeiten. An den Fließbändern stehen fast ausschließlich die Arbeiter der Subunternehmer.

Die ZEIT hat mit 21 rumänischen Arbeitern aus der Fleischfabrik persönlich gesprochen. Die meisten der Befragten wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, weil sie noch immer in der Fabrik beschäftigt sind und sich vor dem Rauswurf fürchten. Sie bestätigen Mihaela C.s Schilderungen des Arbeitsalltags und fügen weitere Einzelheiten hinzu.

Einer der größten Subunternehmer in der Schlachterei heißt MGM – mit rund 1.900 Mitarbeitern. Auch Mihaela C. ist dort beschäftigt. MGM ist eine Fabrik in der Fabrik, die ihre Leute an die Bänder "Schinken", "Schulter" und "Zerlegung" schickt.

In dieser Schattenwelt tritt auch eine Immobilienfirma auf, die bei Hauseigentümern in Ostwestfalen Wohnungen anmietet, um Schlafplätze in Mehrbettzimmern an die Arbeiter weiterzuvermieten. Somit verdienen nicht nur die Hausbesitzer an den Wohnungen, sondern auch die Immobilienfirma. Die Miete wird bei MGM direkt vom Lohn der Arbeiter abgezogen und an die Immobilienfirma weitergereicht.

Bei Mihaela C. liegt die Miete bei 200 Euro im Monat, die in ihrer Lohnabrechnung als "Vorschuss" bezeichnet wird – eine übliche Prozedur. Folglich zahlen Mihaela C. und die sieben Frauen, die mit ihr zusammenleben, insgesamt 1.600 Euro für eine überfüllte Zweizimmerwohnung. Im Hausflur stapeln sich die Briefe deutscher Krankenkassen und Ämter, die an all die Rumänen adressiert sind, die dort leben. Viele Schreiben bleiben unbeachtet, die anderen Bewohner sprechen nicht besser Deutsch als Mihaela C.

Miteigentümer der Firma MGM, Mihaela C.s Arbeitgeber, ist der Rumäne Dumitru Dan Miculescu, der zugleich Anteile an anderen Gesellschaften hat, die zum Teil ebenfalls als Subunternehmer für Tönnies auftreten – oder als Partner von Subunternehmern. Auf dem Papier sind diese Firmen voneinander getrennt, in Wirklichkeit sind sie miteinander verwoben wie ein Knäuel.

In Ostwestfalen erzählt man sich, Miculescu sei ein reicher Mann. In Rumänien mischt er groß in der Politik mit. Ihm gehört auch der Fernsehsender, der in Rumänien die Filme ausstrahlt, die eine sorglose Tönnies-Welt zeigen.

Arbeiter, die bei MGM angestellt sind, sagen, ihnen würden nicht alle Stunden bezahlt, die sie tatsächlich gearbeitet hätten. Dadurch werde der gesetzliche Mindestlohn ausgehebelt. Für ihre Nachtschicht gebe es keine Zuschläge. Kaum einer von ihnen verdient mehr als 1.200 Euro netto im Monat, viele von ihnen bekommen nur etwa 1.000 Euro. Alle paar Stunden dürften sie eine halbe Stunde Pause machen, aber die Zeit reiche kaum aus, um die Schutzkleidung auszuziehen, die Messer zu reinigen, etwas zu essen, sich wieder umzuziehen und rechtzeitig zurück am Band zu sein. In einigen ihrer Arbeitsverträge steht, dass sie die Messer und Handschuhe, die sie in der Fabrik brauchen, selbst bezahlen müssen.

Sie sagen, dass oft nicht einmal diejenigen zum Arzt dürften, die durch die schwere Arbeit Schmerzen im Rücken oder an den Knien bekommen haben. Manche Arbeiter, so erzählen sie es, müssten ihre Vorarbeiter dazu überreden, ihnen die Karte der deutschen Krankenversicherung auszuhändigen. Bleibe einer krank zu Hause, werde er zur Strafe ständig in wechselnde Schichten versetzt. Von Vorarbeitern ist die Rede, die herumbrüllten und mit der Faust donnernd auf die Bleche von Maschinen schlügen, wenn ihnen etwas nicht passe. Konfrontiert man die Firma MGM mit all diesen Vorwürfen, nimmt sie dazu nicht Stellung.

