DIE ZEIT: Herr Brauneis, wie oft stehen Sie vor Neonazis, wenn Sie an sächsischen Schulen Workshops zu Rechtsextremismus und Rassismus geben?

Matthias Brauneis: Es gab vor einiger Zeit einen Projekttag in einer betrieblichen Einrichtung, da fielen 22 der 27 Schüler dadurch auf, dass sie alle standardmäßigen rechten Parolen ausgepackt haben. Die restlichen fünf Schüler sagten nichts. Unser Team kam völlig frustriert zurück.

ZEIT: Sind solche Situationen die Regel?

Brauneis: Die Regel ist eher, dass die Neonazis vereinzelt in den Klassen sitzen und sich extrem unauffällig verhalten. Die stören selten und geben absolut erwünschte Antworten. Je länger sie in der Szene sind, umso besser sind sie geschult. Die grinsen uns an, als wollten sie sagen: Na, was willst du denn jetzt mit mir machen?

ZEIT: Wie hat die Debatte um Pegida und die Flüchtlingsströme die Arbeit Ihres Netzwerks verändert?

Brauneis: Wir bekommen inzwischen nicht nur von Schulen, sondern auch von betrieblichen Ausbildungseinrichtungen Anfragen. Für Letztere ist das Thema oft besonders akut, weil sie in den Klassen viele mit rechter Gesinnung sitzen haben, es aber im Unterricht keinen Raum gibt, sich damit auseinanderzusetzen. Es fällt auch auf, dass die Schüler weniger Hemmungen haben, Dinge zu äußern, die sie bei Pegida oder in ihren Elternhäusern gehört haben. Wenn man drüber spricht, merkt man schnell, dass sich hinter den komischen Bildern in ihren Köpfen ganz konkrete Fragen und Ängste verbergen.

ZEIT: Welche sind das?

Brauneis: Was denn jetzt werde, wenn so viele kommen. Das würde doch nicht gehen, dass wir die alle aufnehmen. Was auch Standard ist: Steigt nun die Kriminalität? Wieso kriegen die so viel, wieso haben die alle die tollsten Smartphones? Werden wir als Deutsche jetzt nicht auch diskriminiert? Die Schüler verstehen zum Beispiel nicht, warum ihr bester Freund plötzlich kein Thor-Steinar-T-Shirt mehr tragen darf. Weil die Hausordnung das seit Neuestem verbietet. Das Tragen dieser Klamotten haben viele bislang gar nicht mit einer bestimmten Gesinnung in Verbindung gebracht.

ZEIT: Es gibt viele Schüler in Sachsen, die sich mehr politische Bildung im Unterricht wünschen. Warum trauen sich die Lehrer da nicht ran?

Brauneis: Die Haltung nicht weniger Lehrer ist: Schule ist ein unpolitischer Raum. Jegliche Form der Positionierung, alles Politische wird vor der Tür gehalten. Natürlich gibt es viele engagierte Lehrer, aber die haben kaum die Möglichkeit, über den Gemeinschaftskundeunterricht hinaus etwas zu bewegen. Und wenn wir die aktiven Pädagogen auf unsere Lehrerfortbildungen und Argumentationstrainings ansprechen, dann sagen die leider öfter: Das können Sie bei uns vergessen! Die Engagierten erleben sich oft als Einzelkämpfer.

ZEIT: Wovor haben die Lehrer Angst?

Brauneis: Es gibt eine Angst davor, Sachen falsch zu machen, nicht sicher genug argumentieren zu können. Ich kann das verstehen, denn Themen wie Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus sind komplex, wer sich damit vor eine Klasse stellt, der muss am Ball bleiben, um gute Argumente zu haben.