DIE ZEIT: Gibt es "gute" Grenzen? Grenzen, die Staaten schützen, ohne brutal zu sein?

Demetrios Papademetriou: Das ist eine höllisch schwierige Frage.

ZEIT: Gut, einfacher: Lassen sich Grenzen sichern?

Papademetriou: Natürlich. Praktisch alle Staaten der Erde tun das, mit Erfolg. Es gibt keine Region auf der Welt, die solche Schwierigkeiten hat, ihre Grenzen zu schützen wie Europa. Wenn ich mit Beamten oder Politikern in Brüssel spreche, bin ich jedes Mal schockiert, dass sie überzeugt sind, sie könnten nichts tun, um die Wanderungsbewegungen von Menschen zu beeinflussen. Dabei war kein anderes Thema jemals von solch existenzieller Bedeutung für Europa wie die Flüchtlingskrise.

ZEIT: Wie lassen sich Grenzen sichern? Die Kanzlerin sagt, Zäune helfen nicht.

Papademetriou: Das stimmt nicht. Es gibt jede Menge Optionen, um Grenzen zu sichern, und sie alle sind mit internationalem Recht vereinbar. Schauen Sie in die USA, wir haben lange Grenzen und viele Probleme mit Migration. Die USA haben deshalb Milliarden Dollar in den Grenzschutz investiert, in Zäune und neues Personal, die Zahl der Grenzschützer wurde annähernd versechsfacht. Seither ist die Grenze unter Kontrolle.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

ZEIT: Also doch Zäune bauen, rings um Europa und mitten durch Europa?

Papademetriou: Klar, es ist sehr schwierig, innerhalb Europas wieder Grenzen zu sichern, weil das alles infrage stellt, was die EU in den letzten Jahrzehnten erreicht hat. Die Außengrenzen sind etwas anderes. Aber auch dort droht ein Dominoeffekt: Wenn die EU ihre Außengrenzen schließt, wird dem nächsten Nachbarland, Serbien, nichts anderes übrig bleiben, als seine Grenzen zu schließen. Dann wird Montenegro folgen und so weiter, bis Griechenland übrig bleibt. Und wenn in Griechenland dreihunderttausend Flüchtlinge festsitzen, dann wird es dort eine Revolution geben, und ich meine das ernst: eine Revolution. Die Grenzen zu sichern genügt also nicht. Wichtiger ist etwas anderes. Wenn wir die Menschen davon abhalten wollen, weiter in so großer Zahl nach Europa zu kommen, dann müssen wir uns in ihre Köpfe versetzen. Wir müssen ihre Motive verstehen, warum sie sich aufmachen, warum sie sich in die Hände von Schleppern begeben, warum sie ihr Leben aufs Spiel setzen. Wenn wir das nicht schaffen, dann wird die Wanderung weitergehen, wir werden schreckliche Fernsehbilder sehen, irgendwann werden Menschen auf der Route sterben. Und was wird Europa dann tun?

ZEIT: Warum setzen die Menschen ihr Leben aufs Spiel, um nach Europa zu kommen?

Papademetriou: Weil sie nahezu sicher sein können, dass sie bleiben dürfen, wenn sie es hierhergeschafft haben. Egal, woher sie kommen. Die gegenwärtige Politik hat Europa zu einem Magneten gemacht, der mehr und mehr Menschen anzieht, die hier eine Chance auf ein besseres Leben sehen.

ZEIT: Weil Frau Merkel die Grenzen geöffnet hat?

Papademetriou: Nein, das ist nur ein Teil. Aber ein wichtiger. Was Frau Merkel getan hat, war ein historischer Akt. Man wird sich daran noch in zwanzig Jahren erinnern. In einer halben Stunde, oder wie lange es gedauert haben mag, um die Entscheidung zu treffen, wurde Deutschland zum gelobten Land, das immer mehr Menschen anzieht. Aus meiner Sicht haben sich Frau Merkel und Peter Altmaier, ihr Kanzleramtsminister, bei dieser Entscheidung kolossal verrechnet, was immer ihre Motive gewesen sein mögen.

ZEIT: Frau Merkel sah eine humanitäre Notlage.

Papademetriou: Ich verstehe, dass sie unter enormem Druck stand. Aber wer solch eine Entscheidung trifft, muss wissen, was eine solche Erklärung auslöst, im eigenen Land und bei den Menschen im Nahen Osten.

ZEIT: Wollen Sie behaupten, Frau Merkel habe die Flüchtlingskrise allein mit ihrer Bemerkung ausgelöst?

Papademetriou: Natürlich nicht. Aber ihre Entscheidung hatte Folgen, über die zu wenig nachgedacht wird. Zum einen passierte etwas, was ich als Vereinfachungen bezeichne: Jeder Mensch im Mittleren Osten, der gehen wollte, wurde plötzlich zu einem Syrer. Jeder Mensch in Bangladesch oder Pakistan, der gehen wollte, wurde zu einem Afghanen. Weil diese beiden Gruppen ohne allzu genaue Prüfung in Deutschland aufgenommen werden. Und zweitens: Migration produziert mehr Migration. Einwanderer ziehen andere Einwanderer nach. Die Informationen verbreiten sich in Echtzeit, über die Sozialen Netzwerke, über die Smartphones, und wenn sie sich verbreitet haben, ist es egal, was die Politiker später erklären. Denn die Flüchtlinge haben bereits die einzige Information, die ihnen wichtig ist: Wenn ihr hierher, nach Deutschland, kommt, werdet ihr aufgenommen. Das ist alles, was zählt.