Manche Arbeiter mussten Blanko-Dokumente unterschreiben

"Wenn Herr Tönnies oder andere wichtige Leute in die Fabrik kommen, läuft das Band viel langsamer als sonst", berichtet eine Arbeiterin. Deswegen freuen sich die Arbeiter über Besuch. Das stimme nicht, erklärt die Firma Tönnies, Besucher kämen täglich mehrmals und unangemeldet.

Einmal wurde eine Arbeiterin vom Kamerateam eines Fernsehsenders gefilmt. "Da waren wir plötzlich zu fünft", sagt sie. Mit einem Mal habe sie so wenig zu tun gehabt, dass ihr langweilig geworden sei. Die Firma Tönnies sagt dazu, ein solcher Vorgang sei ihr nicht bekannt.

Den obersten Boss sehen die Arbeiter selten allein. Clemens Tönnies begegnet ihnen meist im Pulk mit mehreren Männern. "Ihn trifft keine Schuld, er weiß ja nicht, was wirklich passiert", sagt eine Arbeiterin. So kann sich Clemens Tönnies durch sein Reich bewegen wie ein Unschuldsengel. Wenn sogar Arbeiter glauben, der Boss sei ahnungslos, dann muss das System des Wegschauens ziemlich ausgereift sein.

Es gibt Arbeiter, die Papiere unterschreiben, deren Inhalt sie nicht verstehen. Wenn sie fragen, was in den Dokumenten steht, bekommen sie manchmal nur zur Antwort: "Hygienevorschriften".

Bis zum vergangenen Jahr war unter den Schriftstücken auch eine Einwilligung, die besagte, dass die Arbeiter ihre Lohnsteuererklärungen dem Arbeitgeber vorlegen müssen und der Firma alle Rückzahlungen zustehen. Manche Arbeiter mussten sogar Blanko-Dokumente unterschreiben. So praktizierte es eine Vorgängerfirma von MGM.

Die Drohung, sagt einer der Arbeiter, sei jedes Mal dieselbe gewesen: "Wenn es dir nicht passt, kannst du deine Kündigung unterschreiben." Auch diese gab es schon als vorformuliertes Dokument. Zu all diesen Vorwürfen nimmt die Firma MGM nicht Stellung.

Nur wenige Arbeiter trauen sich zu kündigen. Sie wissen dann nicht mehr, wohin, auch ihren Schlafplatz haben sie von der Firma bekommen. Sie leben mitten in Deutschland, sind aber hilflos, sobald sie die Fabrik verlassen. Viele von ihnen können nicht einmal sagen, wie die Straße heißt, in der ihre Unterkunft liegt. Auch Mihaela C. hat Mühe mit diesem Namen, Friedrich-Ebert-Straße, benannt nach irgendeinem Deutschen.

Mitte Juni dieses Jahres setzen bei ihr die Wehen ein. Mihaela C. windet sich im Bett, steht schließlich auf, greift nach Plastiktüten, verlässt die Wohnung und tritt auf die Straße. Auf einer Baustelle entdeckt sie eine halb fertige Garage. Sie geht hinein und stellt sich auf eine Palette. Sie zieht sich die Hose bis zu den Knien herunter und gebiert im Stehen ihr Kind. Sie reißt die Nabelschnur ab, das Baby schreit, sie hebt es kurz an die Brust. Dann legt sie das Kind, die Nachgeburt und ihre Unterhose in die rote Plastiktüte, die sie mitgebracht hat. Anschließend verlässt sie die Garage. So schildert sie es später der Polizei.

Mihaela C. irrt umher, bis sie einen Parkplatz der Firma Media Markt erreicht. Dort lässt sie die rote Plastiktüte mit dem Neugeborenen in einem Gebüsch verschwinden. Das Kind wird später von einem Paar entdeckt, das von einem Spaziergang heimkehrt. Das Baby ist stark unterkühlt, aber es atmet. Es ist ein Junge, an seinem Rücken und am Kopf kleben Erdklumpen. Er wird überleben.

Noch während die Polizei in der Region Flugblätter verteilt und nach der Person sucht, die das Baby ausgesetzt hat, meldet sich ein Mitarbeiter der Firma Tönnies und bietet seine Hilfe an. Er sei bei Tönnies für Subunternehmen zuständig, sagt er, und er könne zum Beispiel Flugblätter an diese Firmen verteilen. Er versichert der Polizei, dass die Vorarbeiter die Schwangerschaft einer Mitarbeiterin gewiss sofort bemerkt hätten.

