Acht kleine Staaten haben einen kühnen Plan: Sie wollen die Subventionen für Kohle, Erdöl und Gas abschaffen. Weltweit. Nicht am Sankt-Nimmerleins-Tag wollen sie den Plan besiegeln, sondern möglichst bald. Beim Weltklimagipfel in Paris, der am 30. November beginnt, soll der Plan endlich Aufwind erhalten. Seit fünf Jahren arbeiten die "Freunde einer Reform der Subventionen für fossile Energien" an diesem Vorhaben. Zum Freundeskreis gehören Neuseeland, Äthiopien, Costa Rica, Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden – und die Schweiz.

Nur weiß davon hierzulande kaum jemand. Warum eigentlich nicht?

Denn das Ziel der Freunde ist wichtig und dringend, angesichts der Klimaerwärmung: Die Länder sollen den Preis für Öl, Gas und Kohle nicht weiter künstlich senken. Doch genau dies tun fast alle. 550 Milliarden Dollar betrugen die weltweiten staatlichen Subventionen laut der Internationalen Energieagentur (IEA); allein im Jahr 2013. Das ist mehr als viermal so viel, wie die Staaten im selben Jahr zur Förderung von erneuerbaren Energien ausgegeben haben. Und die 100 Milliarden, mit denen die reichen Länder von 2020 an die armen, vom Klimawandel betroffenen Länder unterstützen wollen, wirken angesichts solcher Summen bescheiden.

In gut drei Wochen beginnt der Klimagipfel der Vereinten Nationen. Hinter den Kulissen wird längst verhandelt, lobbyiert, geweibelt. Schweizer Botschafter werden bei den Ministerien ihrer Gastländer vorstellig und suchen weitere Verbündete. "Die Schweiz bringt als Mitglied das Anliegen der Freunde aktiv in die Klimaverhandlungen ein", sagt Franz Perrez, Verhandlungsleiter der Schweizer Klimadelegation. Auch Energieministerin Doris Leuthard macht sich auf Klimagipfeln seit Jahren für das Anliegen stark. Und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann betonte unlängst bei der Frühjahrstagung der Weltbank in Washington: "Fossile Subventionen sind ineffizient und nützen zu einem großen Teil jenen, die nicht arm sind." Die momentan tiefen Ölpreise seien eine selten gute Gelegenheit, diese abzuschaffen.

Viel Aufhebens um das Engagement von Diplomaten und Bundesräten wurde aber nie gemacht. Wenn, dann informiert die Landesregierung beiläufig über die Mission. "Der Bundesrat hat weder über Zurückhaltung in diesem Bereich gesprochen, noch hat er eine solche beschlossen." Die Antwort von Regierungssprecher André Simonazzi ist so formell wie inhaltsleer.

Eine der ganz wenigen Erwähnungen des Freundeskreises in der hiesigen Presse findet sich in der Schweiz am Sonntag. In einem Gastbeitrag von WWF-Chef Thomas Vellacott aus dem Jahr 2013. Die Schweiz sei nicht der "Musterknabe", als den sie sich darstelle, schreibt er. Als Mit glied von multilateralen Entwicklungsbanken unternehme sie zu wenig, um zu verhindern, dass solche Banken den Bau von Kohlekraftwerken mit ihren Krediten unterstützten – und damit fossile Energien subventionierten.

Hüst und Hott zwischen Diplomatie und Innenpolitik

Tatsächlich ist die Schweiz nicht nur in der Weltbank, sondern auch in weiteren Entwicklungsbanken in den Leitungsgremien vertreten. Von 2003 bis 2013 habe sie die Finanzierung von acht Kohlekraftwerken durch solche Banken unterstützt, wie der Bundesrat in der Antwort auf eine Interpellation einräumte. Bloß bei zwei Kohlekraftprojekten enthielt sich die Schweiz der Stimme.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Doch nun hat sich der Wind womöglich gedreht: Seit 2013 musste die Schweiz über die Finanzierung von drei Kohleprojekten durch Entwicklungsbanken mitbefinden. Dreimal hat sie sich der Stimme enthalten, wie das zuständige Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) auf Anfrage der ZEIT schreibt. Da solche Projekte in der Regel aber eine bestimmte Zahl an Jastimmen brauchen, wirke sich eine Enthaltung "abstimmungstechnisch gesehen wie eine Ablehnung" aus. Eine Sprecherin erklärt: "In den letzten Jahren hat die Sensibilisierung für Klimafragen in der internationalen Zusammenarbeit des Seco generell zugenommen". So habe sich die Schweiz dafür eingesetzt, dass die neue Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB) keine Kohlekraftwerke mehr finanzieren dürfe. Die Schweiz will bei dieser von China aufgegleisten Bank als Gründungsmitglied mitmachen. Allerdings, heißt es beim Seco, sei es "wenig wahrscheinlich, dass alle Gründungsmitglieder diese Position teilen". Realistischer sei deshalb, dass man sich auf eine "restriktive Finanzierung" von Kohlekraftwerken verständigen werde.