Der japanische Wirtschaftsminister Motoo Hayashi (zweiter von links) im Oktober während einer Inspektion des havarierten Reaktors in Fukushima © Reuters/Kyodo

Wäre Kazuto Tatsuta vor vier Jahren besser bei Kasse gewesen, hätte es ihn nie nach Fukushima verschlagen. "Aber ich brauchte dringend Geld", erinnert sich der 48-Jährige heute. Nachdem Teile von Japans Nordostküste am 11. März 2011 von einem Erdbeben und einem Tsunami verwüstet und anschließend in einer Atomkatastrophe verstrahlt wurden, starben fast 20.000 Menschen. 300.000 wurden in andere Teile des Landes evakuiert.

Aber nicht alle verließen die Gegend um das Reaktorgelände Fukushima Daiichi, wo es zu drei Kernschmelzen gekommen war. Viele Japaner zogen genau dorthin – um aufzuräumen. Kazuto Tatsuta war einer von ihnen. Kaum ausgebildet, arbeitete er in einem Gebiet mit Bergen von Strahlungsmüll. Heute inspirieren ihn seine Erfahrungen zu einigen der in Japan sehr populären Manga-Comics, die er zeichnet. Seinen richtigen Namen verrät er nicht, aber durch seine Bildergeschichten ist er einer der wichtigsten Informanten in Bezug auf das Innenleben von Fukushima Daiichi geworden, ein Kenner der Arbeitsbedingungen auf dem Kraftwerksgelände.

Die sind schlimm. Anfang dieses Jahres starben zwei Arbeiter bei Unfällen. Als der ehemalige Kraftwerksmanager Masao Yoshida im Juli 2013 an Speiseröhrenkrebs starb, teilte Kraftwerksbetreiber Tepco mit, dass kein Zusammenhang mit der Strahlungsbelastung bestehe. Und dann sorgten Ende 2013 Machenschaften der japanischen Mafia Yakuza für Schlagzeilen: Rund 50 Gangs hatten Obdachlose und Schuldner als billige Arbeitskräfte in das Gebiet geschleust. Tepco und Regierung beteuerten, davon nichts geahnt zu haben.

"Viele Leute, die zum Arbeiten kommen, sind nur dort, weil sie keine Wahl haben", berichtet Manga-Zeichner Tatsuta. "Als ich zum ersten Mal nach Fukushima fuhr, hatte eine Zeitungsannonce einen Stundenlohn von 2.000 bis 3.000 Yen versprochen. Mein erster Einsatz brachte aber nur 8.000 Yen pro Tagesschicht", sagt er. Das entsprach in etwa dem Mindestlohn der Präfektur Fukushima, 789 Yen pro Stunde, umgerechnet etwa sechs Euro. Tatsutas Aufgabe war, die Strahlenbelastung der Kollegen zu messen, die aus den Reaktoren kamen. Er hatte einen Zeitarbeitsvertrag bei einem Subunternehmen.

Vor Subunternehmen wimmelt es auf dem Gelände. Hunderte sind es, die sich auf eng abgesteckte Bereiche spezialisiert haben. Etwa auf die Kontrolle der Strahlendosen, den Abtransport radioaktiver Gegenstände, den Rückbau der Reaktoren, den Bau von Wassercontainern oder die Instandhaltung noch laufender Maschinen. In einigen Fällen besteht die Hierarchie der Subunternehmen aus sieben Stufen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

An der Spitze steht immer der Kraftwerksbetreiber Tepco, der Aufgaben delegiert. Rechtlich trägt die de facto verstaatlichte Aktiengesellschaft, zugleich Japans größter Energieversorger, dadurch weder die direkte Verantwortung für die Bezahlung vieler Arbeiter noch die für deren Ausbildung. Politisch sorgt das Thema für Aufregung. Die Regierung will schnellere Fortschritte in der Kontrolle der Atomruine erzielen, deswegen ist die Anzahl der dauernd dort anwesenden Arbeiter im vergangenen Jahr von 4.000 auf 7.000 gestiegen. Insgesamt dürften so, rechnet man die durch die Strahlung bedingten häufigen Schichtwechsel mit ein, allein im Jahr 2014 insgesamt 22.000 Arbeiter vor Ort gewesen sein. Binnen sieben Monaten wurden dabei 39 Arbeitsunfälle vermeldet, acht davon waren schwer.

Jeden Freitag demonstrieren Atomgegner vor dem Büro des Premierministers Shinzo Abe in Tokio und kritisieren die Arbeitsbedingungen der Helfer. Ende Oktober wurde ein Arbeiter, der seit seinem Einsatz mit Leukämie kämpft, offiziell als Krankheitsfall anerkannt. Nun hat er Anspruch auf Schadensersatz. Noch immer laufen Gerichtsverfahren einiger Arbeiter, die sich ausgebeutet fühlen und von Tepco eine Gefahrenzulage fordern. Alle zwei bis drei Monate, wenn eine Parlamentskommission zur Lage in Fukushima Daiichi tagt, debattiert nun auch die Politik über die neue japanische Arbeiterfrage.