Als die Polizei bei MGM anruft, der Firma in der Firma, nimmt eine Frau den Hörer ab, die dort als Verwalterin und Dolmetscherin arbeitet. Sie bietet den Polizisten an, für sie zu übersetzen, wenn die Beamten die Arbeiterinnen von MGM befragen. Die Polizei nimmt das Angebot an. In den Protokollen der Vernehmungen geben Mihaela C.s Mitbewohnerinnen an, sie hätten von einer Schwangerschaft nichts bemerkt. Erst als die Kommissare erneut erscheinen, diesmal allerdings mit einem Rumänisch sprechenden Polizisten, der sehr genau nachfragt, erzählen zwei Arbeiterinnen von der blutigen Wäsche im Bad und davon, dass der Bauch ihrer Mitbewohnerin immer dicker geworden sei. Im Mai habe man den Bauch "deutlich gesehen".

Nein, niemand habe erkennen können, dass Mihaela C. schwanger war. So wird es später die Firma Tönnies darstellen, der Subunternehmer MGM ebenfalls. Der Geschäftsführer der Firma, Christian Göhlich, wird sich sogar Fotos von einer Familienfeier beschaffen, auf denen Mihaela C. zu sehen ist, allerdings aus der Halbdistanz und von vorn aufgenommen, sodass ihr Bauch kaum zu erkennen ist. Der Geschäftsführer wird diese Fotos auf sein Handy laden, aufgeregt darauf herumtippen und rufen: "Sehen Sie, kein Bauch!"

Tönnies hatte stets darauf gewartet, dass die starken Männer schwach wurden

Während ihrer Vernehmung gibt Mihaela C. gegenüber der Polizei sofort zu, dass sie ihr Baby ausgesetzt hat. Sie ist verwirrt und redet von ihrer Ratlosigkeit. Sie wird verhaftet. Später kommt sie zu sich. Sie sitzt in Bielefeld in Untersuchungshaft und macht sich schwere Vorwürfe.

Zu dieser Zeit, am letzten Sonntag im Juni, besucht Clemens Tönnies die Hauptversammlung des FC Schalke in Gelsenkirchen. Tausende Menschen sind erschienen, das Stadion ist blau-weiß geschmückt. Auf einer Bühne posieren Fußballlegenden des Vereins, Erwin Kremers, Olaf Thon, Klaus Fischer. Sie spielen nur die Vorgruppe für einen, der noch nicht da ist. Clemens Tönnies. Er hat beim FC Schalke die Maßstäbe für Größe verloren. Man kann sich verschwindend klein fühlen, wenn man an einem Samstagnachmittag in einer blau-weißen Menschenmenge versinkt. Man kann sich aber auch unersetzlich groß fühlen, wenn man dem Irrglauben verfällt, man habe die Euphorie dieses Nachmittages finanziert.

Rudi Assauer, der frühere Manager des Clubs, wird von seiner Tochter Bettina in die Halle geführt. Sofort umringen ihn Kameraleute. Assauer nimmt sie nicht wahr, er ist schwer an Alzheimer erkrankt. Eine Frau möchte ein Foto von ihrem kleinen Mädchen zusammen mit Rudi Assauer haben, aber der versteht sie nicht gleich. "Papa", sagt Assauers Tochter, "du kannst dat Schätzken in den Arm nehmen", und Rudi Assauer gehorcht.

Als Clemens Tönnies schließlich auf der Bühne erschienen ist, begrüßt er vom Mikrofon aus Rudi Assauer. Langer Applaus, "Rudi, Rudi"-Rufe. Jahre hatte es gedauert, bis Tönnies in der Lage war, Assauer zu verdrängen. Tönnies unterwarf sich Assauers Launen, so wie er sich früher seinem älteren Bruder untergeordnet hatte. Immer wieder hatte sich Assauer über Tönnies öffentlich lustig gemacht, ihn "einen Wurstheini" genannt. Aber erst als Assauers Rückhalt in den Gremien des Vereins bröckelte, seine seelische und körperliche Verfassung nachließ, wagte sich Tönnies nach vorn und organisierte Assauers Ende auf Schalke. Tönnies hatte stets darauf gewartet, dass die starken Männer schwach wurden. Dann schlug seine Stunde, die Stunde des Schlachters.

In einer Pause der Versammlung mischen sich die alten Helden des Fußballs unters Volk. Klaus Fischer und Olaf Thon plaudern mit Fans aus dem Publikum. Clemens Tönnies bleibt oben auf der Bühne zurück. Gelegentlich beugt er sich herunter, wenn Zuschauer nach ihm rufen und ihn um etwas bitten. Die Fans müssen ihre Arme recken, damit sie ihm einen Stift und eine Autogrammkarte zu Füßen legen können.

