Manchen Menschen fällt der Weg zurück ins Leben einfacher als anderen. © Toby Melville/Reuters

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5. November und wurde somit vor den Anschlägen in Paris verfasst. Alle Hintergründe und aktuellen Entwicklungen zu den Attentaten finden Sie auf der Themenseite "Terror in Frankreich".

Plötzlich kann die Krise da sein, sie kann auf tausenderlei Arten über uns herfallen. Auf Henriette Reker kam sie in Form einer Rose zu, hinter der sich ein fast halbmeterlanges Messer verbarg. Damit stach der Attentäter Mitte Oktober auf die Kölner Politikerin ein und verletzte sie lebensgefährlich am Hals. Ganz Deutschland war schockiert, als die Nachricht von dem Attentat vor der Kölner Oberbürgermeisterwahl bekannt wurde. Die Kandidatin Reker hatte sich als Sozialdezernentin für die Unterbringung von Flüchtlingen engagiert. Dagegen wollte der rechtsextreme Täter "ein Zeichen" setzen.

Nun wird die Tat zu einem Symbol. Sie wird zum Zeichen für die Widerstandskraft der Zivilgesellschaft, die sich von Fremdenhassern nicht einschüchtern lässt. Noch auf der Intensivstation im Krankenhaus wurde Henriette Reker zur Oberbürgermeisterin von Köln gewählt, erstmals in ihrer Geschichte bekommt die Stadt eine weibliche Chefin. Und so wie Rekers Genesung weiter fortschreitet – derzeit erholt sie sich in einer Reha-Klinik –, wird sie auch zum Symbol für die psychische Stärke eines Menschen, der selbst eine Attacke auf das eigene Leben überwinden kann.

Noch kann man Henriette Reker dazu nicht befragen. Die Sicherheitsbehörden halten den genauen Ort ihres Aufenthalts geheim. Doch auch andere Beispiele zeigen, wie erheblich die Widerstandskräfte eines Menschen sein können. Wolfgang Schäuble, auf den 1990 ein geistig verwirrter Täter schoss, sitzt seither querschnittsgelähmt im Rollstuhl – ist aber politisch weiter hochaktiv, strahlt Witz und Zuversicht aus.

Auch Oskar Lafontaine, der im selben Jahr eine Messerattacke überlebte, ließ sich davon in seinem politischen und persönlichen Engagement nicht bremsen. Man könnte auch Samuel Koch nennen. Beim Versuch, über ein fahrendes Auto zu springen, verunglückte er im Dezember 2010 bei Wetten, dass..? vor laufender Kamera und ist seither querschnittsgelähmt. Trotzdem sagt er, er sei "dankbar", und tourt im Rollstuhl als Schauspieler und Buchautor durch die ganze Republik.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Solche Schicksale sind nicht nur menschlich bewundernswert. Auch die Wissenschaft interessiert sich dafür. "Resilienzforschung" nennt sich jene Disziplin, die sich mit der Frage auseinandersetzt, was Menschen in existenziellen Krisensituationen Halt gibt. Um Attentate auf Politiker geht es dabei eher selten. Meist stehen "normale" Lebenskrisen im Zentrum der Forschung, etwa der Umgang mit dem Tod naher Angehöriger, mit Krebs- und anderen bedrohlichen Diagnosen, mit Unfällen oder Schicksalsschlägen. Auch mit kriegstraumatisierten Soldaten oder den Opfern von Terroranschlägen beschäftigt sich die Forschung, denn in all diesen Fällen zeigt sich immer wieder ein verblüffendes Phänomen: Während die einen von traumatischen Erlebnissen aus der Bahn geworfen werden, Depressionen oder eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, verarbeiten andere dieselbe Notlage relativ problemlos. Manche Menschen scheinen an existenziellen Krisen geradezu zu wachsen und an innerer Stärke zu gewinnen.

Nach 27 Jahren Gefängnis wären wohl die meisten gebrochen – Nelson Mandela hingegen behielt auch in der Zelle seine Hoffnung und den Glauben an seine politische Mission. Er überwand die Apartheid und wurde später zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas. Oder Malala Yousafzai, das pakistanische Mädchen, das sich für Bildung einsetzte und dem die Taliban in den Kopf schossen. Unbeirrt setzt sie ihren Kampf für die Mädchen ihres Landes fort und wurde 2014 die jüngste Friedensnobelpreisträgerin der Geschichte.

Was ist das Geheimnis all jener Menschen? Eigentlich bezeichnet der englische Begriff resilience (Spannkraft, Belastbarkeit) in der Materialkunde die Eigenschaft von Werkstoffen, nach starker Verformung wieder die ursprüngliche Gestalt anzunehmen. In den vergangenen Jahren aber hat der Begriff in der Psychologie, der Ökologie oder Soziologie eine steile Karriere gemacht. Als "resilient" werden mittlerweile nicht nur Menschen bezeichnet, die große Krisen unbeschadet bewältigen, sondern auch Gruppen, Unternehmen oder Ökosysteme, die sich angesichts massiver Irritationen als stabil erweisen.

Resilienz ist damit der Begriff der Stunde. Denn herrscht derzeit nicht permanent Krisenbewältigung – von der Finanz- über die Krim- bis zur Flüchtlingskrise, nicht zu vergessen die Klima-, Fifa- und VW-Krise? Dazu kommen tausendfach die persönlichen Lebenskrisen wie Scheidung, Kündigung, Krankheit oder Tod.