Es ist Juli, Mihaela C. sitzt noch immer in Untersuchungshaft, als bei der Bielefelder Staatsanwältin Stefanie Jürgenlohmann ein ihr unbekannter Rechtsanwalt anruft, Thomas Kuhn aus Bochum. Eines Tages steht er sogar in ihrem Büro. Er lässt sich nicht abwimmeln, immer wieder meldet er sich. Er hat der Staatsanwältin eine E-Mail geschickt, am 21. Juli um 14.25 Uhr. Darin hat er um eine Besuchserlaubnis im Gefängnis gebeten, "zum Zweck eines Anbahnungsgesprächs" bei Mihaela C. – "und zwar ohne Anwesenheit eines Beamten". Kuhn hat bereits erfahren, dass die Beschuldigte schon einen Rechtsanwalt hat, einen Pflichtverteidiger aus Bielefeld. Aber Kuhn lässt nicht locker. Im Auftrag des Arbeitgebers von Mihaela C. sei er da, sagt Kuhn. Er druckst herum, will nicht zu erkennen geben, wer dieser Arbeitgeber ist. Die Staatsanwältin glaubt herauszuhören, dass der Arbeitgeber Tönnies dahinterstecke. Schließlich erteilt sie dem Anwalt eine Besuchserlaubnis.

Zweimal am selben Tag fährt Kuhn zum Gefängnis in Bielefeld-Brackwede, um vorgelassen zur werden. Kuhn bringt einen Mann mit, der Vorarbeiter in der Fleischfabrik ist und den Tönnies gern präsentiert, wenn Medienleute ein positives Bild von der Firma zeichnen sollen. Christian T., ein Rumäne, soll dolmetschen.

Eine Wärterin klopft an die Zellentür. Besuch für Sie, sagt die Übersetzerin, von der die Wärterin begleitet wird, Anwalt Kuhn und sein Dolmetscher warten. "Nein", antwortet Mihaela C., wird sie später erzählen, sie wolle die Besucher nicht sehen. Sie habe ja schon einen Anwalt.

Was will Kuhn? Will er Mihaela C. einfangen? Sie von Aussagen über die Fabrik abhalten? "Nein", sagt Kuhn, "das war für uns ein normaler Vorgang." Und dennoch ist die Geschichte hier nicht zu Ende.

Denn plötzlich meldet sich eine fremde Anruferin bei Mihaela C.s Tochter. Daniela D. ist inzwischen 21 Jahre alt, nach München gezogen und arbeitet dort im Lager eines Supermarktes. Die Anruferin nennt nicht ihren Namen, spricht rumänisch und hat sich die Handynummer der Tochter von einer der Arbeiterinnen beschafft, mit denen Mihaela C. zusammenwohnte. Im Auftrag des Anwaltes Kuhn melde sie sich, sagt die Anruferin, der Anwalt arbeite für Tönnies und wolle Mihaela C. helfen. Wie viel die Unterstützung denn koste, will Daniela D. wissen, und sie erfährt: Das alles koste nichts, keinen Cent.

Die Anruferin weiß eine Menge über die Tat der Mutter und erzählt der Tochter, dass Mihaela C. das Baby wahrscheinlich niemals wiedersehen werde, aber der Anwalt könne sie aus dem Gefängnis holen. Vielleicht könne Mihaela C. dann zu ihrer Tochter ziehen, und vielleicht werde eine deutsche Behörde die Miete der Wohnung übernehmen. Vielleicht sei es ihr, der Anruferin, später einmal möglich, den Jungen, der jetzt einen amtlichen Vormund hat, zu adoptieren, sodass Mihaela C. ihn besuchen könne. Aber zunächst brauche der Anwalt eine Vollmacht. Das alles kommt Daniela D., der Tochter, sehr seltsam vor.

Sie weiß nicht, dass die eigenartige Anruferin mit einem leitenden Angestellten von MGM verheiratet ist. Tag für Tag ruft die Fremde bei Mihaela C.s Tochter an und verwickelt sie in Gespräche, die insgesamt Stunden dauern – und das alles, um Mihaela C. an den Anwalt Kuhn zu binden.

Den Richtern in Bielefeld ist der Name Tönnies inzwischen ein Begriff

Warum gibt er sich so viel Mühe, eine mittellose Rumänin zu vertreten? "Kuhn ist unser Firmenanwalt", sagt MGM-Geschäftsführer Christian Göhlich. "Kuhn kümmert sich um Arbeiter, die in Schwierigkeiten stecken. Auch wenn wir nicht das Sozialamt sind."

Kuhn ist normalerweise nicht als Strafverteidiger tätig, seine Kanzlei hat sich auf Arbeits- und Vertragsrecht spezialisiert. Besucht man ihn in seiner Kanzlei in Bochum, sagt er oft "wir", wenn er MGM meint. Für diese Firma ist er seit über zehn Jahren tätig. Über Mihaela C. sagt er: "Da haben wir uns nichts vorzuwerfen. Wir haben versucht, ihr zu helfen."

Der einzigen rumänischen Arbeiterin, deren persönliches Drama dem Ansehen der Fleischfabrik gefährlich werden könnte, soll mit einem Mal die ganze Fürsorge der Firma geschenkt werden?

Man kann nicht mit Gewissheit behaupten, dass allein die Zustände in der Fabrik die Tat der Mihaela C. bestimmt hätten. Niemand kann rekonstruieren, was in dem Kopf der Arbeiterin vorging, als sie das Neugeborene in eine Tüte steckte. Denkbar, dass sich mehrere Motive mischten. Vielleicht hätte sie anders gehandelt, wenn sich der Vater zu dem Kind bekannt hätte. Der Subunternehmer MGM beteuert, eine ganze Reihe ausländischer Arbeiterinnen sei schwanger geworden und habe Mutterschutz genossen. Keine schwangere Arbeiterin habe etwas zu befürchten. Auch die Firma Tönnies behauptet dies. Davon hat Mihaela C. nie etwas mitbekommen. Sie fürchtete Konsequenzen, die auf keinem Schwarzen Brett ausgehängt werden.

Sicher ist, dass die Fabrik in Mihaela C.s verzweifelter Lage eine wichtige Rolle spielte. Die Firma war ihr Leben. Am Tag nach ihrer Tat stand sie schon wieder am Band. Sicher ist auch, dass man Clemens Tönnies für nichts verantwortlich machen kann. Wie soll jemand schuldig werden, der formal unbeteiligt war? Und doch hat er etwas beigetragen, etwas Entscheidendes. Er duldet Graubereiche in seiner Fabrik, in denen sich menschliche Dramen abspielen. Und er schützt sein Gewissen, indem er den unappetitlichen Teil des Geschäfts an Subunternehmer delegiert.

Wie viele dieser Firmen in der Fleischfabrik tätig sind? Darauf weiß Clemens Tönnies keine Antwort, wenn man ihn persönlich danach fragt. Er kann nicht einmal den Namen eines einzigen Subunternehmers nennen. "Ich bin nicht der große Zampano, der alles regelt", sagt Tönnies. Aber er hat seinen Referenten für Arbeitsrecht viele Informationen über Mihaela C. sammeln lassen. Im Gespräch mit der ZEIT behauptet der Referent zunächst, er wisse nicht, welcher Anwalt zu Mihaela C. ins Gefängnis geschickt wurde. Wenig später verplappert er sich und nennt den Namen, Kuhn.

Tönnies sagt: "Der Fall hat mich tief erschüttert." Mihaela C. sei "in hohem Maße kriminell. Die hat doch wohl eine Vollmeise." Schließlich spricht er einen Satz aus, den schon der Geschäftsführer des Subunternehmers MGM benutzte und der zu einem Refrain der ganzen Geschichte geworden ist: "Ich habe mir nichts vorzuwerfen."

Tönnies hätte Mihaela C. eine psychologische Betreuung beschaffen können oder eine kleine Wohnung, aber nichts dergleichen geschah. Als der Anwalt Kuhn trotz seiner Beharrlichkeit nicht zu ihr durchdringt, endet die Fürsorge abrupt. Eine Bürgerin aus Rheda-Wiedenbrück nimmt sich Mihaela C. an, sie heißt Inge Bultschnieder. Sie hat eine Initiative gegründet, die ausländische Arbeiter unterstützt. Inge Bultschnieder bringt Mihaela C. in einer kirchlichen Einrichtung unter. Dort wartet Mihaela C. auf den Beginn des Gerichtsprozesses. Sie sitzt in ihrem Zimmer und weint oft. Sie sagt: "Ich will für diese Tat bestraft werden." Wie steht sie jetzt vor Gott da? Wird sie ihr Kind jemals wiedersehen? Und welche Geschichte wird ihr Sohn über seine Mutter erzählen, wenn er einmal erwachsen sein wird?

Clemens Tönnies wird im Prozess keine besondere Rolle spielen. Er wird von sich sagen können, dass ihn keine Schuld treffe, zumindest keine juristische Schuld. Über den Fall Mihaela C. wird er nicht stolpern.

Der Oktober war ein guter Monat für ihn. Auf der Liste der 500 reichsten Deutschen, veröffentlicht im manager magazin, steht er jetzt auf Platz 127, mit einem Vermögen von 1,1 Milliarden Euro. Er hat sich binnen eines Jahres um 13 Plätze verbessert.

Im Spätsommer hat er in einem 18 Tonnen schweren Spezialfahrzeug, einem Safari-Laster, sechs Wochen lang Afrika durchpflügt. Er nannte es "einen Traum". Danach hat er im Bundesministerium für Wirtschaft vor Sigmar Gabriels Augen ein Papier unterzeichnet, eine Selbstverpflichtung, die dazu führen soll, dass spätestens im Juli 2016 alle Arbeiter in Fleischbetrieben sozialversichert sind. Allerdings wird es weiterhin erlaubt sein, Subunternehmer anzuheuern und ihre Arbeiter zu beschäftigen. Das System Tönnies wird nicht in Gefahr geraten.

Seine Firma, sagt er, habe in diesem Jahr 25 ehemalige Arbeiter von Subunternehmen fest eingestellt. Aber die Organisationen, die sich um osteuropäische Fleischarbeiter kümmern – die IG WerkFAIRträge, die Beratungsstelle Faire Mobilität des Deutschen Gewerkschaftsbundes und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten – kennen niemanden von ihnen.

Den Richtern in Bielefeld ist der Name Tönnies inzwischen ein Begriff. Erst im Februar dieses Jahres ging ein Pole in einer Unterkunft ausländischer Fleischarbeiter auf einen Kollegen mit einem Schlachtermesser los, das Opfer verblutete. Solche Vorkommnisse überraschen im Landgericht niemanden mehr.

Auch im nächsten Jahr wird Clemens Tönnies die Schützenparade in Rheda anführen und sich von Passanten zujubeln lassen. Vielleicht wird er auch wieder auf eine Bühne springen und Marius Müller-Westernhagens Song Sexy singen. Noch im November will er nach Moskau fliegen und im Ministerium für Landwirtschaft Geschäftliches besprechen. Mit sehr viel Glück wird er Wladimir Putin wiedersehen. Clemens Tönnies hat es wieder allen gezeigt, und wenn ihn jemand auf die dreckigen Stellen in seinem Leben ansprechen sollte, dann wird er behaupten können, er merke davon nichts.

Gegendarstellung

Sie schreiben unter www.zeit.de am 14. Dezember 2015 unter der Überschrift "Der König der Schweine" in Bezug auf eine bei der Firma MGM tätige "Mihaela C.", welche bei uns im Schlachtbetrieb eingesetzt war:

"Ihr Arbeitgeber hat diese Wohnung … für sie ausgesucht, sie musste dort einziehen. … Den Job und  die Unterkunft, das gibt es für viele Arbeiter nur zusammen."

Hierzu stellen wir fest:

Frau Mihaela C. musste dort nicht einziehen. Eine Verpflichtung bei Abschluss eines Arbeitsvertrages auch ein vorgegebenes Mietverhältnis einzugehen gibt es nicht.

Weiter schreiben Sie:

"Nacken, Schnitzel, Arbeit, Tonnies – das sind die deutschen Wörter, die sie nach anderthalb Jahren in Ostwestfalen kennt."

Zu dem hierdurch erweckten Eindruck, Mihaela C. sei anderthalb Jahre bei uns tätig gewesen, stellen wir fest:

Sie war sieben Monate bei uns eingesetzt.

Weiter schreiben Sie:

"Denn plötzlich meldet sich einen fremde Anruferin bei Mihaela C.s Tochter. … Im Auftrag des Anwalts Kuhn melde sie sich, sagt die Anruferin, der Anwalt arbeite für Tönnies … ."

Hierzu stellen wir fest:

Die Anruferin hat nicht im Auftrag des Anwalts Kuhn angerufen und dies auch nicht geäußert. Sie hat nicht geäußert, dass der Anwalt für Tönnies arbeite.

Rheda-Wiedenbrück, den 10. Februar 2016

Tönnies Lebensmittel GmbH & Co. KG,
vertr. d. d. Tönnies Lebensmittel Beteiligungs GmbH,
diese vertr. d. d. Geschäftsführer Josef Trilling und Josef Tillmann

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